Das Gespräch

mit Stephanie Jacob, Mitarbeiterin der IfS-
Jugendberatungsstelle "Mühletor" in Feldkirch

"In der Pubertät brauchen Eltern
viel Geduld und Zeit"


Frau Jacob, der Titel dieser IfS-Ausgabe lautet "Pubertät" ­p; der älteste Krieg der Menschheit mit Fragezeichen. Können Sie diese Aussage aus Ihrer Sicht spontan kommentieren?

Ich denke nicht, daß es sich um einen Krieg handelt, sondern um eine Ablösesituation, und daß es ein Vorgang ist, der schon seit Generationen einfach passiert. Das Thema ist Ablöse von zu Hause, neue Rollen finden, die Auseinandersetzung der Kinder mit den Eltern und der Eltern mit den Kindern.

Dann meinen Sie also, daß das Wort "Krieg" aus Ihrer Sicht her übertrieben ist?

Ja, auf jeden Fall. Ich denke, es wird sehr dramatisiert. Auch habe ich oft das Gefühl, daß die Medien eher zur Verwirrung als zur klärenden Unterstützung beitragen. Natürlich ist es eine schwierige Zeit der Neuorientierung sowohl für Kinder, also für die Jugendlichen, als auch für die Eltern, aber als Krieg würde ich es nicht bezeichnen. Krieg würde auch bedeuten, daß es einen Sieger und einen Verlierer geben müßte, und ich denke, das ist das Negativste, was dabei herauskommen kann.

Und in der Pubertät gibt es in diesem Sinne keine Verlierer und Sieger?

Sollte es nicht geben. Es gibt aber sicherlich Kämpfe und Auseinandersetzungen.



Sie sind in Ihrer täglichen Arbeit im Bereich Jugendberatung tätig. Wie erleben Sie Pubertät bei Ihren Klientinnen und Klienten?

Was mich persönlich sehr berührt, ist, daß dies eine schwierige Zeit für Jugendliche ist, weil die körperliche und die seelische Entwicklung sehr oft weit auseinanderklafft. In vielen Fällen führt das dazu, daß Jugendliche in ihrer Entwicklung entweder über- oder unterfordert werden. Wenn z.B. in einem Beratungsgespräch ein Mädchen vor mir sitzt, das rein vom Äußerlichen her 16 Jahre sein könnte, aber in Wirklichkeit erst 12 Jahre ist.

Sie erwähnten das Beispiel des Mädchens ­p; gibt es aus Ihrer Sicht her ein Unterschied zwischen der Pubertät eines Burschen und eines Mädchens?

Die Pubertät ist grundsätzlich für Mädchen und Burschen gleich schwer oder leicht. Trotzdem ist es so, daß den Mädchen in der Erziehung weniger Freiräume für ihre Entwicklung zugestanden werden. Dies setzt sich dann natürlich auch in der Pubertät fort. Mädchen dürfen in dieser Zeit weit weniger "experimentieren" und "ausprobieren" als Jungen. Die Eltern machen sich oft sehr schnell Sorgen, mit welchem Freundeskreis das Mädchen sich umgibt, machen sich Sorgen um Drogen- und Alkoholmißbrauch. Auch in Bezug darauf, was die Freundschaft mit Jungen im sexuellen Bereich angeht. Eltern sind sehr leicht über die neuen "Rollen" irritiert, die das Mädchen, bzw. die junge Frau ausprobiert. Sie vertrauen ihrer geleisteten Erziehungsarbeit nicht und haben die Sorge, daß ihnen das Mädchen entgleitet. Auf der anderen Seite wird den Burschen viel mehr Freiraum gelassen, und diese wissen oftmals gar nichts mit diesem Freiraum anzufangen. Wir beobachten in unserer Beratungsarbeit, daß dort, wo die Mädchen zuviel Grenzen gesetzt bekommen, Burschen gar keine Grenzen gesetzt bekommen.

Ich höre hier eine gewisse Ungerechtigkeit von Seiten der Eltern heraus.

Ungerechtigkeit ist, glaube ich, nicht das richtige Wort. Ich denke, es ist ein Prozeß, der sehr unbewußt stattfindet. Das hat etwas mit der Sozialisation und unserem gesellschaftlichen Rollenverständnis zu tun, wo man immer noch davon ausgeht, daß Mädchen und junge Frauen nicht in der Lage sind, Verantwortung für sich zu übernehmen. Tatsache ist: Mädchen werden anders erzogen als Burschen.

Im Gespräch mit Eltern von Pubertierenden erfahre ich sehr oft Unsicherheit, teilweise fast auch Resignation und ähnliche Faktoren. In die Beratung, nehme ich an, kommen auch Eltern.

Ja.

Wie schaut hier die Situation aus der Sicht der Eltern aus? Und wo liegen hier die Schwerpunkte in der Beratung?

