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Fragen, wer der Mensch ist, wie er sein kann und sein soll, haben Menschen zu jedem geschichtlichen Zeitpunkt gestellt und zu beantworten versucht. Ihre Antworten waren geprägt durch Reflexionen und Erfahrungen, ohne dass jedoch eine eindeutige Antwort gefunden worden wäre.

Die Differenz von Sein, Können und Bestimmung des Menschen macht Erziehung nötig. Der mehrdeutige Begriff Pädagogik meint im deutschen Sprachgebrauch sowohl die Realität erzieherischen Handelns, einschließlich der in dieser Praxis wirksamen Wertvorstellungen, Ziele, Techniken, handelnden Personen, ihrer geschichtlichen, persönlichen Grundlagen und ihres institutionell-organisatorischen Rahmens, als auch die Theorie der Erziehung, welche in diesem Artikel nicht behandelt werden soll.

Es gibt eine Vielzahl von Definitionen von Pädagogik, hier nur zwei Beispiele: "Erziehung ist die planmäßige Führung, die die erwachsene Generation den Heranwachsenden bei ihrer Auseinandersetzung mit der überkommenen Kultur angedeihen läßt. Es handelt sich um einen doppelseitigen Formungsprozess, in dem die Jugend ihre Kräfte an den Traditionsgütern der Kultur entfaltet, formt und ihre Persönlichkeit mit Wertgehalten erfüllt, in dem aber auch die Kultur eben in der Übernahme durch eine neue Generation eine Aktualisierung, Wiederverlebendigung, Umschmelzung und Neuformung erfährt." (Meister)

oder

"Erziehung ist der Umgang von Erwachsenen mit Kindern. Dieser Umgang bezweckt einen bestimmten Einfluss, nämlich dem Kind behilflich zu sein, mündig zu werden." (Langeveld)

(Quelle: Handbuch pädagogischer Grundbegriffe)

Demgegenüber steht die Psychotherapie (wörtlich: "Behandlung der Seele"), welche durch eine Vielzahl psychologischer Methoden versucht, seelische, emotionale und Verhaltensstörungen zu beheben.

Das kann in Einzelsitzungen geschehen, wo Klient und Therapeut gemeinsam versuchen, Konflikte, Gefühle, Erinnerungen und Phantasien des Klienten aufzudecken, um einen Einblick in die gegenwärtigen Probleme zu erhalten. Diese Gespräche können auch mit Paaren, Familien oder in Gruppen stattfinden. Bei Kindern wird oft das Medium des Spiels herangezogen, währenddessen es die Möglichkeit hat, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und Lösungsmuster durch die Beziehung mit dem Therapeuten zu gewinnen. Derzeit gibt es eine große Bandbreite von therapeutischen Techniken und Schulen. Sie können grob hinsichtlich ihrer Schwerpunkte klassifiziert werden in

  1. Neuorientierung von Erlebnis- und Auffassungsweisen (Änderung von Einstellungen durch Einsicht)
  2. Veränderung emotionaler Zustände oder emotionaler Reaktivität und Sensitivität
  3. Verhaltensmodifikationen
    (Quelle: Lexikon der Psychologie)

Aus diesem Definitionsversuch heraus wird sichtbar, dass es beiden Richtungen, sowohl der Sozialpädagogik als auch der Psychotherapie, um das selbe geht, nämlich Kinder, Jugendliche und deren Eltern dahingehend zu unterstützen, problematische Situationen zu analysieren, reflektieren und einen konstruktiven Umgang damit zu erleben. In beiden Bereichen wird wachstums- und ressourcenorientiert gearbeitet. Sie helfen den Probanden, eine andere Sichtweise ihrer Situation zu erlangen und daraus den Mut zu schöpfen, Neues auszuprobieren. Ein gemeinsames Ziel ist es, in der Gegenwart neue Ressourcen sichtbar und nutzbar zu machen.

Dennoch gibt es einige kontroversielle Auffassungen beider Berufsgruppen, welche die Zusammenarbeit erschweren:

Zielfindung:
Während in der Sozialpädagogik Ziele nicht nur vom Probanden, sondern auch von dessen Umfeld, der Jugendwohlfahrt und den Betreuern, mitbestimmt und z. T. vorgegeben werden, definiert er diese in der Therapie selber.

