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Abhängigkeit, die keine Sucht ist ...

"Ich muss / will wieder arbeiten - was wird aus meinem Kind?
(Thema Kinderbetreuung)


Sagen Sie, was möchten SIE denn, dass aus Ihrem Kind wird? 

Eine Scheidung oder Trennung bedeutet für jedes Kind (wie auch für jeden Erwachsenen) eine große Herausforderung. Ebenso bedeutet es eine Herausforderung und eine große Anpassungsleistung aller Beteiligten, dass der allein betreuende Elternteil wieder arbeiten muss oder will. Trotzdem - Kinder entwickeln sich aufgrund einer zeitweisen Betreuung durch eine Tagesmutter, einen Kinderhort etc. nicht schlechter. Im Gegenteil - es gibt sogar Hinweise darauf, dass diese Kinder (im Durchschnitt) ihr Sprach- und Sprechvermögen schneller entwickeln. Eine Betreuung in einer Kindergruppe kann auch große Vorteile haben - die Kinder haben Spielkameraden im gleichen Alter, sie lernen beispielsweise auch andere Kinder kennen, deren Väter oder Mütter nicht mehr zuhause wohnen und es ergeben sich für die allein erziehenden Väter und Mütter neue soziale Kontakte zu Eltern, die ebenfalls berufstätig sind (na, das ist doch auch nicht so schlecht oder?).

Also - auch in dieser Situation dürfen Sie es sich erlauben, sich eine glückliche Zukunft für sich und Ihr Kind vorzustellen. Sie dürfen sich weiterhin wünschen, dass sich Ihr Kind gut und gesund entwickelt - dieser Schritt bedeutet keinesfalls eine "unwiderrufliche Schädigung". Alles ist weiterhin möglich (im Guten wie im Schlechten).

Berufstätigkeit setzt eine gute Kinderbetreuungsmöglichkeit voraus. Nicht jede persönliche Situation ist so, dass sie aus allen Alternativen wählen können. Neben der Art Ihrer Berufstätigkeit (z.B. Nachtdienste als Krankenschwester, Arbeit am Wochenende im Gastgewerbe) ist die Auswahl je nach Gemeinde, in der Sie wohnen, unterschiedlich.


 

Wenn Sie sich eine Betreuungsmöglichkeit aussuchen können 

Was Ihrem Kind wirklich schadet - laufender Betreuerwechsel:

Ihr Kind benötigt eine gleich bleibende Betreuungsperson. Sei das in der Kinderkrippe bei einer Tagesmutter oder bei einer verwandten oder befreundeten Person. Die Entwicklung von Kindern mit und ohne Fremdbetreuung wurde inzwischen weltweit untersucht. Es gibt KEINEN Hinweis darauf, dass sich Kinder mit Fremdbetreuung langsamer, schlechter oder falsch entwickeln. Der einzige belegte, schädliche Faktor ist ein dauernder Wechsel der Betreuungsperson (zwei Monate hier, drei Monate dort etc.).

Deshalb: Lassen Sie sich - falls möglich - Zeit bei der Auswahl der Fremdbetreuung und prüfen Sie, ob es eine langfristige Möglichkeit ist.

Achten Sie auf den Betreuer / Kinder - Schlüssel (Wie viele Kinder werden von einem Betreuer / einer Betreuerin betreut? - in einer guten Krippe für kleine Kinder sollten es nicht mehr als fünf Kinder pro BetreuerIn sein).

Beschränken Sie, falls möglich, bei kleinen Kindern (bis 3 Jahre) die Betreuungszeit auf halbtags.

Beginnen Sie die Außer-Haus Betreuung entweder wenn die Kinder noch sehr klein sind oder wenn sie zwei Jahre oder älter sind (sehr kleine Kinder gewöhnen sich schnell an eine zusätzliche Betreuungsperson - sie "kennen es dann nicht anders"; Kinder mit ca. zwei Jahren haben bereits eine stabile Beziehung zu ihrer Hauptbezugsperson (Mutter, Vater) aufgebaut, eine weitere Bezugs- bzw. Betreuungsperson beeinflusst diese primäre Beziehung nicht mehr).

