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Mama und Papa sind auch Frau und Mann

Eine junge Familie - ein/zwei gesunde Kinder, vielleicht drei - welch junges Glück! Da herrscht doch eitel Wonne Sonnenschein. Da hat man doch einfach glücklich zu sein. - Von wegen! Gar nicht so selten macht diese Erwartung die Situation junger Familien nur noch schwieriger.

War früher die Ehe in erster Linie eine Wirtschaftsgemeinschaft und Sexualität und Liebe eher Nebensache, so ist heute bei uns Liebe eine Bedingung und Voraussetzung für eine Ehe und ist ganz eng verknüpft mit der Sexualität (als Zeichen der Liebe). Sexualität wurde noch nie so wichtig genommen wie heute.

Familie war und ist kein Ort reiner Harmonie und selbstloser Hilfe. Sie hat sich von der traditionellen Großfamilie zu vielfältigen Formen des Zusammenlebens entwickelt. Weder darf Familie mit "heiler Welt" assoziiert werden noch ist Pessimismus gerechtfertigt. Wir können diesen dynamischen Prozess des Lebens ja auch gestalten.


 

Zeit der Veränderungen 

Die Anforderungen an Eltern und an die Paarbeziehung sind hoch. Viele Veränderungen stürmen auf sie ein: Vielleicht sind die Erfahrungen im Zusammenleben als Paar noch ziemlich neu. Neu ist auf alle Fälle das Zusammenleben mit einem Kind, das womöglich auch noch früher als geplant kam. (Nur ein Drittel der Kinder sind geplant - trotz der Verhütungsmöglichkeiten.) Dazu kommt noch der Existenzaufbau, das Geld verdienen müssen, ein Übermaß an Reizen aus Medien und Umwelt ist zu verkraften, Partnerschaft und Selbstverwirklichung ist unter einen Hut zu bringen...

Was bei Kindern gilt, gilt genauso bei deren Eltern
Zeit lassen - Ge-lassen-heit entwickeln - Mut zur Unvollkommenheit!


Nicht automatisch mit dem Tag des Zusammenziehens ist man ein beziehungsfähiger Partner - man braucht Zeit, um als Paar wachsen zu können. Nicht automatisch mit der Geburt eines Kindes ist man fertige Mutter oder Vater - man braucht Zeit, um sich in die Elternrolle hineinzuentwickeln.


 

AG Kinder 

"Wir sind nur noch eine AG-Kinder" (AG = Arbeitsgemeinschaft), stellte mein Partner immer wieder mal fest, garniert mit einer ordentlichen Portion Groll. Tatsächlich schien es über weite Strecken einen regelrechten Komplott gegen unsere Bedürfnisse als Paar zu geben: Die Umstellung - vor allem beim ersten Kind - von der Berufstätigkeit auf die 24-Stunden-Mutter ist nicht zu unterschätzen. Die Konzentration auf die Kinder raubte Energie. Die Kinder schliefen lange Zeit nicht durch. Das Ehebett wurde zum Familienlager. Oft war ich müde und erschöpft... Kurz: Für uns als Paar blieb kaum mehr eine ungestörte Zeit.

"Kinder sind Liebeskiller...",
heißt eine Überschrift in einem Buch von Mathias Jung. Kleine Kinder - kleine Probleme, sagt man, große Kinder - große Probleme. Wie bei den meisten Sprichwörtern ist das nur die halbe Wahrheit. Was die Sexualität der Eltern angeht, kann man den Satz umkehren. Aus der Dyade (Zweierstruktur) wird plötzlich eine Triade - eine Dreiecksbeziehung voller Spannung. Für den Sex, "das fröhliche Getümmel der Leiber und Seelen" (M. Jung) fehlt Zeit und bei der Frau oft auch die Lust. Denn das Kind erfüllt uns ja auch mit tiefer Freude, wir gehen auf das Kind ein und in ihm auf. Es sättigt unser Liebesbedürfnis und es entsteht eine innige Zweisamkeit. Der Vater kann sich da leicht ausgeschlossen fühlen. Es kann Eifersucht aufkommen. Wer rückt schon gerne bei seiner Liebespartnerin an die zweite Stelle?

