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Das Gespräch
mit Dr. Richard Müller, Direktor der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) in Lausanne
Der Umgang mit Süchten …
„Aus der
Präventation ist eine Industrie geworden – ein Heer von Fachleuten beschäftigt sich damit“
„Die genetische Veranlagung spielt bei der Entstehung von Abhängigkeit eine Rolle“
Fact-Box

Dr. phil. Richard Müller
Sozialpsychologe,
seit 12 Jahren Direktor der
Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) in Lausanne

Was denken Sie beim Wort
Alkohol?
Ich beschäftige mich jeden Tag mit ihm, ich bade gleichsam in ihm.

Lust?
Rausch, Duft, Berührung

Lausanne?
See, Berge, Rebberge, Ramuz

Hilfe, mein Papa trinkt ... ? Dem Jungen / dem Mädchen muss geholfen werden.

Urlaub? Olivenhaine, Zypressen, Bücher

Vorarlberg? Nahes, unbekanntes Wesen.

Mein Sohn raucht „weiche
Drogen“... ?
Hoffentlich betrinkt er sich nicht gleichzeitig.

Barolo? Rotwein, Prosciutto crudo, Oliven

Familie? Zuneigung, Enkelkinder, Erholung
Sie haben anlässlich der Startveranstaltung der landesweiten Kampagne „Alkohol & Co“ in Bregenz das Hauptreferat gehalten. Einer der Haupttitel dieser Aktion heißt auch „Du trinkst mich noch um!“. Was halten Sie von diesem Slogan?

Der Titel ist provokativ, regt zum Denken an, allerdings ist er auch etwas zweischneidig, sind es doch gerade die Vorwürfe der Familienangehörigen an eine abhängige Person, die bei dieser Selbstvorwürfe und ein schlechtes Gewissen erzeugen und sie womöglich noch tiefer in die Sucht treiben.

Sie sind Direktor der Schweizer Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme. Können Sie unseren LeserInnen kurz erklären, was die Hauptaufgabe Ihrer Stelle in Lausanne ist?

Die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) will Alkohol- und Drogenprobleme verhüten und – wo bereits entstanden – vermindern. Die SFA ist eine private gemeinnützige Organisation, die ihre Hauptaufgabe in der umfassenden Information der Gesellschaft über Alkohol- und Drogenprobleme sieht und dazu Präventionsprogramme in allen gesellschaftlichen Bereichen entwickelt. Zur besseren Abstützung ihrer Arbeit unterhält die SFA auch eine Forschungsabteilung und setzt sich auf politischer Ebene für eine fachlich fundierte Alkohol- und Drogenpolitik ein. Auch versucht sie dort finanziell zu helfen, wo staatliche und andere private Organisationen nicht zu helfen vermögen.

Eine etwas kritische Frage: Immer wieder höre ich, dass es im deutschsprachigen Raum immer mehr Stellen für diese Problematik gibt. Ein Mann hat mir kürzlich wörtlich gesagt: „Die Suchtberatungsstellen sprießen wie Pilze aus dem Erdreich, nur gibt es bald mehr Stellen als Pilze.“ Wie sieht es diesbezüglich bei Ihnen in der Schweiz aus? Sie können sicherlich auch ein Bild aus den Nachbarländern geben?

Tatsächlich ist aus der Prävention eine eigentliche Industrie geworden – ein Heer von Fachleuten aller Art beschäftigt sich damit, und zuweilen habe ich den Eindruck „weniger, aber besser fundiert und koordiniert wäre mehr“. Dies gilt für föderalistische Staaten wie die Schweiz, Deutschland, aber auch Österreich, sicherlich in besonderem Maße. Doch das Geheimnis des Erfolgs der Prävention ist doch wohl Kontinuität und Perseveranz, und dazu sind nicht nur große Anstrengungen, sondern auch eine Vielfalt von Ansätzen vonnöten, gibt es doch keinen „Königsweg der Prävention“.

„Umgang mit Süchten“ ist das zentrale Thema dieser IfS-Information. Ich gehe einmal davon aus, dass ein gewisses Suchtverhalten seit Bestehen der Menschheit existiert. Ist Sucht grundsätzlich für den Menschen schädlich?

„Wir sind alle süchtig“ ist ein oft zitierter Spruch. Will man dieser Aussage glauben, bedroht uns Sucht offenbar von allen Seiten. Wir erleben einen Boom von Süchten. Doch indem wir jeden Trick, jedes zwanghafte Verhalten als Sucht bezeichnen, verharmlosen wir schwere Abhängigkeitserkrankungen. In diesem Sinne ist Sucht wahrhaft schrecklich, behindert sie doch den Menschen in seiner Selbstbestimmung und mithin in seiner Freiheit.

Ich habe kürzlich eine Meinung „aufgelesen“, die mir zu denken gibt. Sie lautet (Zitat): „So lange Sucht mit Lust verbunden ist, ist sie gut.“ Was sagt der Fachmann dazu?
Ich empfinde den Ausspruch als unreflektiert – um nicht zu sagen als dumm. Mir ist noch nie ein glücklicher abhängiger Mensch begegnet.

Neben dem Alkohol, Nikotin und Rauschgift gibt es natürlich noch andere Süchte. Ich denke hier an die Magersucht, an die Esssucht, Spielsucht, die Sex-Sucht, die Arbeitssucht, etc. Ist eine fachlich fundierte Wertung der Süchte in Richtung Gefährdung überhaupt möglich?

