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Wodurch Kreativität im Alter verhindert wird

Auszug aus einem Vortrag an der 10. Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Kunst, Gestaltung und Therapie in Berlingen (CH), gehalten von Brigitte Zöller (Basel).

Diesen Text stellte uns dankenswerterweise Martina Hubner von der IfS-Beratungsstelle Feldkirch zur Verfügung. Der abgedruckte Text ist ein Versuch einer Kurzfassung eines längeren Referates, das bei der Redaktion angefordert werden kann.

Die Tatsache, dass vornehmlich jüngere Menschen über Probleme sprechen, die ältere betreffen, bedeutet bereits in gewissem Sinne Verhinderung von Kreativität, denn ihre Wünsche und Vorstellungen würden die Betroffenen weitaus berufener und vermutlich mit anderer Priorität darstellen. Es ist meine Absicht, darzulegen, warum Menschen im Alter nicht häufiger kreativ sind, es nicht sein wollen oder können. Und vielleicht wird daraus erkennbar, warum alle noch so gutgemeinten Versuche der programmatischen, organisierten Kreativitätsförderung auf breitester Ebene vielfach von vorneherein zum Scheitern verurteilt sind.

Fragt man noch im Beruf stehende Menschen vor der Pensionierung danach, was sie tun werden, wenn sie im Ruhestand sind, dann antworten die meisten, sie würden endlich einmal morgens lange schlafen, es geniessen, nicht mehr in den (verhassten) Betrieb zu müssen. Einige würden Reisen unternehmen, andere die Wohnung tapezieren oder im Garten arbeiten, wieder andere einen Bastel- oder Hobbykeller einrichten - von all dem habe man ja schon immer geträumt. Erlebt man dann, was sie wirklich tun, wenn sie aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, dann merkt man: Nach spätestens vier Wochen haben sie ausgeschlafen, die erste Busreise ist nicht ganz so glücklich verlaufen, obwohl man den Mitreisenden - noch - von seinem Beruf erzählen konnte. Frauen werden im Haushalt plötzlich arbeitslos, weil der Mann Staubsaugen und Einkaufen übernimmt oder besser: an sich reisst. Es gibt Krach, weil er auch in Küche und Haushalt alles besser weiss. Rollenklischees? Nein, das ist Realität. Das gründliche Zeitunglesen wird zunehmend langweiliger, weil die Themen sich ständig wiederholen, nur die Todesanzeigen sind noch interessant. Der Fernseher wird von Tag zu Tag früher eingeschaltet. Daran wäre prinzipiell nichts auszusetzen, wenn die Vormittags- und Nachmittagsprogramme wenigstens kreativitätsförderlich wären, die Sender die Chance nutzten, die älteren Menschen zu dieser Sendezeit gezielt und informativ anzusprechen. Was aber läuft statt dessen: Heile-Welt- und Heile-Familie-Fortsetzungsgeschichten in der X-ten Wiederholung, wie Landarzt Dr. Brock, Ein Haus in der Toskana, Lassie, Goldene Berge - Goldene Lieder, Die fliegenden Ärzte, Ein Bayer auf Rügen, Eine fröhliche Familie. Romantik-Kitsch und Volksverdummung höchster Vollendung. Bis zu acht Stunden am Tag sitzen Rentner vor dem Fernseher - "Mediennutzung" nennt das das deutsche Bundesministerium für Familie und Senioren (Wo bleibt die Zeit? BMFuS, 1994). Ist das kreatives Verhalten im Sinne des italienischen ("creare" - schaffen, schöpferisch tätig sein, oder eher Zeitvertreib ("passare tempo")? Letzteres kommt der Wahrheit schon näher, steckt doch in diesem Begriff immerhin das Verb (verpassen).