Ein Baby bedeutet das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse. Es hält Monate, Jahre und vor allem Nächte die Eltern auf Trab. Während der Mann abends vielleicht Lust auf seine Frau verspürt, verfällt die 24-Stunden-Mama in bleierne Müdigkeit. Da mag Martin Luther noch so die Idylle beschwören - "Kinder sind das lieblichste Pfand in der Ehe, sie binden und erhalten das Band der Liebe" - ein Baby bringt die physische Liebe des Paares oft (nicht immer!) an den Rand des Verhungerns. Womöglich vernachlässigt das Paar auch noch Freundschaften und Ausgehen. So breitet sich ein weiteres schleichendes Gift aus: Isolation.

"Paare sind beim Übergang in die Familienphase zu sehr in die Mutter- und Vaterrolle geschlüpft, so dass sie sich nicht mehr als Frau und Mann gegenüber stehen. Der Preis dafür ist der Libido(Lust)verlust," resümiert Hans Jellouschek.

Ganz ohne Wüste und ohne Sturm geht es in keiner Beziehung, in keiner Familie. Aber Paare, die sich der Mühen und seelischen Widersprüchlichkeiten, welche die neue Situation mit sich bringt bewusst sind, haben gute Chancen, diese Durststrecken zu überleben. Sie suchen Tankstellen. Und ein Trost ist gewiss: Die Kinder werden älter.


 

Die Zweierbeziehung ist das Fundament der Familie 

Deshalb ist es richtig, diesem Fundament viel Beachtung zu schenken - und das immer wieder aufs neue. Denn die Beziehung ist nichts Statisches, sondern sie entwickelt und verändert sich durch das ganze Leben hindurch. Eine Beziehung kann arg ins Wanken kommen, wenn diese Veränderungen nicht oder zuwenig beachtet werden. Es könnte ihr gar so gehen, wie dem Frosch, den Paul Zulehner in einem Beispiel erwähnt: Wirft man einen Frosch in einen Topf mit heißem Wasser, wird er sofort versuchen, herauszuspringen. Gibt man ihn aber in kühles Wasser und erwärmt es ganz langsam und unmerklich, bleibt er drinnen, wehrt sich nicht bis er stirbt, weil er die langsame Veränderung nicht wahrgenommen hat. Wir brauchen eine liebevolle Wachsamkeit. Wichtig ist da immer wieder:

Eine Bestandsaufnahme: Was hat sich verändert? - An unseren Bedürfnissen, an unserem Umfeld, an Belastungen, Beziehungen, an unseren Vereinbarungen?

Eine Frage speziell an die Mütter: Ertappe ich mich manchmal bei einem Gefühl, überschwemmt zu werden, bei dem Eindruck "Alle wollen was von mir, - vor allem die Kinder, meine Eltern, Verwandte, Arbeitgeber... und mein Mann auch noch?" Dann ist es Zeit, einen Schritt zurückzutreten, in sich zu gehen und zu spüren: Wie geht es mir? Was brauche ich? Was möchte ich gerne, wozu hätte ich Lust? Was könnte ich tun? Unseren Bedürfnissen auf die Spur zu kommen, uns selber nicht vergessen - nicht selbstlos werden! Was wir für uns tun, kommt nicht nur uns selber zugute, sondern allen um uns herum.


 

Vereinbarungen und Regeln dem aktuellen Stand anpassen 

Vereinbarungen sind oft unausgesprochen, aber dennoch wirksam.
Wenn sich bestimmte Bedingungen in unserer Beziehung verändern, braucht es neu formulierte Vereinbarungen:

  • wie regeln wir die Kinderbetreuung
  • wer ist für die Finanzen zuständig
  • für Behördengänge
  • wer für das Auto
  • wer darf wann ausschlafen
  • wer hat wann frei - oder vielleicht darf jeder einmal pro Woche einen Abend allein oder mit anderen zusammen ausgehen
  • oder die Frau möchte wieder berufstätig sein... ?


Es braucht auch Freiraum für jeden, das ist Sauerstoff für die Beziehung. Nichts ist entnervender als lebenslange Haft zu zweit. Über die verschiedenen Meinungen und Standpunkte gehört ehrlich und mutig gestritten.

Doch keine Angst - streiten verbindet!

Übrigens: Je mehr sich der Vater beteiligt am "Arbeitsplatz Kind" (B. Sichtermann) umso mehr fördert es das Verstehen.


 

Das Zwiegespräch 

"Heiraten ist", so eine Bantu-Weisheit, "als stecke man eine Schlange in seine Tasche." Es ist gefährlich. - Gefährlicher noch ist das Schweigen in der Beziehung.
(M. Jung)

Wenn wir uns nichts mehr zu sagen haben, ist die Beziehung bald am Ende. Bei der Sexualität hört die Sprache meist auf oder sie ist zumindest sehr eingeschränkt und holprig.

