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Kinder nach der Trennung

"Müssen wir jetzt unser Haus auseinander sägen?" 

Obwohl es inzwischen schon fast zur Regel geworden ist, dass Paare, auch Elternpaare nur für eine bestimmte Zeit ihr Leben gemeinsam verbringen (jede zweite Ehe wird geschieden) ist eine Trennung oder Scheidung mit großen psychischen Belastungen verbunden - bei allen Beteiligten, auch dann, wenn das Auseinandergehen eine gute und entlastende Entscheidung ist, die den vielen verletzenden, oft auch gewalttätigen Konflikten im Vorfeld ein Ende setzt.

Während ein Paar (zumindest ein Teil des Elternpaares) die bewusste Entscheidung fällt, sich scheiden zu lassen, haben die Kinder auf die Tatsache, dass sich ihre Eltern nicht mehr verstehen, nicht mehr gemeinsam wohnen und nicht mehr miteinander leben wollen keinen Einfluss.

Trotzdem hat eine Trennung / Scheidung gravierende Auswirkungen auf ihr Leben und ruft existentielle Ängste hervor. Kinder fühlen sich hilflos und schuldig, verlassen, wütend und traurig, schlussendlich wird - durch die der Scheidung vorausgehenden und meistens auch noch folgenden Konflikte - ihr Selbstwert beeinträchtigt.

Trennung / Scheidung ist kein einfaches Ereignis, wie beispielsweise die Unterschrift auf der Scheidungsurkunde vor dem Familienrichter, sie ist ein komplexer, ganzheitlicher Prozess, der auf sehr unterschiedlichen Ebenen und nicht immer zeitsynchron abläuft (das Elternpaar hat sich beispielsweise schon mit dem Gedanken von getrennten Lebenswegen abgefunden, während die Sprösslinge noch heftig rebellieren und alle ihnen zur Verfügung stehenden Register ziehen, um ihre Eltern doch wieder zusammenzubringen).


 

Gravierende Beeinflussung 

Wie kommt es, dass Kinder so gravierend von einer Trennung der Eltern beeinflusst werden?

Neben gravierenden äußeren Veränderungen - Wohnungswechsel, neue Freunde, neue Schule, eine vielleicht wieder berufstätige Mutter, den Vater nicht mehr täglich sehen, finanzielle Probleme, die sich auch auf den Lebensstandard der Kinder auswirken etc. - bedeutet die Trennung der Eltern auch eine große innerpsychische Herausforderung.

Wachsen Kinder mit beiden Eltern auf, so besteht praktisch eine "Dreiecksbeziehung" zwischen Kind - Vater - Mutter. Für das Kind und für die Eltern ist die Elternebene und die Paarebene nicht klar getrennt. Das "Ehepaar" und das "Elternpaar" ist identisch. Bei einer Trennung stellt sich nun die große Frage - die berechtigterweise auch große Ängste hervorruft - ob denn nun ein Kind eben auch seinen Elternteil verliert.

Kinder sind sich - zurecht - nicht sicher, ob es den Eltern gelingt, sich zwar als Paar scheiden zu lassen - als getrennt lebende Elternteile aber trotzdem dem Kind zur Verfügung stehen. Die Kinder spüren genau, wie schwierig es für die Erwachsenen ist, sich nicht gleichzeitig auch von seinen Kindern scheiden zu lassen und die Beziehung als Elternteil einerseits aufrecht zu erhalten und andererseits auch dem Kind eine eigenständige Beziehung zum "weggegangenen" Elternteil zuzugestehen.


 

Scheidungsbezogne Aufgaben für Kinder und Jugendliche 

Es gibt sieben Aufgabenstellungen, die Kinder und Jugendliche im Verlauf einer Trennung und Scheidung zu bewältigen haben (Wallerstein und Blakeslee;1989):

  • Die Trennung der Ehe anerkennen und verstehen


Die Kinder müssen eine realistische Vorstellung davon bekommen, was eine Scheidung bedeutet und welche Folgen sie haben wird. Hier geht es zunächst darum, Informationen zu sammeln (neugierig zu sein und sein zu dürfen) und angstbesetzte Ideen (etwa vor dem endgültigen Verlust eines Elternteils) von wirklichen Veränderungen zu trennen. Ein tiefes Verstehen der elterlichen Trennung erfolgt häufig erst später - oft in der Pubertät, wobei dann auch Bewertungen und Motive der Eltern einbezogen werden.

