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Kinder sind anders ...

Das Kind weiß, was es braucht 

In eine Familie hineingeboren zu werden heißt, sich dort einen Platz zu erobern. Ein Familienzuwachs bedeutet immer Gefahr und Chance für beide Teile: für das Neugeborene und für die Eltern (und die Geschwister). Das Kind bringt seine individuellen Bedürfnisse mit, die befriedigt werden müssen, aber auch seine ganz persönlichen Ressourcen. Je nach Erlebnissen und Erfahrungen innerhalb der Familie kann es diese nützen und vermehren, der Zugang zu den Ressourcen kann aber auch verschüttet werden.


"Das Kleinkind weiß, was das Beste für es ist. Lasst uns selbstverständlich darüber wachen, dass es keinen Schaden erleidet. Aber statt es unsere Wege zu lehren, lasst uns ihm Freiheit geben, sein eigenes kleines Leben nach seiner eigenen Weise zu leben. Dann werden wir, wenn wir gut beobachten, vielleicht etwas über die Wege der Kindheit lernen." 

Maria Montessori (Zitat 1900)


Das Kind weiß, was es braucht. Wissen wir Erwachsenen das auch?
Wie erfahren wir, was es braucht, wo doch jedes Kind so anders ist?


 

Dein Kind zeigt dir den Weg. Wie? 

Das erfahren wir nur, wenn wir für unser Kind mit voller, ungeteilter Aufmerksamkeit wirklich anwesend sind, es wahrnehmen und mit Geduld, Einfühlung und Empfindsamkeit auf seine Bedürfnisse eingehen, ohne uns selbst dabei vollkommen zu verausgaben. Ein Kind gibt uns die Chance, unser Spüren und Fühlen neu zu beleben und wieder zu lernen, unseren natürlichen Gefühlen zu trauen. Lassen wir uns ein auf ein Langzeitlernen, auf einen langsamen Prozess. Schließlich müssen wir in unsere Elternrolle erst allmählich hineinwachsen. Das braucht Zeit, viel Gelassenheit und den Mut zur Unvollkommenheit! Mit einem Kind zu leben heißt, miteinander zu wachsen.

Das Kind muss nicht von Anfang an gefördert und trainiert werden, um möglichst gut zu funktionieren. Pfeifen wir auf diesen Stress! Statt dessen dürfen wir uns in Ruhe dem Baby zuwenden, es einfühlsam beobachten und die enorme Menge und Geschwindigkeit des Lernens in den ersten drei Lebensjahren schätzen lernen. Es braucht unser Vertrauen und die Zeit für seinen eigenen Entwicklungsprozess. Wir können vertrauen, dass es ein "Macher" ist, ein Forscher, den es dazu drängt, das zu lernen, wofür es bereit ist. Geben wir ihm dazu nur soviel Hilfe, um es selbst zu tun. Bringen wir ihm weniger bei, sondern stellen ihm eine Umgebung zur Verfügung, die lernen ermöglicht.
Erziehen ist Fühlen und Spüren.

 

Respekt

Es gibt weder Rezepte noch Methoden im Umgang mit dem Kind. Damit würden wir es als Person nicht ernst nehmen. Schon der kleinste Säugling aber ist ein einzigartiger Mensch. Wir erweisen ihm Respekt, indem wir ihn z. B. nicht einfach hochnehmen, ohne es ihm vorher zu sagen und auf eine Antwort oder eine Reaktion zu warten.
Während der Zeit, die wir ohnehin mit dem Kind verbringen (beim Wickeln, Stillen, Füttern, Pflegen...) können wir mit ganzem Herzen mit ihm zusammen sein, ohne Eile:

  • zur Ruhe kommen im Kopf und im Körper,
  • langsam werden, damit das Baby Zeit hat, auch wirklich teilzunehmen,
  • ganz aufmerksam da sein,
  • mit ihm sprechen, ihm erzählen, was wir machen,
  • für diese bestimmte Zeit nur am Kind interessiert sein, diese Zeit genießen.