Kinder benötigen eine angemessene Eingewöhnungszeit bei der Tagesmutter, in der Kinderkrippe etc. Manche Kinder schaffen das sehr schnell, manche lassen sich etwas Zeit (bis zu einem Monat). Erfahrungsgemäß wird in der Hektik gerade diese Zeit leicht übersehen. Falls möglich, versuchen Sie die Eingewöhnungszeit folgendermaßen zu gestalten:

  • Es genügt, wenn Sie mit Ihrem Kind in den ersten Tagen für ein oder zwei Stunden in der Krippe oder bei der Tagesmutter sind. Lassen Sie es vorerst dort nicht alleine.
  • Wenn Sie sich mit ihrem Kind zusammen im Gruppenraum aufhalten, setzten Sie sich am besten in eine stille Ecke und seien Sie einfach da. (Lassen Sie sich dabei nicht durch die Fröhlichkeit und Gelassenheit Ihres Kindes zu der Ansicht verleiten, Ihre Anwesenheit sei gar nicht notwendig. Ihr Kind wirkt so unbeschwert, GERADE WEIL Sie dabei sind. Sein Verhalten würde sich in den meisten Fällen sofort ändern, wenn Sie während der ersten Tage fort gingen.)
  • In den ersten drei Tagen sollten Sie auf keinen Fall Trennungsversuche machen. (Auch wenn Sie den Raum nur kurz verlassen wollen, nehmen Sie Ihr Kind mit).
  • Unterstützen Sie das Interesse des Kindes an der Erzieherin bzw. der Tagesmutter und blockieren Sie nicht den Zugang des Kindes zu ihr.
  • Die Eingewöhnungszeit ist abgeschlossen, wenn die Erzieherin bzw. die Tagesmutter Ihr Kind im Ernstfall trösten kann.
  • Seien Sie darauf vorbereitet, dass Ihr Kind in der Krippe oder bei der Tagesmutter nach einiger Zeit andere Verhaltensweisen zeigen wird, als Sie diese von zu Hause kennen. Das hat nichts damit zu tun, dass die Erzieherin einen größeren Einfluss auf Ihr Kind hat als Sie selbst. Erzieherinnen und Tagesmütter haben keinen größeren Einfluss als Sie auf Ihr Kind sondern nur einen anderen.
  • Wenn Sie die Eingewöhnungszeit nicht selbst mit Ihrem Kind verbringen können (schneller Berufseintritt etc.), kann das Kind auch von einer ihm gut bekannten Person begleitet werden (z.B. der andere Elternteil, eine Oma, die das Kind gut kennt etc.).



Wichtig ist: Nicht die Menge der gemeinsam verbrachten Zeit ist von Bedeutung, sondern die Art und Weise, WIE die gemeinsame Zeit miteinander verbracht wird, ist ausschlaggebend. Gerade wenn Ihre Kinder viel Zeit außer Haus verbringen - widmen Sie Ihre Zeit - soviel als möglich - den Kindern. Widmen Sie sich ihrem Kind, erzählen sie sich gegenseitig, was sie unter Tags erlebt haben, spielen Sie gemeinsam, aber erledigen Sie, falls möglich, nicht gleichzeitig den Haushalt. Vielleicht können Sie andere Aufgaben delegieren (Putzhilfe, jemand der die Wäsche erledigt etc.) - als Mutter bzw. Vater sind sie weit weniger entbehrlich!

Gönnen Sie sich eine Erholungsphase, bevor Sie ihr Kind von der Krippe / Tagesmütter / Kindergarten abholen.
Manche Mütter denken, sie dürften die Kinder nur so kurz als möglich dort lassen und holen ihre Kinder - gehetzt und erschöpft vom Arbeitsalltag - gleich ab. Der notwendige Einkauf wird dann auch noch erledigt - und die gemeinsame Zeit beginnt schon stressig. Vielleicht können Sie noch eine halbe Stunde die frische Luft genießen, eine Kaffee trinken oder den Einkauf - weitaus stressfreier - noch ohne kleines Kind erledigen, um sich dann ausgeruht und entspannter ihrem Kind zu widmen.

Erkundigen Sie sich über Beihilfemöglichkeiten (Förderungen der Gemeinde, AMS, sozial gestaffelte Beitragssätze etc.) bei den vermittelnden Stellen.



Das schlechte Gewissen 

Hier gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen allein erziehenden Müttern und allein erziehenden Vätern. Müttern fällt es (nachweislich) schwerer, morgens die Kinder in der Krippe oder bei der Tagesmutter abzugeben, oft weil sie ein schlechtes Gewissen haben und sich Sorgen machen, ob sie das Richtige und genug für ihr Kind tun. Diese Gedanken, die dann auch das schlechte Gefühl ausmachen, werden von vielen Menschen noch zusätzlich "unterstützt", sei es, weil sie keine oder falsche Informationen darüber haben, wie viel "Mutter" ein Kind benötigt oder weil die allein erziehende Mutter insgeheim beneidet wird (wundern Sie sich nicht, es gibt genug Menschen, Väter wie Mütter, die jahrelang in unglücklichen Beziehungen verblieben sind und den mutigen Schritt zur Trennung nicht gewagt haben - oder die nicht vor vollendete Tatsachen gestellt wurden).