Kindern dürfen auch erkennen, welche positiven Aspekte die Veränderung nach sich zieht (z.B. dass sich Mama und Papa nicht mehr streiten, dass sie Mama und Papa auch mal für sich alleine haben, dass sie zwei Betten haben - eines bei Mama und eines bei Papa etc.)

  • Zum eigenen Lebensstil und zu Gewohnheiten zurückfinden


Kinder und Jugendliche sollen sich nach einer Trennung / Scheidung möglichst bald wieder dem eigenen Leben zuwenden. Das gilt besonders für Jugendliche, die gerade damit begonnen haben, selbständig zu werden und durch die Konflikte der Eltern wieder in die Familie hineingezogen werden. Gedanken und Gefühle sollten sich nicht ausschließlich auf den Trennungs- und Scheidungsprozess richten. Kindliche Bedürfnisse sollten wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt und der Alltag normalisiert werden.

  • Verarbeitung von Verlust-, Ablehnungs- und Schuldgefühlen

Um keine ernsthaften Einbußen des Selbstwertgefühles zu erleiden, muss das Kind lernen und erleben, dass es nicht schuld ist an der Trennung und dass es - unabhängig von der Trennung - von beiden Elternteilen nach wie vor geliebt wird.

Viele Kinder haben das Gefühl, keine "richtige" Familie mehr zu haben. Sie empfinden ihre "geschiedene" Familie als minderwertig und lückenhaft. Diese Vorstellung wird durch viele gesellschaftliche Normen und Ideen unterstützt. Viele Eltern selbst haben die Vorstellung "versagt" zu haben, dem Kind die Mutter / den Vater zu nehmen, mit ihrer Ehe gescheitert zu sein. Wenigen gelingt es, stolz darauf zu sein, in einer schwierigen Lebenssituation die beste verfügbare Alternative gewählt zu haben, das Leben als AlleinerzieherIn zu meistern, es geschafft zu haben, trotz einer räumlichen Trennung eine gute und liebevolle Beziehung zu ihrem gemeinsamen Kind aufrecht zu erhalten.

Es ist wichtig - auch mit Unterstützung von außen - den Kindern die Gleichwertigkeit verschiedener Lebensformen nahe zu bringen.

  • Mit Zorn umgehen lernen


Viele Kinder in Trennungs- und Scheidungssituationen haben besondere Schwierigkeiten, ihre Wut und ihren Zorn auszudrücken. Wut und Zorn sind durchaus berechtigt, da die Kinder mit einer unangenehmen und konsequenzreichen Situation konfrontiert werden, die sie selbst nicht herbeigeführt haben. Die Kinder möchten jedoch einerseits den Eltern nicht noch mehr zumuten (Übernahme von Verantwortung - "wir müssen jetzt zusammenhalten"), andererseits möchten sie die scheinbar brüchig gewordene Beziehung zu den dringend benötigten Eltern nicht gefährden und besonders "brav" sein.

Kinder benötigen gerade hier besondere Hilfestellungen. Um diesen eigenen, inneren Konflikt zu lösen, benötigen sie (oft ganz neue) Ausdrucksmöglichkeiten für ihren Zorn und ihre Wut. So können sie wieder Vertrauen gewinnen und sich vergewissern, dass durch ihre Wut die Liebe und Zuwendung der Eltern nicht gefährdet wird.

  • Aussöhnung mit den Eltern.


Die Überwindung von Wut und Zorn auf die Eltern - insbesondere auf den Elternteil, der die Trennung herbeigeführt hat - und die Aussöhnung mit den Eltern stellen einen Prozess dar, der Zeit beansprucht. Gerade die jüngeren Kinder erleben die Trennung häufig gegen sich und ihre kindlichen Interessen gerichtet. Diese Wut scheint besonders dann lange anzuhalten, wenn sich die Eltern mit dem Kind gegen einander verbünden und Partnerkonflikte somit auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden.

