8

Essstörungen –
“Der Selbstmord auf Raten”
Essstörungen sind zu einem zunehmenden Problem unserer Zeit geworden. Vor allem Frauen sind davon betroffen. Für sie bedeutet das Erreichen eines Schönheitsideals oft einen jahrelangen Leidensweg zwischen fehlgeschlagenen Diäten, Hungerkuren, Schlankheitsoperationen und Medikamenten. Die Figur wird zum Schauplatz im Kampf um Anerkennung und Autonomie. Nicht selten endet dieser Kampf in Magersucht oder Bulimie.


Kurzbiographie einer Magersüchtigen

„Mein Name ist Juliane und ich bin 11 Jahre alt. Ich hatte einmal Magersucht, und das war so:

Ich kann zwar so viel in mich reinstopfen wie ich will, aber ich werde niemals dick. Doch als ich 9 Jahre alt war (ich war damals 1,40 m groß und wog 36 kg), fand ich mich voll fett. Erst habe ich nur noch Sport betrieben. Ich magerte in einem Monat von 36 kg auf 30 kg ab. Aber ich fand mich immer noch fett. Ich hörte mit dem Essen auf und aß nur noch Joghurt und Knäckebrot. Als ich nur noch 25 kg wog, brach ich beim Schulsport zusammen. Meine Mutter hat mich in eine Klinik für Essgestörte gebracht. Ich bin haarscharf am Tod vorbei.

Ich habe dann eine Therapie gemacht und begann wieder normal zu essen. Ich war ein Jahr in therapeutischer Behandlung, dann durfte ich endlich wieder nach Hause. Jetzt bin ich 1,60 m groß und wiege 40 kg. Ich weiß, dass das zu wenig ist, aber ich wog schon immer zu wenig. Ich esse jetzt wieder normal und bin froh, dass ich aus dem Teufelskreis rausgekommen bin“.

Was können Ursachen von Essstörungen sein?

Störungen im Essverhalten weisen immer auch auf Beziehungsstörungen im sozialen Umfeld hin. Insbesondere zu den nächsten Bezugspersonen, die für die Entwicklung maßgeblich waren oder es noch sind.

Ursachen von Essproblemen können in jeder Phase der menschlichen Entwicklung entstehen. Im Kleinkindalter spielen vor allem zu wenig Zuwendung und Liebe eine große Rolle. In der Schulzeit kommt noch die Reaktion auf die Schule und die damit verbundene Trennung von zu Hause und die Leistungserwartung der Eltern hinzu, ebenso die Reaktion auf die Mitschüler.

Als Jugendlicher sind es vor allem die Schwierigkeiten, Anschluss an das andere Geschlecht zu finden, und eine unbewusste Ablehnung der eigenen Geschlechtsrolle, die sich im gestörten Essverhalten ausdrücken können. „Je dünner, desto attraktiver“, lautet die Devise. Die Pubertäts-Magersucht hat bewusst oft auch die Ursache, die Entwicklung der Geschlechtsreife aufzuhalten.
Unter dem Oberbegriff Essstörungen werden zwei wichtige und eindeutige Syndrome beschrieben:
• Anorexia nervosa (Magersucht) und
• Bulimia nervosa (Bulimie oder Ess-Brech-Sucht).


1. MAGERSUCHT

Die Anorexia nervosa, auch Seelenhunger genannt, ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Die akute Magersucht tritt hauptsächlich bei Mädchen während der Pubertät und des früheren Erwachsenenalters (bis 25 Jahre) auf. 0,7 bis 1 % der Frauen bis zu 30 Jahren sind betroffen, nur 6 % der Magersüchtigen sind Männer.

Magersüchtige verweigern die Nahrungsaufnahme mehr oder weniger völlig. Sie gehen extrem selbstzerstörerisch mit sich um, mitunter bis zur lebensgefährlichen Auszehrung. Vor Ausbruch der Krankheit sind sie oft angepasst und brav. Sie fallen in keiner Weise auf und erbringen hohe Leistungen in der Schule bzw. im Beruf. Dieser hohe Leistungsanspruch erhält sich auch während der Krankheit. Es geht darum, nicht den Körper die Oberhand gewinnen zu lassen. Im seelischen und sozialen Bereich besteht die Gefahr der Vereinsamung und Depression. Bei 5 bis
10 % der Betroffenen gibt es keine Hilfe mehr. Sie sterben an der Verweigerung der Nahrungsaufnahme, wenn ihr Zustand zu spät erkannt und behandelt wurde. Sie hungern sich zu Tode.