Allein erziehende Väter haben dieses Gefühl viel weniger. Für Väter, auch wenn sie allein erziehend sind, ist es klar, dass sie - zumindest Teilzeit - arbeiten. Dieses geschlechtsspezifische Denken ist so stark in der Bevölkerung verankert, dass es sogar oft von Beratern und Beraterinnen immer wieder hinterfragt werden muss.


 

Ein Beispiel

In einer Besprechung wurde mir als Beraterin ein besonders "kritischer Fall" vorgetragen. Es ging unter anderem darum, ob die allein erziehende Mutter (allein erziehend aufgrund des Todes des Ehemannes) ihren Beruf (sie hatte eine Lehre abgeschlossen und vor der Geburt ihres Kindes gut und gerne gearbeitet) wieder aufnehmen sollte oder doch lieber Sozialhilfe in Anspruch nehmen sollte (es wurde vom Berater - ein Mann - befürchtet, dass ihr die Berufstätigkeit, der Haushalt und die Trauer um ihren Mann "zu viel" werden könnte). Es schien keinen anderen Ausweg als Sozialhilfe zu geben - bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns die Frage stellten, wie die Situation denn wäre, wenn die allein erziehende Mutter ein allein erziehender Vater wäre - sehr schnell wurde eine neue Lösung gefunden - nämlich die, dass es doch auch noch FamilienhelferInnen gibt. (Sie sehen - der Gedanke, dass ein Mann bei seinen Kindern zuhause bleibt, seinen Beruf nicht ausübt und Sozialhilfeempfänger wird ist weit weniger nahe liegend). Das schlechte Gewissen - ich bin keine gute Mutter - ist erstens nicht notwendig und zweitens bringt es Sie nicht weiter. Es hilft Ihnen nicht. Fragen Sie sich nicht WAS IST DAS BESTE FÜR MEIN KIND - fragen Sie sich -

WIE KANN ICH DIE BEDÜRFNISSE MEINER KINDER UND MEINE EIGENEN BEDÜRFNISSE AM BESTEN UNTER EINEN HUT BRINGEN - denn

IHREN KINDERN WIRD ES AUF DAUER NICHT GUT GEHEN UND SIE WERDEN SICH NICHT GUT ENTWICKELN, WENN SIE BEI EINER MUTTER / VATER LEBEN, DER / DEM ES SELBST NICHT GUT GEHT.



 

"Burnout" 

Im Gegenteil - Ihre Kinder bekommen mit der Zeit selbst ein schlechtes Gewissen bzw. Schuldgefühle wenn sie miterleben, dass es ihrer Mutter, ihrem Vater nicht gut geht. Kinder (vor allem kleinere Kinder) neigen sehr schnell dazu, die Schuld bei sich zu suchen. Sie glauben dann (oftmals auch unbewusst) dass sie der Auslöser für das "Burnout", die Traurigkeit oder die Krankheit des Elternteils sind.

Ein Beispiel: Ein kleiner Bub (5 Jahre), der im Krankenhaus aufgenommen wurde, weil er über längere Zeit das Essen "verweigerte" und schon gefährlich dünn geworden war, hat mir einmal erzählt, dass er glaubt, er wäre schuld daran, dass seine Mama immer so wütend würde und dann gleich wieder weinen müsste. Ich fragte ihn, was er wohl glaube anders machen zu müssen, damit es seiner Mama besser geht. Er antwortete darauf: "abends immer die Zähne putzen und mich am Spielplatz nicht schmutzig machen."

Eine einfache Antwort auf ein sehr komplexes Problem. Die Ansicht seiner Mutter war nämlich eine ganz andere - sie schilderte mir ihre Situation folgendermaßen:

Sie ist allein erziehende Mutter von 4 Kindern (12 Jahre, 9 Jahre, 5 Jahre und 2 Jahre). Der Vater ist nach der Geburt der jüngsten Tochter in seine Heimat zurückgekehrt und eigentlich "nicht mehr vorhanden". Die älteste Tochter hat Probleme in der Schule, das jüngste Kind ist viel zu früh auf die Welt gekommen und benötigt immer noch besondere Aufmerksamkeit und medizinische Betreuung, was mit häufigen Arztbesuchen verbunden ist. Sie hat praktisch keine Zeit mehr für sich selber und ist rund um die Uhr mit den Kindern beschäftigt. Sie liebt ihre Kinder über alles, aber sie kann die Verantwortung und den Stress fast nicht mehr aushalten. Stresssymptome (Burnout) sind die Folge (daher auch das "grundlose" Weinen etc.).