Eltern sind in der Zeit, in der sich ihre Kinder in der Pubertät befinden, stark gefordert. Sie müssen ihre Botschaften klar und eindeutig formulieren. Wenn ihr Tun und ihre Worte nicht stimmig sind, wird dies von den Jugendlichen intuitiv erfaßt und auf die Probe gestellt. Es geht in dieser Zeit oft darum, klar Position zu beziehen, und trotzdem in die Auseinandersetzung zu gehen.

Jetzt eine sehr persönliche Frage, Frau Jacob: Wie haben Sie selbst Ihre Pubertät erlebt und können Sie sich an Details vielleicht noch erinnern?

Es war eine schwierige, aber auch spannende Zeit mit vielen Veränderungen, die für mich oft schwer einzuordnen waren.

Kürzlich habe ich in einem Artikel gelesen, daß ein 11Jähriger gestanden hat: "Ich rauche aus Rache an meinen Eltern." Ist Rache im Bereich der Pubertät nach Ihrer Interpretation der richtige Ausdruck oder sollte man nicht eher von Widerstand und Protest gegen scheinbar autoritäre Überlegenheit der Eltern sprechen?

Ja, es geht um Protest. In diesem Beispiel geht es meiner Meinung nach nicht um das Rauchen an sich, sondern es geht in Richtung Provokation. Der Bursche möchte, daß die Eltern sich mit ihm als Person auseinandersetzen.

Wenn Sie auf Ihre doch schon einige Jahre dauernde Beratungstätigkeit zurückblicken ­p; wenn Eltern zu Ihnen kommen, welchen Tip würden Sie so generell an Eltern von pubertierenden Kindern geben?

Es gibt keine generell gültige Antwort auf diese Frage. Jede Familie hat ihre eigene Individualität und ihre eigenen Strukturen. Immer wieder taucht aber in den Beratungen das Thema "Grenzen" auf, die jede Familie für sich, mit ihren Kindern und Jugendlichen finden und aushandeln müssen. Es scheint auch wichtig, sich wirklich Zeit zu nehmen, Zeit für Diskussionen und für Auseinandersetzungen und für die Dinge, die die Jugendlichen beschäftigen. Dies ist oft keine leichte Aufgabe, da es zwischen den Generationen zu Mißverständnissen und Mißinterpretationen kommt.

Können Sie mir ein Schlüsselerlebnis in Richtung pubertärer Beratung sagen?

Nein, so spontan kann ich das nicht, aber ich möchte noch generell etwas zur Arbeit mit Jugendlichen sagen. Die Arbeit mit Jugendlichen wird immer schwieriger, da immer weniger Geld für die Arbeit mit Mädchen und Buben zur Verfügung gestellt wird. Jugendliche befinden sich in einem "Transitalter", in dem es nötig ist, auch schnell und spontan Aktionen und Projekte zu setzen. Dies wird immer unmöglicher, da Erwachsene und Behörden langsam arbeiten. Grund: Ihre Erwachsenenzeit dauert 40 Jahre und länger. Was aber ganz deutlich ist, ist, daß Jugendliche einen anderen Zugang zu ihren entwicklungsbedingten Fragen, Schwierigkeiten und Lösungsansätzen haben. Diese können nicht nur in Beratungsgesprächen (wie bei der Erwachsenenberatung) bearbeitet werden. Hier ist einfach noch mehr Flexibilität in den Methoden gefordert. Da Jugendliche aber keine Lobby haben, gibt es immer weniger Geld, um adäquate, flexible Methoden anbieten zu können.

Zum Schluß noch einige persönliche Daten, damit Sie die LeserInnen noch besser kennenlernen:

Name: Stephanie Jacob.

Welche Ausbildung haben Sie gemacht?

Ich bin Diplom-Sozialpädagogin, das ist ein Studium an der Fachhochschule in Deutschland.

Und geboren in ?

Ich bin in Bad Ort geboren, das ist im Spessart in Deutschland.

Fühlen Sie sich als Deutsche bei uns wohl?

Ja, ich liebe das "Ländle", es gefällt mir sehr gut und ich muß sagen, ich arbeite sehr gerne in Vorarlberg, es gefällt mir einfach in den Bergen und ich fühle mich wohl.

Seit wieviel Jahren sind Sie beim Institut für Sozialdienste?

Ich habe zum 1.1.1994 angefangen.

Was mögen Sie?

Schwierige Frage, das läßt sich nicht so einfach beantworten. Also was ich grundsätzlich mag, ist in der Natur zu sein.

Und was mögen Sie nicht?

Unstrukturiertes Arbeiten, immer um das Gleiche kämpfen müssen.

Danke für das Gespräch!

Das Gespräch führte Franz Abbrederis.

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