Nach solch intimen Momenten wird es gesättigt sein und kann wieder eine Weile für sich sein. Oder es wird Spaß haben, alleine auf Forschungsreise zu gehen, wenn eine geeignete Umgebung vorbereitet ist.


 

Unterschiede zwischen Kind und Erwachsenem 

Das Erleben, das Fühlen und das Denken der Kinder unterscheidet sich wesentlich von dem des Erwachsenen.

DAS KIND

DER ERWACHSENE

  • ist noch ohne strukturiertes Zeitgefühl, es erlebt den Augenblick
  • muss sich einer unerbittlichen Zeiteinteilung unterwerfen
  • Seine Lebenslust ist immens, es steckt voller Tatendrang.
  • Er lebt in ständiger Zukunftsangst. Er steht unter Zeitdruck und Wettbewerb.
  • Sein Urvertrauen erleichtert ihm die Bewältigung der manchmal schwierigen Entwicklungsphasen.
  • Leistungs- und Produktionszwang schränken sein Fühlen ein.
  • Von einer inneren Neugier geleitet, erforscht es die Welt.
  • An dessen Stelle tritt das Denken. Er verfügt über viel abstraktes Wissen, ohne es selbst erlebt zu haben.
  • Seine Phantasie kennt keine Grenzen. Über seine Sinne erlebt es die Welt nimmt alles in sich auf.
  • Sein Leben ist Eile und Hetze. Er muss alles absichern und versichern.
  • Es speichert alle seine Eindrücke und erweitert seine Erfahrungen über seinen Körper und seine Bewegung. Sie sind der Grundstock für sein fortlaufendes und unermüdliches Lernen.
  • Er unterscheidet zwischen Wichtig und Unwichtig.
  • Durch seine Kreativität ist es ihm möglich, seine Welt so zu gestalten, wie es sie gerade braucht. Sein Tun ist lustvoll und nicht auf ein Produkt ausgerichtet. Alles ist möglich und machbar. Es passt die Welt seinem eigenen Weltbild an.
  • Er arbeitet rationell.
  • Er benützt Symbole, die für das Kind unverständlich sind, z.B. Schrift.
  • Er benützt Werkzeuge, die faszinieren, aber für das Kind gefährlich sind.
  • Es erlebt die Welt.
  • Er erklärt die Welt.

 

Daraus resultierende Konflikte 

Aus diesen Unterschieden resultieren Konflikte zwischen dem Erwachsenen und dem Kind.

Immer früher und immer schneller geraten Kinder in den Daseinskampf der Erwachsenen, der das Resultat einer unerbittlichen Leistungsgesellschaft ist. Dadurch werden ihre Entwicklungsbedürfnisse nicht mehr wahrgenommen. Es besteht die Gefahr, die Kindheit nur noch als Vorstufe zum eigentlichen Leben zu sehen und nicht als notwendigen Lebensabschnitt mit seinen eigenen, von biologischen Gesetzen geleiteten Entwicklungsprozessen.

In seiner Zeitlosigkeit schafft das Kind sich selbst. In seinen Spielen und Phantasien, die dem Erwachsenen oft sogar gefährlich oder kindisch erscheinen, baut es sein Selbst auf. Sein Entdeckungsdrang, seine Aktivität und sein Körperausdruck sprechen eine eigene Sprache.

Erwachsene, die erkennen, dass ureigenste Bedürfnisse der Kinder biologischer Art sind, in einem genetischen Plan jeder Zelle festgelegt, können ihrem Kind respektvoller und vertrauensvoller Zeit geben, damit es sich ohne Druck von außen, seinem eigenen Rhythmus angepasst entwickeln kann.