Diagnostische Leitlinien:
• Der Gewichtsverlust wird selbst herbeigeführt durch:
- Vermeidung von hochkalorischen Speisen sowie eine oder mehrere der folgenden Verhaltensweisen:
- selbst induziertes Erbrechen
- selbst induziertes Abführen
- übertriebene körperliche Aktivitäten
- Gebrauch von Appetitzüglern oder Diuretika (harntreibende Mittel)
• Körperschema-Störung in Form einer spezifischen psychischen Störung:
Die Angst, zu dick zu werden, besteht als eine tief verwurzelte, überwertige Idee, die Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst fest.
• Eine hormonelle Störung: Sie manifestiert sich bei Frauen als Ausbleiben der Periodenblutung und bei Männern als Libido- und Potenzverlust.
• Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die Abfolge der pubertären Entwicklungsschritte verzögert oder gehemmt (Wachstumsstopp, fehlende Brustentwicklung und primäres Ausbleiben der Monatsblutung bei Mädchen, bei Knaben bleiben die Genitalien kindlich).


2. ESS-BRECH-SUCHT

Die Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) ist durch wiederholte Anfälle von Heißhunger in Form von regelrechten Essattacken und einer übertriebenen Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert. Dies veranlasst die Patientin, mit extremen Maßnahmen den dickmachenden Effekt der zugeführten Nahrung zu mildern (z. B. durch Erbrechen, Abführmittel, oder beides kombiniert; Fasten von 24 Stunden oder länger oder exzessive sportliche Leistungen). Die Alters- und Geschlechtsverteilung ähnelt der Anorexia nervosa, das Alter bei Beginn der Krankheit liegt geringfügig höher. Die Störung kann nach einer Anorexia nervosa auftreten und umgekehrt. Wiederholtes Erbrechen kann zu körperlichen Komplikationen führen (z. B. epileptische Anfälle, Herzrhythmusstörungen, Muskelschwäche), sowie zu weiterem starkem Gewichtsverlust.

Diagnostische Leitlinien:
• Eine andauernde Beschäftigung mit Essen, eine unwiderstehliche Gier nach Nahrungsmitteln, die Patientin erliegt Essattacken, bei denen große Mengen Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert werden.
• Die Patientin versucht, dem dickmachenden Effekt der Nahrung durch verschiedene Verhaltensweisen entgegenzusteuern:
- selbst induziertes Erbrechen
- Missbrauch von Abführmitteln
- zeitweilige Hungerperioden
- Gebrauch von Appetitzüglern, Schilddrüsenpräparaten oder Diuretika
• Eine der wesentlichen psychopathologischen Auffälligkeiten besteht in der krankhaften Furcht davor, dick zu werden. Häufig lässt sich in der Vorgeschichte mit einem Intervall von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren eine Episode einer Anorexia nervosa nachweisen.

WAS SIND ALARMSIGNALE?
Die Übergänge von der harmlosen Schlankheitskur zur Magersucht bzw. Bulimie sind fließend. Irgendwann werden jedoch die Unterschiede deutlich:
Bei Magersucht nehmen die Kranken beständig ab, sie essen extrem langsam und in winzigen Portionen, löffeln Flüssigkeiten, wiegen ihre Nahrung ab, kennen deren Kaloriengehalt ungewöhnlich genau, drücken sich vor gemeinsamen Mahlzeiten, klagen über Völlegefühle, Verstopfungen, Schlaflosigkeit. Sie frieren ständig, haben blau verfärbte, kühle Hände. Auffallend ist ihr gesteigerter Leistungsehrgeiz bis hin zur extremen – vor allem auch sportlichen – Überaktivität. Sie ziehen sich von Gleichaltrigen zurück. Der Unterschied bei Bulimie-Erkrankten besteht in Essanfällen und selbst herbeigeführtem Erbrechen.

PROGNOSE
Nach einer therapeutischen Behandlung (z. B. durch familien- oder körperorientierte Therapie) zeigt sich bei etwa 30 % der Patientinnen eine vollständige Besserung, d. h., sie erreichen zumindest annähernd das Normalgewicht und haben regelmäßig ihre Menstruation. Bei 35 % lässt sich zwar eine Gewichtszunahme feststellen, der Bereich des Normalgewichts wird allerdings nie erreicht. Das Krankheitsbild bleibt bei ca. 25 % der Betroffenen bestehen. Etwa
10 % sterben infolge der Anorexie. Auch nach einer Gewichtsnormalisierung hält bei vielen Betroffenen die verzerrte Einstellung zu Gewicht und Figur an. Generell sind die Besserungschancen aussichtsreicher, wenn die Erkrankung früh begonnen hat. Bei einem sehr frühen Beginn vor dem 11. Lebensjahr ist die Voraussage dagegen deutlich schlechter.

Psychologie-Referat von
Melanie Imlauer, vorgetragen am Eurostudienzentrum
Bregenz
nächste Seite zurück