Man kann die Liste der Süchte schier ins Unendliche verlängern, jeden Tag eine neue Sucht. Die Hauptfrage besteht doch wohl darin, inwieweit eine Abhängigkeit – ob stoffgebunden oder nicht – uns daran hindert, unsere Möglichkeit zur Veränderung des Selbst und unserer Umwelt wahrzunehmen.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung gewisse Symptome, die zu gewissen Suchtverhalten neigen?

Es gibt trotz jahrelanger Forschung eines Heeres von Wissenschaftlern keine einfache Antwort auf die Frage nach den Ursachen der Sucht. Zwar ist eine Vielfalt von Risikofaktoren für die Entstehung von Sucht gefunden worden, die Erklärungskraft einzelner solcher Größen ist jedoch gering. Häufig wird als generelles Symptom für Sucht erwähnt, dass Süchtige ihr Leben nur noch im Rückgriff auf Ersatzmittel meistern könnten. Doch in diesem Falle wäre auch ein Diabetiker süchtig, und dies wird wohl niemand behaupten.

Sehr oft höre ich die „Ausrede“: „Na ja, der Vater (oder die Mutter) war auch schon Trinker, was soll da aus dem Sohn werden. Es liegt in der Familie. Kein Wunder, dass ...“ Innerlich sträube ich mich gegen solche Pauschalisierungen, ich kenne auch klare Gegenbeweise. Trotzdem die Frage an Sie: Wie schaut es wissenschaftlich mit den Erbanlagen im Bereich Suchtverhalten aus?

Es ist keine Frage, die genetische Veranlagung spielt bei der Entstehung von Abhängigkeit eine Rolle. Die Genetik erklärt jedoch nur einen Teil der Varianz. Mit anderen Worten: Niemand wird allein aus genetischen Gründen zum Alkoholiker oder zur Alkoholikerin.
Welche Mechanismen laufen eigentlich bei einem Menschen ab, der in Richtung Sucht marschiert? Kann man diese überhaupt erklären?

Wie schon erwähnt, es gibt kein einfaches Modell, das die Entstehung einer Sucht erklärt. Entsprechend sind die Mechanismen komplex. Doch ein wesentliches Merkmal des Suchtgeschehens besteht wohl darin, dass niemand von heute auf morgen abhängig wird, vielmehr gleitet man häufig unmerklich in die Sucht ab.
Nun konkret: Die Eltern erfahren oder vermuten, dass ihr Kind mit einer Sucht Probleme hat. Wie verhalten sich Eltern in einer solchen Situation eigentlich richtig? Gibt es so etwas Ähnliches wie Leitpunkte?

Die meisten Eltern reagieren auf Suchtprobleme ihrer Kinder mit Schrecken, Abwehr und Selbstvorwürfen. Dies ist auch verständlich. Die wichtigste Regel – ich weiß natürlich wie einfach es ist, solche Regeln in der Theorie zu postulieren – heißt, am Ball bleiben, den Dialog suchen, ihn nicht abreißen lassen. Drohungen helfen meist nicht. Die meisten Eltern sind bei Suchtproblemen ihrer Kinder überfordert, sie sollten sich deshalb nicht scheuen, Rat und Hilfe zu suchen.

Gibt es bei den Geschlechtern Unterschiede im Suchtverhalten?

Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich des Suchtverhaltens gibt es viele. Da ist zum Beispiel das Suchtmittel: Alkohol ist nach wie vor eine „männliche Droge“, daher erfährt eine alkoholabhängige Frau eine viel größere Ausgrenzung als ein Mann. Dies hat vielerlei Konsequenzen, sowohl auf den Suchtverlauf als auch auf die Therapie. Das Suchtmittel der Wahl für Frauen sind Medikamente. Auch dies ist kein Zufall, sondern gründet vielmehr auf dem Sachverhalt, dass der missbräuchliche Arzneikonsum ein sozialisationsbedingtes Anpassungsmuster an die spezifischen Lebensbedingungen der Frau darstellt.

Sie sind von Ihrer Professionalität her Sozialpsychologe. Wenn wir einen Blick in die Zukunft wagen: Wie beurteilen Sie die nächsten 30 bis 40 Jahre unter dem Begriff des „Suchtverhaltens“ in unserem Raum?

Leider bin ich weder ein Augur noch kann ich im Kaffeesatz lesen. Die Zukunft 30 bis 40 Jahre vorauszusehen, ist selbst für Futurologen ein Unding. Das einzige, was ich zu tun vermag, sind einige Tendenzen zu erkennen und abzuschätzen, was sie für das Suchtgeschehen wohl bedeuten können. Ich möchte lediglich zwei solche Tendenzen nennen. Die erste ist der rasante demografische Wandel in Richtung „Versingelung“: Ein-Kind-Familien werden immer häufiger, die Spezies Tante und Onkel sterben aus. Ein-Personen-Haushalte nehmen überhand, Individualisierung der Gesellschaft ist die Folge, die informelle soziale Kontrolle nimmt ab, abweichendes Verhalten wird damit wahrscheinlicher. Ein zweiter deutlich erkennbarer Trend ist ein Wertewandel: Hedonismus ist angesagt – was soll man sich um die Zukunft scheren, die ja sowieso unsicher ist. Fun hier und jetzt ist die Devise. Man ist fit, nicht um der Gesundheit willen, sondern um möglichst viel Spaß zu haben, und dazu gehört auch der Konsum von Substanzen aller Art. Dieser Wertewandel erklärt auch, warum unsere Jugend trotz all unseres Bemühens mehr raucht und kifft.

Ich danke für das aufschlussreiche Gespräch.

Das Gespräch mit Dr. Müller führte Franz Abbrederis.
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