Der kleine Junge hat sich übrigens sehr gefreut, als ihm seine Mutter versichert hat, dass er auf dem Spielplatz auch mal schmutzig werden darf (der kleine Knabe hatte nämlich noch nie - aus Angst, seine Mama noch mehr zu belasten - von seinen Befürchtungen erzählt).



 

Checkliste 

Woran erkenne ich, dass sich mein (noch kleines) Kind in einer Kinderkrippe / bei einer Tagesmutter wohl fühlt?
(nach Grossmann/Grossmann 1994)

  • Es weint nach der Eingewöhnungszeit (ca. einen Monat!) nicht mehr bei und nach dem Abschied von der Mutter oder lässt sich sofort von der Betreuerin trösten.
  • Es geht gern und freiwillig in die Krippe, zur Tagesmutter etc.
  • Es zeigt wenig "Abseits-Verhalten", d.h. es steht selten unbeschäftigt herum, wandert selten ziellos umher (manche Kinder stehen lange da und beobachten die anderen Kinder - diese Kinder sind nicht abseits, sie sind mit "beobachten" beschäftigt).
  • Es lutscht wenig am Daumen, am Schnuller oder an einer Flasche und zeigt wenig rhythmische freudlose Bewegungen, Zupfen an Haaren oder Kleidungsstücken (dieses Verhalten würde in der Fachsprache "Stereotypien" genannt).
  • Es spielt konzentriert (das ist natürlich altersgemäß zu verstehen - ältere Kinder haben eine größere Aufmerksamkeitsspanne als jüngere Kinder).
  • Es spielt parallel zu anderen Kindern oder es spielt mit Ihnen und zeigt weniger Aggressionen als anderes soziales Verhalten.
  • Es spricht spontan die Betreuerin an und erwartet sich eine freundliche Antwort oder eine freundliche Geste.
  • Es sucht Trost (wenn notwendig) bei der Betreuerin.
  • Es kann (bei Vermittlung der Betreuerin) teilen oder abwechseln.
  • Es freut sich, lacht oft und weint selten.
  • Es muss nicht um die Aufmerksamkeit der Betreuerin buhlen.
  • Es besitzt eine altersgemäße Frustrationstoleranz und kann warten.




Wo bekommen Sie Informationen? 

  • Verein Tagesbetreuung in Feldkirch vermittelt Tagesmütter in ganz Vorarlberg und hat Informationsbüros in Bregenz, Dornbirn, Feldkirch und Bludenz.

  • Gemeindeämter bzw. Stadtmagistrate haben Informationen über gemeindeeigene Betreuungseinrichtungen und Tagesmütter.

  • Private Eltern-Kind-Zentren und Spielgruppen bieten ebenfalls Kinderbetreuung an.

  • Für kurzfristige "Einsätze" gibt es Babysitter-Dienste und Leihomas (in den Regionen unterschiedlich).

  • Besprechen Sie sich doch mit anderen Müttern und Väter in ihrer Lage - das schafft "Gesprächsstoff" und es sind gute "Informanten"




ReferentInnen 

  • Mag. Brigitte King

  • Idee: Beim Verein Tagesbetreuung nachfragen - es ist sicher interessant, einmal was über die Ausbildung der Tagesmütter zu hören.

  • Speziell für Väter: Jimmy Gut, Psychotherapeut, Mitarbeiter der ifs Familienarbeit, wohnhaft in Göfis, er hat sich speziell mit der Situation von "geschiedenen" Vätern auseinandergesetzt.

 



 

Autorin 

Mag. Brigitte King
Jg. 1969, Psychologin, Betriebsökonomin,
Ausbildung in systemischer Psychotherapie beim ÖAS in Salzburg und systemisch-hypnotherapeutischer Konzepte in der Kindertherapie, NLP;
Schwerpunkte in der Arbeit: Beratung, Diagnostik und Therapie von Familien und Kindern, welche im Rahmen des ambulanten Familiendienstes des ifs betreut werden; Konzeptentwicklung und Fachbegleitung für Organisationen, welche Programme für Kinder und Jugendliche anbieten

 

Weiterführendes Angebot bzw. Beratung 

ifs Internetberatung oder eine der insgesamt sechs ifs Beratungsstellen

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