Erwachsene, die ihre Aufmerksamkeit dauernd auf die Zukunft des Kindes richten, sind blind für die Gegenwart. Sie leben in einer dauernden Ergebniserwartung. Sie haben kein Vertrauen in die natürlichen Prozesse des Lebens und versuchen deshalb, das Leben zu manipulieren und zu kontrollieren. In der Mutter- Kindbeziehung geschieht das, wenn die Mutter oder der Vater ihre Interaktion mit dem Kind ständig auf dessen Zukunft ausrichten.

Das Kind fühlt sich nicht angenommen als Individuum im Hier und Jetzt. Es bekommt das Gefühl vermittelt, anders sein zu müssen, so wie es ist, nicht zu genügen. Dann wird die Umarmung zum Stoß und die Hilfe zur Ablehnung. Ganz fatal wirkt sich das aus, wenn für Leistung Belohnung in Aussicht gestellt wird. Kann das Kind die Leistung nicht erbringen, verliert es seinen Selbstwert. Erlebte Beispiele:

  • Eine Mutter droht ihrem Vierjährigen, keinen Kuchen zu backen, wenn er bis zu seinem Geburtstag nicht bis zehn zählen könne.
  • Eine andere Mutter verbietet ihrem Sohn, im Sand zu buddeln, bevor er nicht ein Puzzle gespielt hat.
  • In einer Kindergruppe müssen die Kinder zuerst ein Bild malen, bevor sie in den Rollenspielbereichen spielen dürfen.


Wir alle kennen die Rekordversuche ehrgeiziger Eltern, wenn es um Sauberkeitserziehung, um das selbständige Gehen, um die Sprachentwicklung, ums "alleine Essen" ... geht.

Das Kind findet aber seine Persönlichkeit nur über die besondere Seinsweise seiner Körperlichkeit in der Bewegung und in der Interaktion mit anderen in der Gemeinschaft der gegenseitigen, bedingungslosen Annahme.

Wenn es uns gelingt, mit unserem Kind in der Gegenwart und im Hier und Jetzt zu leben und nicht im Hinblick auf irgendwelche Zwecke, Ziele und Absichten irgendwann einmal, dann erlebt sich das Kind als angenommene und geliebte Ganzheit, das seine soziale Existenz voll annehmen kann.

Wenn das Kind aber erlebt, dass "Fehlentwicklungen" mit Druck und Gewalt korrigiert werden, dann fühlt es sich unverstanden und abgelehnt. Unsere Sorge um seine Zukunft macht uns blind für seine Gegenwart


 

Was brauchen Kinder? 

Sie brauchen Raum zur Entfaltung im körperlichen, im seelischen und im geistigen Bereich.

Entfaltungsraum

  • Raum für Bewegung, für Lebhaftigkeit und Lautstärke,
  • Raum für Sinneserfahrungen, Sinneserlebnisse, Sinneseindrücke,
  • Raum zum Gestalten und Experimentieren,
  • Raum für Stille und Ruhe,
  • Raum für Achtsamkeit und Zuwendung,
  • Raum für Kommunikation und Interaktion,
  • Raum für Geschichten und Träume,
  • Raum für Gefühle, Freude, Trauer, Wut, ......
  • Raum für Ordnung und Orientierung, um von der äußeren zur inneren Ordnung zu finden


Sie brauchen Eltern und Erwachsene,

  • die sie mit den Augen der Liebe sehen,
  • die sich innerlich auf sie einstellen,
  • die ihre echten Bedürfnisse wahrnehmen,
  • die den Mut haben, sich mit den echten Bedürfnissen auseinander zu setzen,
  • die nicht bevormundend zu sich selbst und zu anderen sind,
  • die sich selbst annehmen wie sie sind, mit allen Stärken und Schwächen, ohne Schuldgefühle,
  • welche die Sicherheit haben, Grenzen zu setzen, um Halt zu geben,
  • die erkennen, dass nicht wichtig ist, was sie tun, sondern wie sie es tun,
  • die das Vertrauen haben, dass das Kind sein Potential in sich trägt,
  • die auf die natürlichen Kräfte des Kindes, die es von innen her leiten, vertrauen,
  • die dem Kind das Recht auf individuelle Aktivität zugestehen,
  • die erleben, dass Kinder sehr autonom sind, wenn die Umgebung auf ihre biologischen, psychologischen und sozialen Bedürfnisse abgestimmt ist,
  • die sich bewusst sind, dass Kinder um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse notfalls kämpfen und mit ihren persönlichen Verhaltensweisen reagieren.