Kreativität im Alter: determinierende Faktoren

Welches sind im Einzelnen die Faktoren, die Kreativität im Alter behindern und verhindern? Sie lassen sich in zwei Gruppen einteilen:

1. Individuell bedingte, interne Faktoren.
2. Durch äussere Gegebenheiten und Fremdeinflüsse bedingte, externe Faktoren.


Individuell bedingte interne Faktoren

Das in unserer westlichen Leistungsgesellschaft noch immer existente und verbreitete Negativbild vom Alter(n) als Phase des Abbaus und des Defizits ist nicht dazu angetan, das Selbstwertgefühl des alten Menschen zu stärken. Nach dem Ausscheiden aus Produktionsprozess und Berufsleben empfindet sich der ältere Mensch als auf dem Abstellgleis und das dadurch gesunkene Selbstvertrauen verhindert jede Form des Neu-Engagements. Glaubte man in den letzten Jahren aufgrund einer Vielzahl von Publikationen das Negativ - respektive Defizitmodell des Alters überwunden, zeigt sich die Realität in anderem Licht. Vor allem jüngste Äusserungen einer prominenten deutschen Politikerin haben den Bestrebungen einen jähen Rückschlag versetzt. Ich denke an das Ansinnen des Wahlrechtentzugs für ältere Menschen von Heide Schüller in Deutschland. Aufgrund einer bei vielen Menschen ausbleibenden Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie mangelt es den Betroffenen an der inneren Akzeptanz ihres Alterns und Alters. Diese Situation wird verschärft durch den penetranten Jugendlichkeitswahn und den Jugendkult in unserer Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass das Alter einerseits als Last perzipiert, als Krankheit (und damit als gestörter Vorgang) begriffen wird, der nicht nur heilungsbedürftig ist, sondern gefälligst auch geheilt werden muss. Andererseits findet, da als Lebensphase unerwünscht - obwohl auf der anderen Seite langes Leben erhofft wird - eine massive Verdrängung statt, so dass für das (jedermann) bevorstehende Alter keine Pläne geschmiedet werden, die notwendige - auch mentale - Vorbereitung auf das Alter, das immerhin ein Viertel bis ein Drittel der gesamten Lebensspanne umfasst, weitestgehend ausbleibt. Wer mit 50 träumerisch davon redet, sich nach der Pensionierung so richtig ausleben und verwirklichen zu wollen, tut das unter Nichtberücksichtigung der sich zwangsläufig mit zunehmendem Alter verändernden Verhältnisse, unter unüberlegter Projektion der gegenwärtigen Gegebenheiten auf eine unbekannte Zukunftssituation.

Lebensstil

In diesem Zusammenhang kommt auch dem Lebensstil Bedeutung zu. Wer in Beruf und Freizeit stets "keine Zeit" hat, von einem selbstgemachten Termin zum anderen hetzt, ohne sich selber die Chance zu geben, spezifische Interessen frühzeitig zur ausfüllenden Nebenbeschäftigung, zum befriedigenden Hobby, auszubauen, läuft im Alter ins Leere. Das gleiche gilt für den Umgang mit Mitmenschen. Wer keine Freundschaften begründet und pflegt, ist im Alter nicht nur allein, sondern auch einsam. In diesem Fall würde er oder sie nicht einmal Anerkennung und Resonanz finden für etwaige kreative Leistungen. Vielfach wird die zeitlebens gepflegte innere Einstellung zur (ungeliebten) Arbeit oder zu Arbeit an sich auf alle Aktivitäten übertragen. "Ich hab' genug gearbeitet in meinem Leben." "Ich will auch 'mal nichts tun.", sind häufig zu vernehmende Floskeln. Hier wird Kreativität, wird Beschäftigung, ja sogar Nachdenken über die eigene Situation mit Arbeit verwechselt. Das hat zur Folge, dass gar nichts mehr aktiv geleistet wird. Das Resultat liegt auf der Hand, ein Zirkulus vitiosus nimmt seinen Anfang: Wo Erfolgserlebnisse - mangels Betätigung - ausbleiben, sinkt sukzessive das Selbstvertrauen; Antriebslosigkeit und Langeweile machen sich breit, das Dasein ist ohne Inhalte. Ist dieser Zustand erreicht, treffen alle Anregungen von aussen ins Leere.

Gewohnheiten

Wer über Jahrzehnte Gewohnheiten pflegt, die mit Passivität einhergehen - Beispiel: Berieselung via Medien - dem wird es mit zunehmendem Alter schwerfallen, aus eigenem Antrieb Aktivität an den Tag zu legen, geschweige denn Kreativität zu entfalten. Auch wer einen ausgeprägten Hang zu Bequemlichkeit und Faulheit hat, versagt sich damit Möglichkeiten der Entfaltung.

