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Eigene Kräfte stärken
Ein Gespräch mit Ingrid Mathis, Psychotherpeutin und
Mitarbeiterin der IfS-Beratunsstelle Feldkirch
„Eigene Kräfte stärken“ ist das Hauptthema dieser IfS-Zeitung. Was fällt Ihnen zu diesen drei Wörtern ganz spontan ein?
Also, bei „eigene“ fällt mir ein: sich selbst kennen – zu „Kraft“: Erwachen und Angst davor – bei „stärken“: etwas was da ist, schlummert, zu fördern.

Wenn Sie an Ihre eigene Beratertätigkeit denken, wo glauben Sie, liegt bei diesen drei Definitionen Ihr persönlicher Schwerpunkt?
Mein persönlicher Schwerpunkt liegt sicher im Aufwachen, im Aufwecken der Kräfte und im Mutmachen, zur eigenen Kraft zu stehen, sie zu zeigen, sie zu leben.

Jeder Mensch hat ja eigene Kräfte in sich. Haben Sie den Eindruck, dass diese eigenen Kräfte in den letzten Jahren eher unterdrückt, oder eher mobilisiert wurden?
Die Unterdrückung der Kraft im Menschen hat sicher eine lange Geschichte. Ich denke mir, die Unterdrückung der Kraft und eigenen Stärke kommt auch aus unserer Religionsgeschichte. Doch je mehr Menschen Mut haben, die Kraft zu leben – lebendig zu sein – ja, dann ist es etwas Ansteckendes.

Stichwort „Religionsgeschichte“: Wie interpretieren Sie das?
Zum Beispiel das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wurde lange als „anstatt dich selbst“ interpretiert. Oder wir haben gelernt, demütig zu sein, aber der „Mut“ im Wort „DeMUT“, der wurde vernachlässigt. Stark zu sein und sich am Leben zu freuen, war weniger wichtig, als zu leiden. Wer leidet, ist „ein guter Mensch“.

Ist das eigentlich bei allen Religionen erkennbar, oder nur im römisch-katholischen Bereich bzw. christlichen Bereich?
Ich kenne die anderen Religionen zu wenig, aber so wie das Christentum interpretiert wird, ist das stark verankert.

Es gibt Menschen mit Depressionen, andererseits Menschen mit Überheblichkeit – ja sogar Präpotenz. Wenn wir wieder an unseren Haupttitel denken, wo ist die Grenze zwischen dem Stärken eigener Kräfte und einer ungesunden Überheblichkeit? Eine nicht leichte Frage, ich weiß.
Wahrscheinlich ist es ganz einfach, denn wenn ich meine Kraft kennen lerne, lerne ich auch meine Schwäche kennen. Kraft in sich zu stärken heißt auch Mut zu machen, meine Schwäche zu sehen. Wer sich überschätzt, kennt auch die Kehrseite der Kraft nicht. Spannend finde ich in der Arbeit, dass beides sein darf. Und wenn ich zu beidem stehen kann, entwickelt sich noch einmal eine neue Kraft.

Unter „Arbeit“ verstehen Sie Ihre eigene Tätigkeit als Beraterin?
Richtig – und auch die Arbeit an mir selbst.

Ist es auch möglich, die eigenen Kräfte zu reaktivieren, oder ist es einfacher, diese in einer Gruppe oder einem Team umzusetzen bzw. zu fördern?
Wahrscheinlich brauchen wir immer auch einen Spiegel. Also, jemanden – oder mehrere Personen – die uns schätz
en mit unserer Kraft. Und es ist auch wichtig, die Kraft im Alleinsein zu finden –
Ingrid Mathis
Psychotherapeutin,
seit 1992 Mitarbeiterin der
IfS-Beratungsstelle Feldkirch

verheiratet
Mutter von 3 Kindern
wohnhaft in Rankweil

Grundausbildung: Lehrerin, anschließend systemische Einzel-,
Paar- und Familientherapie-
Ausbildung in Lindau
aber das ist der schwierigere Weg. Zunächst denke ich mir, ich brauche jemanden, der meine Kraft sieht, sie wertschätzt, sich freut.

Ist es darum auch begründbar, dass eigentlich ein Ehepaar entsteht?
Langsam jetzt... (lacht) – Dass ein Ehepaar entsteht?

Oder dass Beziehungen zwischen Mann und Frau entstehen?
Sicher – überhaupt Beziehungen. Beziehungen zwischen Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann. Nur denke ich mir, dass auch in den Beziehungen das oft vernachlässigt wird, sich zu freuen an der Kraft des anderen.

Hier hätte ja der Partner oder die Partnerin eine ganz wesentliche Rolle zu spielen.
Ja, auf jeden Fall. Aber eine Schwierigkeit ist ja: „Wie kann ich – wenn ich Angst habe vor meinen Kräften, mich selbst nicht wage zu leben – wie kann ich dann die Kraft des anderen wertschätzen?“

Mir fällt beim Thema Kraft auch das Thema Sexualität ein. Gehe ich falsch in der Annahme, dass das eigentlich eine der Hauptkräfte in uns ist?
Es ist sicher ein Lebenselixier.

Und in unserer Gesellschaft sehr oft auch unterdrückt.
Ja, unterdrückt, oder einseitig gefördert. Wenn wir an unsere Lebensgeschichte denken, wo haben wir gelernt, lustvoll damit umzugehen, allein das Wort „Lust“ zu verwenden?