 

Was hindert Erwachsene daran, Ihre Kinder in Ihren Bedürfnissen wahrzunehmen 

  • Angst vor der Veränderung,
  • Angst vor der Reaktion der Gesellschaft,
  • Angst vor negativer Bewertung durch andere Erwachsenen,
  • Angst vor dem Falschmachen,
  • Angst vor Kontrollverlust,
  • Angst vor dem Chaos,
  • Angst vor dem Loslassen.

Alte Verhaltensmuster und automatische Reaktionsweisen: Sie erfordern eine ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst und den Mut, Abschied zu nehmen von starren Strukturen. Dabei hilft die Reflexion über die eigene erlebte Erziehung: "Was hätte ich mir als Kind in dieser Situation von meinen Eltern gewünscht?"

Erschöpfung, durch Stress und Überlastung (Eltern müssen zu sich selbst finden, zu sich selbst gut sein und sich selbst "nähren").

Ihre eigenen unbefriedigten Bedürfnisse: Das bewusste und achtsame Leben mit Kindern ist eine Chance, eigene unbefriedigte Kindheitsbedürfnisse zu erkennen und sich selbst nach zu entwickeln.

Zuviel reden und erklären: Kinder die dauernd mit verbalen Erklärungen, Zurechtweisungen oder Verbesserungen überhäuft werden, werden "taub" für die Anliegen der Erwachsenen, oder sie versuchen ihrerseits, die Welt durch Reden zu verstehen. Das sind jene Kinder, die das Tun und Handeln durch Reden ersetzen. Das Sprachverständnis aber baut sich nur durch die aktive Auseinandersetzung mit der Welt auf.


 

Büchertipps 

Bei allem, was man einem Kind beibringt,
hindert man es daran, es selbst zu entdecken.
 
(Jean Piaget)

 

Emmi Pickler:

Lasst mir Zeit
Miteinander vertraut werden

Magda Gerber:

Dein Baby zeigt dir den Weg

Maria Montessori:

Kinder sind anders

Rebecca Wild:

Erziehen zum Sein




 



 

Autorinnen 

Sylvia Hämmerle, DSA
Jg. 1955, verheiratet, 3 Kinder,
Pädagogik-Studium
Weiterbildungen:
UNI-Lehrgang: Grundlagen der Psychotherapie
Kinder- und Jugendtherapie bei Dr. Siegfried Mrochen (systemische, lösungsorientierte Kurzzeittherapie, spieltherapeutische und hypnotherapeutische Ansätze)
Arbeitsfeld:
Gründung und Aufbau des Vereins RINGAREIA in Hohenems mit dem Schwerpunkt Kinderspielgruppen Leitung von Spielgruppen und Begleitung von schwierigen Spielgruppen

Beate Furxer-Hagen
Jg. 1951, verheiratet, 2 Kinder
nach der Familienpause Rückkehr in den Stammberuf als Kindergärtnerin,
Zusatzqualifikation in Montessoripädagogik, Eltern - Kindgruppenleiterin, zweijährige Ausbildung im therapeutischen Puppenspiel bei Käthy Wüthrich (Schweiz), Absolventin des psychotherapeutischen Propädeutikums,
derzeit Psychotherapeutin in Ausbildung (Fachrichtung Psychodrama),
seit 1994 auch in der Erwachsenenbildung tätig.
1994 Gründung des Vereins "Kinderwelt Lustenau" zur Initiierung und Führung eines frei - aktiven Kindergartens nach weiterentwickelter Montessorimethode, pädagogische Leiterin der daraus entstandenen Kindergruppe "S`Spatzoneöscht".


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