Auf der Suche nach Heimat

Der verzweifelte Versuch
eines Punk-Mädchens,
ihre Identität zu finden.



Ich war Erzieherin in einer Sozialpädagogischen Wohngemeinschaft für Mädchen (IfS). Dorthin kam Sue, ein 16jähriges Mädchen, weil sie von Zuhause weggelaufen war. Von Anfang an hatte ich ihr den Namen Indianerin gegeben. Dieser Name entsprang meiner Intuition und zeigte sehr bald, daß er genau das Wesen und die Thematik dieses Mädchens betraf.


Ich wurde die Primärerzieherin von Sue und ahnte damals nicht, was für eine intensive, temperamentvolle und lehrreiche Beziehung sich zwischen uns entwickeln sollte. Sue hatte von Anfang an in der WG große Schwierigkeiten mit den anderen Mädchen. Sie nahm alles, was sie brauchen konnte, von Geld angefangen über Kleidungsstücke, Hygieneartikel und anderes mehr. Ihre heftigen Gefühlsausbrüche, ihre aggressiven Reaktionen ließen die Mädchen erschrecken und brachten ihr Ablehnung und Unverständnis entgegen.

Mit 5 Jahren wurde Sue gegen ihren Willen und ohne Erklärung von ihrer geliebten Großmutter, ihrem Onkel und von ihrem sozialen Umfeld herausgerissen. Ihre Mutter bekam das zweite Kind, heiratete den Vater ihrer Kinder und zog mit Sue in ein anderes Bundesland. Die Großmutter wurde als unfähig, als Trinkerin, abgestempelt, wodurch die lieblose Handlung der Mutter legitimiert wurde. Der Bruder von Sue war von Anfang an der besondere Liebling der Mutter, was die Eifersucht und den Haß von Sue auf die Mutter noch verstärkte.

Die Familiensituation war geprägt von negativen Kommunikationsmustern, von Abwertungen und Demütigungen. Ein Besuch mit Sue bei ihren Eltern war für mich die Erklärung dafür, was Sue in der Wohngemeinschaft permanent inszenierte. Ein emotionales Wechselbad zwischen infantiler, gieriger Sucht nach Verschmelzung und ohne Übergang Ausstoßung und Abbruch bisheriger sozialer Kontakte und emotionaler Beziehungen. Die Situation während des Besuches war für mich sehr eindrucksvoll. Ich war nach wenigen Stunden körperlich total erschöpft und froh, dieser familiären Theaterinszenierung zu entkommen. Es dauerte lange, bis ich mit dieser Art von Beziehungsangebot seitens Sue umgehen konnte. Durch viele Einzelgespräche konnte sie langsam ein neues Kommunikationsmuster erlernen und über längere Zeit eine kontinuierliche Freundschaft eingehen. Diese Zeit war geprägt von Höhen und Tiefen, Erfolgen und Rückschlägen, von Hoffnungen und Resignation.


Sue wollte mich ganz für sich alleine haben, sagte immer wieder zu mir, ich möchte so gerne dein Kind sein und in deiner Familie wohnen. Sie wollte mich nicht mit den anderen Mädchen teilen, wollte nicht eine von vielen sein. Was immer sie an Zeit, Zuwendung und Aufmerksamkeit bekam, es war zu wenig.

Plötzlich und ohne äußere Gründe verschwand Sue immer wieder. Sie brach alles ab, was an Freundschaften und Kontakten bestand, sie reiste ohne Geld und ohne Gepäck in ihr Heimatland, versuchte immer wieder verzweifelt, bei ihren Eltern zu Hause Heimat zu finden. Nach wenigen Tagen tauchte sie wieder auf, die Mutter nahm sie nicht auf, der Vater war leider wieder mit seinem LKW unterwegs.

Diese Suche, dieses "alles hinter sich lassen" kam in regelmäßigen Abständen und führte sie immer länger weg von der Wohngemeinschaft. Diese Tatsache bewirkte, daß ihre Position in der Wohngemeinschaft sich verschlechterte, da die Mädchen mit Neid und Abneigung auf Sue reagierten. Sue machte keinen Hehl daraus, die Aufenthalte in der WG für existentielle Bedürfnisse, wie Wohnen und Essen, zu benützen.

Es war schmerzlich, mit anzusehen und zu spüren, wie Sue nonverbal nach Beziehung und Geborgenheit verlangte, jedoch ihr Verhalten dies immer mehr verhinderte. Ich sah darin die Wiederholung ihres frühkindlichen Traumas. Sue war auf der Suche nach ihrer äußeren und inneren Heimat

Sue entschied sich wieder einmal für die Freiheit. Sechs Monate später kam ein Anruf vom Außenministerium. Sue befand sich in Amsterdam in einem Gefängnis und brauchte eine Möglichkeit des Wohnens, um von der österreichischen Botschaft ein Rückreiseticket zu erhalten. Der Anruf bei ihrer Mutter, der verzweifelte Hilferuf um Aufnahme, mißlang, wie schon so oft.

