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Werden wir psychisch immer kränker?

von IfS-Geschäftsführer Dr. Stefan Allgäuer

Die Zahlen eines Artikels der WHO zum Thema "Europa ist krank - psychisch" (vgl. Psychologie heute, 10/99) sind dramatisch. Wenn man der Weltgesundheitsorganisation glauben darf, so verschlimmert sich weltweit, vor allem auch in Europa, der psychische Gesundheitszustand ständig: depressive Störungen, Süchte, Angsterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Zwänge, posttraumatische Stresssyndrome u.v.m. sind Erkrankungen, die im Steigen begriffen sind.

In Zahlen ausgedrückt:

Weltweit leiden etwa 350 Millionen Menschen an gravierenden depressiven Störungen, als alkoholkrank gelten 300 Millionen, Suizid begehen jährlich mindestens eine Million Menschen, (10 bis 20 Millionen versuchen, sich selbst zu töten) usw.: Psychische Störungen sind nach den Infektionen die zweithäufigsten Krankheiten der Weltbevölkerung. Das bedeutet: in Europa müssen mehr als 10 % aller Ausgaben im Gesundheitswesen für psychische Erkrankungen aufgewendet werden.

Die Ursachen psychischer Störungen sind vielfältig und komplex. Faktoren wie persönliche Stressbewältigung, soziale Unterstützung, zwischenmenschliche Beziehungen sowie gesellschaftliche Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Armut usw. spielen eine wichtige Rolle, ebenso die steigenden Krankheiten im Alter durch die gestiegene Lebenserwartung und der Anstieg posttraumatischer Stresssyndrome.

Der Appell der WHO: Die Förderung psychischer Gesundheit muß zur nationalen Agenda der europäischen Staaten erklärt werden. Medizinisch und / oder psychologisch können die meisten psychischen Störungen wirksam behandelt werden. Im psychosozialen Bereich insbesondere durch psychotherapeutische Verfahren, Aufbau sozialer Netzwerke, familientherapeutische Ansätze und präventive Maßnahme für besonders gefährdete Risikogruppen. Soweit Befund und die Strategievorschläge der WHO.

Wenn wir diesen Vorschlägen die Situation im Land Vorarlberg im Allgemeinen und insbesondere die Angebote des Institut für Sozialdienste (IfS) gegenüberstellen, ist das Bestätigung und Auftrag zugleich.

Bestätigung dort,

  • wo wir mit Verfahren der Sozialarbeit, der Psychologie und der Psychotherapie in ca. 7000 Einzelfällen jährlich versuchen, die Ressourcen und Kompetenzen des Einzelnen auf- und auszubauen sowie dessen familiäre und soziale Netzwerke zu stärken.
  • wo wir mit über 4000 Menschen aus Risikogruppen mit dem Ziel arbeiten, die anstehenden Probleme zu lösen, Risiken zu vermindern und die Lebens- und Konfliktlösungskompetenz zu stärken - mit Schuldnern, Gewaltopfern, "auffälligen" Kindern und Jugendlichen, u.v.m.
  • wo wir Menschen begleiten und unterstützen, denen wichtige existentielle Lebensgrundlagen fehlen (Einkommen, Arbeit, Wohnung etc.)
  • wo wir gemeinsam mit Land Vorarlberg, AKS, Supro, Landesschulrat in der "Plattform Gesundheitsförderung" versuchen, die Option "Gesundheit fördern" in allen Lebensbereichen des Landes Vorarlberg anzuregen und zu verstärken.

Auftrag dort,

  • wo wir dieses Verständnis von "Gesundheit fördern" im Sinne von "Lebenskompetenz stärken" (z.B. Stressbewältigung, Konfliktlösung, Kommunikationsfähigkeit, Selbstwert, familiäre und soziale Netzwerke stärken, u.v.m.) noch bewusster und besser umsetzen könnten. Dieser Wechsel in der Sichtweise (weg von der defizitorientierten zur ressourcenorientierten Betrachtung) ist wohl eine der größten Entwicklungen und Errungenschaften in den psychosozialen Berufen im 20. Jahrhundert.
  • wo wir die interdisziplinäre Zusammenarbeit einerseits und eine klare Aufgabenzuordnung andererseits als zentrale Qualitätsmerkmale unserer Arbeit immer weiter entwickeln können und müssen.
  • wo wir - bei beschränkten Mitteln - ein zentrales Augenmerk darauf legen müssen, dass wir Risikogruppen und Risikobereiche abdecken. Wir müssen immer wieder sicherstellen, daß jene Hilfe bekommen, die sie suchen und die sie brauchen.
  • wo wir gefordert sind, innovative Ansätze für Prävention zu entwickeln, zu erproben und umzusetzen.

Gerade in diesem Bereich - der Prävention - sind wir derzeit sehr aktiv und bemüht, neue Wege zu öffnen. Beispielhaft seien hier nur erwähnt

  • FAST (families and schools together) ein Präventionsprojekt für Familien in Grundschulen
  • ein Projekt zum Aufbau von ehrenamtlichen Jugendhelfern für Einrichtungen der Jugendwohlfahrt
  • "Love Talks" ein neues Programm zur schulischen und ausserschulischen Sexualerziehung
    n Gesundheitsförderung in Kindergärten und Schulen (ein Programm der "Plattform Gesundheitsförderung")
  • Projekt "Hauptschulabschluss" in der Jugendberatungsstelle Mühletor für Jugendliche und junge Erwachsene

Ob wir unser Idealziel erreichen, bleibt abzuwarten: nämlich, in jedem unserer Arbeitsbereiche zumindest eine Maßnahme der Gesundheitsförderung bzw. der Prävention umzusetzen. Daran gehindert werden wir vor allem in unserem Alltag: die aktuelle Not von Menschen in schwierigen Lebenslagen ist immer vorrangig. Gerade darum ist es notwendig, sich die Thematik Gesundheitsförderung und Prävention immer wieder bewußt als Ziel zu setzen.

Dr. Stefan Allgäuer