  • Akzeptieren der Dauerhaftigkeit der Scheidung / Trennung


Normalität und Zukunftsorientierung kann sich dann einstellen, wenn es allen Beteiligten gelingt, die Trennung / Scheidung als endgültig zu akzeptieren. Das gelingt nicht allen gleichzeitig, jedes Individuum benötigt dazu seine eigene Zeit. Die Wünsche und Phantasien, die Eltern könnten doch wieder zusammenkommen, bleiben dann besonders lange und hartnäckig aufrecht, wenn auch ein Elternteil versucht, den anderen Partner zurück zu gewinnen und die Trennung nicht akzeptieren kann.


 

Eine kleine Übung

Nehmen sie drei Puppen, Tiere, Holzfiguren (was auch immer). Eines symbolisiert Mutter, eines Vater, eines Kinder. Sie benötigen auch noch drei Wollfäden (oder Klebeband) und eine Schere.

Erklären Sie den Kindern folgendes:



Zuerst lernen sich eine Frau und ein Mann kennen. Sie finden sich nett und fangen an, sich lieb zu haben. Die Liebe ist wie dieser Wollfaden zwischen den beiden Figuren.



Dann bekommen die beiden ein Baby. Die Mama hat das Baby ganz lieb und der Papa hat das Baby auch ganz lieb.
Das Baby bekommt jetzt also zwei Wollfäden - einen vom Papa und einen von der Mama.



Bei einer Scheidung trennen sich nur der Mann und die Frau, der Wollfaden zwischen Mama und Papa kann man durchschneiden (bitte den Wollfaden demonstrativ mit der Schere durchschneiden).



Die beiden Wollfäden zum Baby bleiben aber ganz. Sie werden nicht durchgeschnitten, da die Mama und der Papa ja nicht mit dem Baby streiten sondern es immer gerne haben, auch wenn die Liebe (der Wollfaden) zwischen ihnen beiden gerissen / durchgeschnitten ist.


 

Wann "braucht" eine Familie Hilfe? 

Wenn Sie ganz individuelle Fragen haben - gönnen Sie sich eine Beratung zur Orientierung.
Oft reichen schon ein paar Ideen oder Anstöße, um Unklarheiten zu beseitigen und Sicherheit zu gewinnen.

Nicht selten wird dem "Scheidungsgeschehen" auch zuviel Bedeutung zugemessen. In einer Familie, die eine Scheidung bewältig hat, gibt es natürlich auch noch andere Entwicklungsaufgaben. Beispielsweise werden Kinder größer und wollen erwachsen werden - mit und ohne geschiedene Eltern. Die Schwierigkeiten, die beispielsweise pubertierende Kinder ihren Eltern bereiten, sind nicht immer "scheidungsbedingt". Es kann gut sein, dass sich die Kinder "einfach" mehr Freiraum erkämpfen. Für solche und ähnliche Fragen ist ein persönliches Gespräch mit einem Experten - einer Expertin hilfreich



Weiterführende Angebote und Referenten 

ifs Beratungsstellen in Bludenz, Andelsbuch, Feldkirch, Hohenems, Dornbirn und Bregenz

PsychotherapeutInnen, PaartherapeutInnen

Ehe- und Familienzentrum der Diözese Feldkirch

Gigagampfa - Gruppenprogramm für Kinder aus Trennungs- und Scheidungsfamilien

Frauenreferat der Vlbg. Landesregierung
(plant Ratgeber für AlleinerzieherInnen)

Gerichtstage
(rechtliche Auskünfte)


Lesen Sie auch den Beitrag „Kinder in der Trennungsphase”. in derselben Publikationsreihe.

 

ReferentInnen 

Jimmy Gut, Psychotherapeut, Göfis
Rosemarie Bauer, Psychotherapeutin, Bludenz
Magª. Brigitte King, Psychologin, Feldkirch




 

Autorin 

Magª. Brigitte King
Jg. 1969, Psychologin, Betriebsökonomin, Ausbildung in systemischer Psychotherapie beim ÖAS in Salzburg und systemisch-hypnotherapeutischer Konzepte in der Kindertherapie, NLP; Schwerpunkte in der Arbeit: Beratung, Diagnostik und Therapie von Familien und Kindern, welche im Rahmen des ambulanten Familiendienstes des ifs betreut werden; Konzeptentwicklung und Fachbegleitung für Organisationen, welche Programme für Kinder und Jugendliche anbieten



Weiterführendes Angebot bzw. Beratung 

ifs Internetberatung oder eine der insgesamt sechs ifs Beratungsstellen

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