Die WG war zu diesem Zeitpunkt voll belegt. Ich sagte am Telefon Sue zu, sie in meiner Familie aufzunehmen. Sie hatte somit erreicht, was sie schon lange wollte. Unser Abenteuer, unsere gemeinsame Reise zu unseren Sehnsüchten, Grenzen und Möglichkeiten setzte sich fort. Die ersten Wochen waren geprägt von Gesprächen über ihre Erlebnisse und Erfahrungen im Ausland. Sue brauchte viel Zeit, Verständnis und vor allem Liebe. Ich spürte ihren unausgesprochenen Wunsch: akzeptiere mich so, wie ich bin.

Die Telefongespräche zwischen Sue und ihrer Mutter waren Spiegelbilder ihres verzweifelten Versuchs, die Funkverbindung (im wahrsten Sinne des Wortes) wieder herzustellen. Sue wollte von ihrer Mutter hören: "Komm nach Hause, ich mag dich." Doch leider konnte diese Mutter ihr das nicht geben, weil sie selber wiederum von ihrer Mutter mit 5 Jahren "verschenkt" wurde.

In regelmäßigen Abständen hatte Sue einen erschütternden Gefühlsausbruch, der sie und mich an die Grenzen des psychischen und physischen Faßbaren brachte. Die Emotionen schlugen über ihr zusammen, sie schrie, tobte und schlug sich selbst mit der Hand oder sogar mit Gegenständen. Diese stark autoaggressiven Handlungen machten mir Angst und lähmten mich, da sie meistens aus heiterem Himmel und ohne Vorwarnungen auftraten. Es war wie ein tiefes Aufbäumen gegen alles, was ihr angetan wurde. Immer wieder kam der Haß und die Wut auf ihre Mutter, die sie verletzte und demütigte. Immer wieder folgte ein Weinkrampf, bis ich den Zusammenhang zwischen der Menstruation von Sue und ihren archaischen Ausbrüchen verstand. Sue erlebte ihre Weiblichkeit, ihre Identifikation mit ihrer Mutter, als schmerzlich, demütigend und kränkend.

Diese fehlende, positive Beziehung zu sich und ihrem Körper zeigte sich nicht nur in diesem Bereich, sondern tagtäglich bei ihren negativen Gedanken, Kommentaren und Bemerkungen zu ihrem Äußeren. Die stereotype Frage: "Wie sehe ich aus?", wurde zum ständigen Begleiter unserer Kommunikation. Sue war sehr verletzt, wenn ich hastig oder, was noch schlimmer war, "unehrlich" antwortete. Ständig forderte sie mich auf zu sagen, was ich von ihr halte, was ich von ihr denke

Sie erschreckte viele Menschen mit ihrer provokativen Frisur und mit ihrem Jargon, der schnell deutlich machte, in welcher Szene sie sich bewegte. Sue freute sich, wenn sie Aufsehen erregte, wenn sie negativ beachtet wurde. Auf der anderen Seite wollte sie ein ganz normales Mädchen sein. Sue half mir stundenweise im Haushalt, gegen Bezahlung. Bei den täglichen Arbeiten entdeckte sie ein Spiel, das ihr sehr viel Spaß bereitete:
Ich kam als Nachbarin zu ihr auf Besuch. Wir tratschten bei Kuchen und Kaffee über die anderen Nachbarinnen, über die Dorfneuigkeiten und verhandelten diesen und jenen. Bei diesem Spiel entdeckte ich die sehr bürgerliche, traditionelle Frauenrolle in Sue.

Eine weitere Identifikation mit ihrer Mutter lebte Sue, indem sie das traditionelle Gugelhupfrezept ihrer Familie mit Freuden ausprobierte. Sie war deshalb so glücklich, weil sie bei mir das erste Mal den Kuchen alleine backen durfte. Den Gugelhupf, eine Spezialität ihres Bundeslandes, gab es mit Mohn, Nuß oder Kakao zu verschiedenen Anlässen oder Tageszeiten, manchmal auch für sie ganz alleine.

Sue konnte auch mit meiner Tochter stundenlang mit Barbie-Puppen spielen. Die beiden saßen dann auf dem Boden, Unmengen von Puppen, Kleidern und Zubehör um sich herum, tauchten ein in eine andere Welt. Ich staunte immer wieder, wie dieses Punk-Mädchen ihre weiche, zarte, kindliche Seite zum Ausdruck brachte.

Sue sprach immer wieder vom Leben auf der Straße, vom Freisein. Sie wollte zurück zu ihrem alten Lebensstil, zu ihrer Lebensform von Heimat. Ich versuchte nicht, sie zu überreden oder zu halten, denn ich wußte schon lange, daß Sue wieder zu ihrem "Indianer-Leben" zurückkehren würde und sie ist es auch.

Maria Angelika Kraher
Psychotherapeutin an der
IfS-Beratungsstelle
Bludenz

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