SEITENBEREICHE


zur ifs Homepage.

ifs Pressemeldung

Röthis, 04. August 2005

Viele VorarlbergerInnen von funktionellem Analphabetismus betroffen

Immer mehr Menschen in Vorarlberg können zwar Buchstaben lesen, nicht aber den Sinn eines Textes erfassen. Arno Dalpra, Leiter der ifs Jugendberatung Mühletor schätzt die Zahl der Betroffenen auf mehr als 30.000 – "Migrantinnen und Migranten nicht inbegriffen." Dalpra: "Die Tatsache, dass funktioneller Analphabetismus zunimmt, erfordert ein Umdenken auf mehreren Ebenen."

Die Zahl der Menschen, die nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können, nimmt auch in Vorarlberg zu. "Mit einer gewissen Schulabwesenheit steigt ihre Zahl deutlich. Schon bei 16-Jährigen stellen wir immer wieder erste Anzeichen fest", berichtet Arno Dalpra von seinen Erfahrungen in der ifs Jugendberatungsstelle Mühletor.

Verantwortlich für die Lese- und Schreibschwäche ist ein "funktioneller" Analphabetismus. Im Unterschied zu einem "primären" Analphabeten hat ein Mensch mit funktionellem Analphabetismus Lesen und Schreiben einmal gelernt. Nach der Schule hat er diese Fähigkeiten aber so wenig genutzt, dass sie wieder verlernt wurden. So kann er zwar einzelne Buchstaben erkennen, nicht aber den Sinn eines ganzen Textes erfassen.

"Ein Großteil der betroffenen Menschen hat die Pflichtschule abgeschlossen", betont Dalpra. Dieser Umstand wirft für den Leiter des ifs Mühletor einige Fragen auf: "Woran liegt es, dass so viele Kinder und Jugendliche die Freude am Lesen und Schreiben verlieren? Oder besser gesagt, woher kommt die Angst, dass sie sich nach der Schule nicht mehr mit Lesen und Schreiben beschäftigen und nur noch leicht verdauliche Informationen über Fernsehen, Radio etc. aufnehmen? Kann dafür nur die Schule verantwortlich sein?"

Handlungsbedarf sieht Dalpra vor allem, wenn es darum geht, Menschen (wieder) in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. "Das Angebot muss diesen Umstand auf jeden Fall mitberücksichtigen", fordert Arno Dalpra. "Man kann heute nicht mehr davon ausgehen, dass jeder Mensch das Geschriebene auch versteht. Und das beste Bewerbungstraining nützt nichts, wenn man den Sinn der Unterlagen nicht versteht."

Wichtig sei es deshalb, zunächst den Bildungsstatus abzuklären, "bevor man jemanden in eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme oder ein Projekt steckt." Dalpra: "Funktionelle Analphabeten müssen zuerst die Möglichkeit und den Rahmen erhalten, Lesen und Schreiben zu üben."


Schriftgröße