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Das Gespräch

Das Gespräch

mit Fani Schuster

Fact-Box

Fani Schuster, geborene Bischof, wurde am 16. Mai 1909 in Rankweil geboren, wo sie heute noch in ihrem Eigenheim wohnt.

"Eine Vorbemerkung"

In dieser IfS-Ausgabe haben wir als Gesprächspartnerin für das Hauptgespräch ausnahmsweise nicht eine Fachperson aus dem psychosozialen Bereich gewählt, sondern die 90-jährige Pensionistin Fani Schuster aus Rankweil. Frau Schuster feierte kürzlich ihren 90. Geburtstag. Als gute Bekannte von mir habe ich ihr persönlich gratuliert. Im Rahmen dieses Gespräches hat sie mir auf die Frage, wie sie sich fühle, wörtlich geantwortet: "Woascht, ufbaua ist lichtr als abbaua!" Mit einem verschmitzten Lächeln und einem Fingerklacks unterstrich Frau Schuster noch ihre wahren Worte. Dies war zugleich auch die Geburtsstunde des Hauptthemas für diese IfS-Info-Ausgabe.

Hier nun das Gespräch mit Frau Schuster:

Fani, ich war anlässlich Deines 90. Geburtstages bei Dir. Dort hast Du mir erzählt, dass für Dich das "Abbauen schwerer sei als das Aufbauen". Du kannst auf ein langes Leben zurückblicken. Wie hast Du das genau gemeint?

Es ist so: Ja mein Gott, wie soll ich Dir dies erklären. Ich hatte eine sehr harte Kinder- und Jugendzeit mit vielen Entbehrungen. Vor allem dann auch der Krieg. Wir hatten damals kaum Geld. Wir bauten also damals viel auf. Auch körperlich Und trotz dieser Härten war es leichter aufzubauen, als jetzt körperlich abzubauen. Ein kleines Beispiel: Früher konnte ich alles verstehen, was in meiner Umgebung gesprochen wurde, ich konnte alles ohne Brille lesen. Und heute.... Ohne gut zu hören ist es schwer.

Du wurdest 1909 in Rankweil geboren. Die Zeiten waren sicherlich anders. Kannst Du unseren Leserinnen und Lesern ein Beispiel sagen?

Wir hatten eine kleine Landwirtschaft zuhause. Wir Kinder haben oft die Milch an andere Haushalte verteilen müssen. Dafür haben wir dann und wann einmal ein Zuckerl erhalten. Das war meistens das Grösste. Und wie schaut es heute aus! Ich denke oft, wie wir früher "Schmalhals" gelebt haben und trotzdem zufrieden waren. Wir haben fast alles selbst erarbeitet, vom Mehl weg zum Türken und Brot, vom Gemüse bis zur Milch.

Du hast in späteren Jahren dann mühsam mit Deinem verstorbenen Mann Euer Haus aufgebaut. Welche Erinnerungen hast Du an diese Zeit?

Ja, zum Teil sehr schwere. So hat mir zum Beispiel eine Frau nach dem Hausbau gesagt, dass sie sich eigentlich erwartet hätte, dass ich eher in eine Kiste (gemeint Sarg) einziehe, als in unser Haus. So muss ich damals ausgesehen haben und fertig gewesen sein.

Aber das sind doch auch sehr schwere Zeiten gewesen. Trotzdem sagst Du heute, dass es leichter war für Dich.

Natürlich waren es sehr schwere Zeiten, es waren "haarige Zeiten", wir bauten jedoch etwas auf! Und nicht ab! Ich bin aber zufrieden. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich den 90. Geburtstag erleben würde.

Und trotz diesen schweren Zeiten höre ich heraus, dass Du sagst, dass Du schöne Zeiten erlebt hast?

Schöne Zeiten habe ich eigentlich nie richtig erlebt. Ausser jetzt. Ich muss ehrlich sagen, dass ich jetzt ein fast problemloses Leben habe. Mit Ausnahme des körperlichen Abbaues.

Du hast mir einmal gesagt, dass Du das Gefühl hättest, dass sich heute die jüngeren Leute schwer tun, etwas loszulassen. Was meinst Du damit?

Ja, ich glaube, dass heute die jüngere Generation alles hat, was sie will, vor allem materiell. Dies war früher nicht so. Früher hat man viel entbehren müssen. Und dadurch fiel es unserer Generation auch leichter, etwas loszulassen.

Trotzdem ärgert es Dich, wenn Du körperlich abbaust. Also tust Du Dir doch nicht so leicht?

Ja, dies ärgert mich schon. Wie gesagt, wenn Du kaum mehr etwas lesen kannst, wenn Du sehr schlecht hörst.

"Was wir unter dem Krieg, unter Hitler durchleben mussten!

Es ist schade, dass man dies immer so schnell vergisst!"

Und trotzdem muss ich staunen, wie Du mit Deinem stolzen und hohen Alter noch aktiv bist und den Haushalt völlig allein bewältigst. Vor allem die Wanderungen, die Du immer noch machst, zeigen nicht so viel von "Abbauen".

Ja, wandern ist meine Lieblingsbeschäftigung. Das ist noch mein Alles!

Hast Du Angst vor dem Loslassen, vor dem körperlichen Abbau?

Ehrlich, zum Teil schon.

Wenn Du so an die jungen Menschen heute denkst, was würdest Du dieser Generation wünschen?

Ich möchte ihnen diese Zeit wünschen, die wir erleben mussten. Jedoch nur ganz kurz, einige Tage. Das denke ich mir oft. Dann wären sie wieder mehr zufrieden. Was wir zum Beispiel unter dem Krieg, unter Hitler durchleben mussten. Es ist schade, dass man dies immer so schnell vergisst.

"Wenn ich sterbe, dann sterbe ich! Wenn ich lebe, dann lebe ich!"
Und warum würdest Du ihnen dies wünschen?

Dass sie erleben, was sie heute alles haben und wie gut es ihnen heute geht. Das ist wahr! Ich denke mir oft, wie hoch die Unzufriedenheit heute da ist.

Du wurdest dann auch Mutter von zwei Töchtern. Wenn Du an Deine Mutterrolle denkst, ist es Dir damals auch schwer gefallen, als die Töchter geheiratet haben und aus dem Haus gingen?

Ja, zum Teil schon, vor allem bei der ersten Hochzeit, das ist mir schon schwer gefallen. Und wenn es nicht gewesen wäre, wäre es auch wieder falsch gewesen.

Fani, noch eine sehr persönliche Frage, Du musst sie mir nicht beantworten. Sehr viele Menschen haben sehr grosse Angst vor dem Sterben....

Habe ich nie gehabt! Wenn ich sterbe, dann sterbe ich! Wenn ich lebe, dann lebe ich! (lacht herzhaft)

Ja, Sterben kannst Du nicht verhindern. Das muss jeder Mensch einmal. Wenn ich sterbe, dann sterbe ich, in Gottes Namen. Dann gehe ich dahin, in die Ewigkeit.....

Das Gespräch führte Franz Abbrederis.