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Kinder schufen in Feldkirch zum dritten Mal ihre eigene Stadt

Aus Angst vor Willkür gab es keine Polizei

Behörden, Unternehmer, Theater und Casino - in "Klein-Feldkirch" ging es zu wie im richtigen Leben. Fast jedenfalls. Hunderte Kinder aus der Region Feldkirch, aber auch aus Liechtenstein und der Ostschweiz, gestalteten drei Wochen lang ihre eigene Kinderstadt. Ihr größter Wunsch: Das Projekt soll jedes Jahr stattfinden.

"Es gibt kein Falschgeld mehr. Ab heute sind wieder alle Scheine gültig", steht auf einem Zettel, der gleich beim Eingang ausgehängt ist. Einen Stock höher wird ein "Geschäftsführer für Müllabfuhr dringend gesucht". Kandidaten sollen sich bei der Wirtschaftskammer melden.

In der Kinderstadt "Klein-Feldkirch" ging es zu wie im richtigen Leben. Fast jedenfalls. Denn, dass man jede Stunde seinen Beruf wechseln kann, ist nicht gerade der Normalfall. Auch Polizei gab es keine. Die hatten die Kinder in einer Volksabstimmung abgelehnt. "Sie hatten Angst vor der Willkür", lächelt Dr. Karl Stürz.

Der 41-jährige Mitarbeiter der "Stelle für Gemeinwesenarbeit", das vom Institut für Sozialdienste im Auftrag der Stadt Feldkirch geführt wird, hat die Kinderstadt im ehemaligen Hallenbad der Feldkircher "Stella Matutina" organisiert. Nach 1995 und 1997 ging es dort heuer bereits zum dritten Mal drei Wochen lang rund. Mit 100 bis 150 Kindern pro Tag, vornehmlich aus der Region um Feldkirch, aber auch aus Liechtenstein und der Ostschweiz. Vergangenen Freitag war Schluss.

"Die Idee war es, für die Kinder ein Übungsfeld zu schaffen", schildert Stürz. Geübt werden konnte dort etwa der Umgang mit Konflikten oder das Übernehmen von Verantwortung. Doch von solch hochtrabenden, im Sozialarbeiter-Jargon formulierten Zielen merkten die Kinder Gott sei Dank nichts. Sie konnten im Wesentlichen tun und lassen, was sie wollen.

Nur die Grundstrukturen haben die erwachsenen Betreuer festgelegt. Das Meldeamt am Eingang zum Beispiel, das aber selbstverständlich von Kindern geleitet wird. Wer zum ersten Mal in die Kinderstadt kam, holte sich hier sein Mitspielheft, sozusagen der Personalausweis für "Klein-Feldkirch". Außerdem wurde der Neuling über die Spielregeln - die Gesetze der Stadt also - aufgeklärt. Nächste Station war meist das Arbeitsamt, wo Jobs vermittelt wurden. 150 Arbeitsplätze standen zur Auswahl, so fand fast jeder seinen Traumjob.

Der achtjährige Thomas hat sich für das Theater entschieden: "Wir haben einmal Affenmenschen gespielt. Da war ich zuerst Kind, dann hat man mich in einen Affen verwandelt", sprudelt es aus ihm heraus.

Lisa, ebenfalls acht Jahre alt, versuchte sich im Schönheitssalon. Dort durfte sie ihre Frisur nach Lust und Laune wechseln: Einmal waren es Locken, dann machte sie sich "so spitze Haare wie ein Igel". Auch das Schminken und Anmalen der Fingernägel gehört in einem Schönheitssalon natürlich dazu. "Lippenstift darf ich daheim nicht drauftun und die Fingernägel malt mir höchstens manchmal die Mama an", erzählt Lisa. Pro "Arbeitsstunde" gab es in Klein-Feldkirch fünf Lasuten Lohn. Brutto wohlgemerkt. Denn bei einem Lohnsteuersatz von immerhin 20 Prozent blieben netto nur vier Lasuten übrig. Ausbezahlt wurde der Lohn natürlich auf der Bank.

Das Geld ließ sich auch rasch wieder ausgeben: "Das Kind kann ins Gasthaus gehen und eine Kleinigkeit essen oder trinken, es kann ins Theater gehen und sich eine Vorstellung anschauen", nennt Organisator Stürz Beispiele. Auch ein Spielcasino stand zur Auswahl. Oder man kaufte sich die jeden Abend erscheinenden "Klein-Feldkirch-Nachrichten", die mit drei Lasuten auch nicht gerade billig waren.

Eine solche Stadt braucht natürlich auch eine Regierung. Eine Woche dauerte die Legislaturperiode. In der letzten Woche hatte die elfjährige Linda Unterrainer die "Feldbürger" überzeugt. Gegenkandidat Elias Önder versprach auf seinen Plakaten "Ich werde keine leeren Versprechungen machen" und fiel prompt durch.

Bürgermeisterin Unterrainer lud natürlich auch ihren Feldkircher "Amtskollegen" Wilfried Berchtold samt Stadtregierung in die Kinderstadt ein. Dort wurde den Stadträten das Ergebnis einer Umfrage präsentiert. Go-Kart-Bahn und Hallenbad stehen demnach ebenso auf der Wunschliste wie eine kindergerechte Gestaltung der viel befahrenen Bärenkreuzung.

Wichtigster Wunsch aber ist: Die
Kinderstadt soll künftig jedes Jahr stattfinden, nicht nur alle zwei Jahre wie bisher. Bürgermeister Wilfried Berchtold versprach unverbindlich, "zu schauen, was sich machen lässt".