Es ist schwierig, in diesem wichtigen Lebensbereich die richtigen Worte zu finden. Zudem reizt uns eine sexualisierte Medienlandschaft und gaukelt uns ideale Sexualbeziehungen vor - uns verschlägt es damit erst recht die Sprache. Dabei ist es für eine Partnerschaft so wichtig, sexuelle Wünsche und Ängste aussprechen zu können, um mit der Zeit statt Frust gemeinsame Vereinbarungen entwickeln zu können.
(G. Koller)

Das Zwiegespräch erweist sich als "Büchsenöffner für die Seele". M.L. Moeller hat eine ebenso simple wie wirksame Technik des Paargesprächs in seinen empfehlenswerten Büchern vorgestellt. "Du musst mich doch verstehen", denken wir vom anderen. Doch wie sollte der. Er haust doch nicht in unserem Kopf. Nur das Sprechen schlägt die Brücke. (M. Jung)


 

Zeit für die Beziehung 

Gerade dann, wenn wir keine Zeit haben vor lauter Aufgaben und Arbeit, ist es wichtig, für sie eine Insel zu schaffen, wo immer es geht: eine Zeit zu zweit, ein Spaziergang, eine alljährliche Urlaubswoche ohne Kinder - (fast) alles ist möglich, wenn es uns wichtig genug ist.

Babysitter, Verwandte, Freunde können uns entlasten. Mit einem gesunden Egoismus können wir uns einen Freiraum ohne Kind verschaffen. Ein freier Nachmittag pro Woche, ein Kino- oder Saunabesuch kann schon Wunder wirken. Ein Kind braucht nicht alle Aufmerksamkeit der Eltern rund um die Uhr. Es kann sogar profitieren von der Gegenwart und Animation anderer Erwachsener und Kinder. Hauptbezugspersonen bleiben deswegen immer noch die Eltern.

Entscheidend ist die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung.
Wir brauchen solche Tankstellen. Bei einem Auto ist jedem klar: Ohne Sprit geht gar nichts. Ja wir geben es auch noch regelmäßig zum Service. Manchmal gehen wir mit uns und mit unserer Beziehung wohl schlechter um als mit unserem Auto.

Wir dürfen nicht übersehen, dass wir Verantwortung nicht nur für unsere Kinder haben sondern auch für uns selber und unsere Beziehung. Eine lebendige Beziehung der Eltern gibt den Kindern viel mit.


 

Büchertipps 

Margo Anand:

Tantra

Mathias Jung:

Das sprachlose Paar

Michael Lukas Moeller:

Die Wahrheit beginnt zu Zweit

Gerhard Koller:

Familie bauen
(Hrsg. Amt f. soziale Dienste, FL-Schaan

Bach und Wyden:

Streiten verbindet

 Jürg Willi:

Was hält Paare zusammen?

 Julia Onken:

Geliehenes Glück 






 

Autorinnen 

Sylvia Hämmerle, DSA
Jg. 1955, verheiratet, 3 Kinder,
Pädagogik-Studium
Weiterbildungen:
UNI-Lehrgang: Grundlagen der Psychotherapie
Kinder- und Jugendtherapie bei Dr. Siegfried Mrochen (systemische, lösungsorientierte Kurzzeittherapie, spieltherapeutische und hypnotherapeutische Ansätze)
Arbeitsfeld:
Gründung und Aufbau des Vereins RINGAREIA in Hohenems mit dem Schwerpunkt Kinderspielgruppen Leitung von Spielgruppen und Begleitung von schwierigen Spielgruppen

Beate Furxer-Hagen

Jg. 1951, verheiratet, 2 Kinder
nach der Familienpause Rückkehr in den Stammberuf als Kindergärtnerin,
Zusatzqualifikation in Montessoripädagogik, Eltern - Kindgruppenleiterin, zweijährige Ausbildung im therapeutischen Puppenspiel bei Käthy Wüthrich (Schweiz), Absolventin des psychotherapeutischen Propädeutikums,
derzeit Psychotherapeutin in Ausbildung (Fachrichtung Psychodrama),
seit 1994 auch in der Erwachsenenbildung tätig.
1994 Gründung des Vereins "Kinderwelt Lustenau" zur Initiierung und Führung eines frei - aktiven Kindergartens nach weiterentwickelter Montessorimethode, pädagogische Leiterin der daraus entstandenen Kindergruppe "S`Spatzoneöscht".

 

Weiterführendes Angebot bzw. Beratung 

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