Setting:
Die Therapie findet in einem geschützten Rahmen, in kurzen regelmäßigen Abständen statt, während Pädagogik überall und immer im Alltag stattfindet. In der Therapie bestimmt der Klient die Themen als auch das Tempo, mit dem Inhalte bearbeitet werden, während in der Sozialpädagogik der Proband diesbezüglich im Alltag durch die Betreuer stark gesteuert, beeinflusst, motiviert und animiert wird.



Methoden:
Während der Therapeut viel mit Themen wie Eigenverantwortung, Zeit, Freiheit der Selbstbestimmung, usw. arbeiten kann, spielen in der Sozialpädagogik Themen wie klare Grenzsetzungen, Sanktionen und Strafen eine gewichtige Rolle. Aus dieser Thematik kann dann ein Gefühl der Rivalität zwischen Betreuern und Therapeuten entstehen.

Schweigepflicht:
Therapeuten sind durch das Psychotherapiegesetz strengstens an die Schweigepflicht gebunden. Sozialpädagogen sind aber aufgrund ihres Auftrages und ihres Arbeitssettings (Teamarbeit) auf Informationen angewiesen. Hier können massive Konflikte entstehen, wenn beide Berufsgruppen stur auf ihrem Standpunkt beharren. Hier hat es sich aus unserer Erfahrung als sinnvoll erwiesen, wenn es bereits am Anfang eines Arbeitsauftrags klare Abmachungen zwischen Therapeut, Sozialpädagogen und dem Klienten gegeben hat. Z. B. ist es durchaus sinnvoll und für alle vertretbar, wenn nicht Therapieinhalte, wohl aber Themenbereiche und Entwicklungen weitergegeben werden. So können diese mit Hilfe der Pädagogen noch verstärkt in den Alltag miteinbezogen werden.

Im Fachbereich "Sozialpädagogik" des Institut für Sozialdienste, mit stationären, halbstationären, ambulanten und intensiven Settings wird versucht, beide Bereiche zusammenzubringen.

Einen besonderen Schwerpunkt findet dies im "Jugend-Intensivprogramm". Das Projekt betreut jugendliche Burschen und Mädchen, die in einer konventionellen Einrichtung nicht gehalten werden können und einer ganz spezifischen Form der erlebnis- und sozialpädagogischen Kurzintervention bedürfen. Das Projekt dauert insgesamt 23 Wochen, von denen die Jugendlichen 10 Wochen im Ausland sind und dort unter anderem in Sozialprojekten mitarbeiten. Projektländer sind derzeit Rumänien, Indien, Nigeria. Ein Betreuer betreut während der ganzen Projektzeit 2 Jugendliche mit erlebnis- und sozialpädagogischen Techniken. Gerade durch die kurzzeitige Trennung durch den "Symptomträger" in der Familie ist es möglich, mit der Familie therapeutisch zu arbeiten. Dabei können die Eltern einen neuen Blick auf ihr Kind entwickeln. Auch werden immer wieder Themen der Paarebene angesprochen. Eine sehr produktive Ergänzung sind regelmäßige Gruppentherapien der betroffenen Eltern, deren Kinder im Intensivprogramm betreut werden. In diesem Kontext wurde versucht, die Diskrepanzen beider Berufsgruppen zu überwinden und eine konstruktive Zusammenarbeit zu erlangen.

Dies bedeutet für beide Seiten die Bereitschaft, den anderen mit seinen Methoden zu akzeptieren und die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Austausches (Reflexion, Fallbesprechungen, usw.). Gelingt diese Kooperation, so verändert sich das gespannte Verhältnis zu positiver Produktivität, denn Spannung erzeugt Energie, welche es gilt zu nutzen.

Mag. Martina
Gasser (Sozialpädagogin und
Psychotherapeutin) ist Leiterin des
Jugend-Intensivprogrammes des
Institut für
Sozialdienste

IfS-Jugendintensivprogramm im Fernsehen

Der ORF hat kürzlich in einem österreichweit gesendeten Beitrag im Rahmen der Sendung "Report" einen ausgezeichnet gestalteten Beitrag über das IfS-Jugendintensivprogramm ausgestrahlt. Auch bei "Vorarlberg-heute" ist ein ausführlicher Bericht gesendet worden. Ein Kamerateam von Radio Vorarlberg filmte dazu eigens in Rumänien. Verantwortliche Redakteurin war Mag. Daniela Höfle. Gast im Studio war die Leiterin des JIP, Mag. Martina Gasser.

Unsere Fotos zeigen einige Impressionen von den Filmaufnahmen "vor Ort".