Ein Satz oder ein
Wort zum Stichwort

Glück?
- so kurz wie das Wort ist
- Überraschung

Garten?
- Erholung
- Meditation
- Erde

Lieblingsspeise? Käsknöpfle vom Mann?
(lacht)

Fasching?
- Übermut
- sich verkleiden

IfS?
- gute Arbeitsstelle

Team?
- nährend

Rankweil?
- manchmal etwas eng
- gute Freunde

Lieblingsort im Urlaub?
- Maisäß in Innerlaterns

Kinder?
- Freude und Herausforderung
Zum Thema Kraft und Krise: Da fällt mir ein Gedanke ein, der vielleicht auch noch wichtig wäre, sich anzusehen. Eine Krise kann fast jeden Menschen treffen. Kann man eigentlich durch die innere Kraft solche Krisen besser aufarbeiten, als wenn man sich dessen nicht so bewusst ist?
Ich denke mir, dass sich in der Krise erst zeigt, welche Kräfte in mir da sind. Und deshalb empfinde ich die Arbeit auch als so etwas Schönes. Denn in Krisen kommt die Essenz des Menschen ans Tageslicht.

An Sie als Frau die Frage: Eine bekannte Buchautorin hat einmal geschrieben, dass die Selbstsicherheit der Frauen um einiges niedriger sei als die der Männer. Stimmt das ? Warum glauben Sie das?
Also, das stimmt sicher. Ich denke, das hat sehr viele Gründe. Das eine ist sicher: Wenn sich Frauen zum Beispiel nicht in einem Beruf, d. h. nicht dem Kontakt mit außen – mit Rückmeldungen, mit Anerkennung von außen – stellen müssen oder ihre Kraft auch zeigen müssen, vereinsamen sie und werden unsicher. Da erinnere ich mich an den „Lila Wecker“ – das war vor vielen Jahren ein Frauentreff – da gab es sehr viele Frauen, die gesagt haben, dass es das erste Mal ist, dass sie wieder etwas formulieren müssen und sich mit ihren Worten zeigen müssen und spüren, dass ihnen das gut tut. Die Arbeit der Frauen zu Hause wird öffentlich nach wie vor viel zu wenig anerkannt.

Der Dichter Franz Dingelstedt hat auf seinem eigenen Grabstein folgenden Spruch einmeißeln lassen: „Er hat im Leben viel Glück gehabt – und ist doch niemals glücklich gewesen.“ Hängt eigentlich Glück auch mit eigenen Kräften zusammen?
Ja, sicher. Wenn ich in Kontakt zu meinen Kräften stehe – damit auch zu meinen Schwächen – mag ich mich lieber, ich lerne mich zu mögen. Und wer sich mag, ist glücklich. Wobei mir zum Thema „Glück“ eine Geschichte von Anthony de Mello einfällt. * (siehe unten)

Es gibt noch ein weiteres, wichtiges Sprichwort, das man sehr oft sagt: „Glaube kann Berge versetzen.“ Ich denke hier nicht an den Glauben im religiösen Sinn, sondern an den Glauben an sich selbst, also an die inneren Kräfte. Kann Glaube wirklich Berge versetzen?
Berge versetzen im Bild gesprochen. Wenn es im Bild gesprochen ist, ist es so.

Das sind ja auch innere Kräfte.
Ja.

Wenn Sie an Ihre eigene Situation denken bzw. an Ihr eigenes Leben, wo nehmen Sie die inneren Kräfte her, um Menschen in großen Krisen zu unterstützen?
Die kommt aus meiner Lebensfreude. Die Lebensfreude hängt zusammen mit den starken Wurzeln, die ich habe, mit den Möglichkeiten mich zurückzuziehen, wenn ich es brauche, mit meinen guten Freundinnen und Freunden, Kraft aus der Familie, aus der Arbeit im Garten, in der Natur, aus der Spiritualität zu schöpfen.

Wenn wir an die Wurzeln denken – es gibt ja viele Menschen, die leider aus mehreren Gründen nich besonders stark verankerte Wurzeln haben. Heißt das, dass diese Menschen sich um vieles schwerer tun?
Manchmal ist es so, dass Menschen, die in schwierigen Lebenssituationen groß geworden sind, schwächere Wurzeln haben. Vielleicht ist es wichtig, sich an die Wurzeln zu erinnern – wo auch immer und wie auch immer sie sind.

Also so zu sagen „zugeschüttete“ Wurzeln?
Ja, oder wertzuschätzen, dass es „Flachwurzler“ und „Tiefwurzler“ und kein „besser“ oder „schlechter“ gibt. Sondern man sollte sich wieder an die Wurzeln erinnern, die man hat.

Können Sie sich als Beraterin an eine Situation erinnern, wo genau dieses Thema der Wurzeln ein wesentlicher Bestandteil war?
Das Thema der eigenen Wurzeln ist in jeder längeren Therapie ein Thema. Denn dieses sich Bewusst-Werden der Wurzeln heißt auch „Ich werde mir bewusst, woher ich die Kraft hole.“ Es gibt also keine Therapie ohne dieses Thema.

Danke für dieses Gespräch.
Das Gespräch
mit Ingrid Mathis führte
Franz Abbrederis
Warum der Schäfer jedes Wetter liebt

Ein Wanderer: „Wie wird das Wetter heute?“
Der Schäfer: „So, wie ich es gerne habe.“
„Woher wißt Ihr, dass das Wetter so sein wird,
wie Ihr es liebt?“ „Ich habe die Erfahrung gemacht,
mein Freund, daß ich nicht immer das bekommen kann, was ich gerne möchte. Also habe ich gelernt,
immer das zu mögen, was ich bekomme.
Deshalb bin ich ganz sicher:
Das Wetter wird heute so sein, wie ich es mag.“
Was immer geschieht, an uns liegt es,
Glück oder Unglück darin zu sehen.

aus: de Mello, Anthony, Warum der Schäfer jedes Wetter liebt; Weisheitsgeschichten. Herder Verlag

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