Gesundheit im Alter, Alter(n)sveränderungen

Die Entfaltung von Kreativität ist an verschiedene Voraussetzungen gebunden, die im Alter zum Teil erheblich eingeschränkt oder beeinträchtigt sein können.

  • Wer geistig tätig ist, sei es literarisch, wissenschaftlich, politisch, Denkarbeit leistet, gerne liest, vielleicht komponiert, benötigt einen wachen Geist, also eine ungestörte Hirnfunktion, sowie ausreichendes Sehvermögen.
  • Wer handwerklich, künstlerisch tätig ist, gerne malt oder modelliert musiziert, bastelt, stickt oder strickt, ist auf gute Fingerfertigkeit, Beweglichkeit und Sehvermögen angewiesen.
  • Wer im Garten arbeitet, reist, sportlich aktiv ist, wandert, skifährt, ist auf Autonomie, einen gesunden Bewegungsapparat, auf gutes Seh- und Hörvermögen angewiesen.
  • Selbst wer der Muse frönt, tut dies erfolgreicher und lieber, wenn er keine Schmerzen hat, nicht unter Schwindelattacken leidet und intellektuell in der Lage ist, das kreative Nichtstun zu geniessen.

Dass Krankheiten im Alter häufiger auftreten, ist eine Binsenweisheit. Dass Abbauerscheinungen sich bemerkbar machen, die Leistungsfähigkeit nachlässt, spürt jeder, der die 45 überschritten hat. Für viele Menschen ist das Alter(n) per se die vorrangige Bewältigungsaufgabe, die andere Aspekte in den Hintergrund drängt.

Animation

Ich bin mir bewusst, mit meinen abschliessenden Bemerkungen in bestimmten Lagern Kritik zu provozieren. Gleichwohl möchte ich es nicht versäumen darauf hinzuweisen, dass es oft gerade die intensiven Animationsbestrebungen sind, durch die Kreativität im Alter verhindert wird. Wer ständig ungebetenerweise aufgefordert wird: "Tu doch etwas. Geh' spazieren, besuch' den Seniorennachmittag!", verfällt zwangsläufig in Opposition. Solche Reaktionen sind schon beim Kind zu beobachten. Kreative Entfaltung kommt von innen, sie wird kreiert, geschaffen, und wenn im Inneren der Keim gelegt ist, ergibt sich alles weitere (fast) ohne äusseren Antrieb.

Kreativität basiert auf Freiheit und Freiwilligkeit und lässt sich keinem Produktivitätsdiktat unterwerfen. Unsere leistungsgewohnte kapitalistische Gesellschaft lässt jedoch keine vermeintlich planlose, inaktive und unproduktive Existenz zu.

Das Credo des modernen Menschen lautet:

Aktivität = Leben = Daseinsberechtigung.

Erst der randvolle Terminkalender verleiht gesellschaftliche Anerkennung. Und so erwächst für die Randgruppe der Alten ein Riesengeflecht von oftmals undifferenzierten Beschäftigungsprogrammen, die Aktivität vorgaukeln, jedoch Passivität vermitteln. Erzielt werden damit nicht selten Ablehnung und Desengagement. Verhindert wird Kreativität aus eigenem Antrieb. Das Hauptdilemma der gesamten Altenarbeit liegt in der Tatsache begründet, dass jüngere Menschen aus ihrem gegenwärtigen Blickwinkel und unter Berücksichtigung ihrer Vorstellungen, Konzepte erarbeiten, die ganz anders gelagerten älteren Menschen wie unmündigen Kindern ungefragt übergestülpt werden. Das kann nicht funktionieren.

Schlusswort

Wer älteren und alten Menschen zu Kreativität verhelfen möchte, muss nicht Zeitvertreib bieten, sondern Entfaltungsmöglichkeiten gewähren, und zwar in allen Richtungen und nach eigenen Regeln.

Brigitte Zöller, Rennweg 80,
Postfach CH-4020 Basel.

Nochmals der Hinweis: Der abgedruckte Text ist ein Versuch einer Kurzfassung eines längeren Referates, das bei der Redaktion angefordert werden kann.