Eifersucht - ein Bund zu Dritt?

Für gewöhnlich reserviert man die Eifersucht für affektive Beziehungen, die familiär konstelliert sind, oder die nach dem Vorbild der Familie funktionieren. Selten kommt man auf die Idee, das Phänomen der Konkurrenz, dem man im Berufs-, Wirtschafts- und Sozialleben begegnet, auf Eifersucht zurückzuführen. Warum aber sollte das nicht berechtigt sein?

Schon die feinsinnigen Beobachtungen des Augustinus weisen in eine Richtung, die von der modernen Psychologie bis heute verfolgt, jedenfalls nicht aufgegeben wurde. Er schreibt sehr eindringlich von den Gefühlen, die das Kind beschleichen, das seinen Milchbruder/-schwester an der Brust der Mutter trinkend beobachtet. Die Konstellation, die der Eifersucht ihre Konsistenz verleiht, erscheint in seltener Dichte: Es ist die Figur des Eindringlings, die in mehrfacher Weise in Erscheinung tritt: Im Stil der eindringlichen Schilderung ebenso wie als Trauma des Einbruchs.

Es ist fraglich, ob man von einem "Dritten im Bunde" sprechen kann, wenn man die Eifersucht verstehen will. Offenkundig geht es um das Trauma des Eindringens, das in der Regel in einer Geschwistergemeinschaft den Erstgeborenen - aber nicht nur diesen - zum Opfer werden läßt. Es ist das Bild der "Seligkeit" des Genießens des anderen, das in die "phantasmatische" Einheit einbricht und den Verlust in Form einer Beraubung einführt. Das Subjekt kippt vom Sein ins Haben.

Macht eine stillende Mutter eifersüchtig?

Der Mund des Säuglings ("Mundwelt", Oralität), der die mütterliche Brust(spitze) aufnimmt und Mutter und Kind im Bild der Ganzheit vereinigt, wandelt sich durch den Komplex des Eindringlings zur inneren Höhlung, deren Leere als Schmerz der Eifersucht empfunden wird. Die Dimensionen von Haben und Sein errichten in diesem Stadium eine Struktur, die ein Objekt des Genießens hervortreten läßt. Dieses Genießen wird von einem Anspruch umkreist, der nach dem Muster funktioniert "Ich will das, was der andere will, und zwar deshalb, weil er es will". So gesehen entspringt die Eifersucht dem Begehren nach dem phantasmatischen Objekt, dem höchsten Gutes des Genießens.

Wähle ich das Sein, verliere ich das Haben

Die beiden Koordinaten des Subjekts, Haben und Sein, erzeugen ein Paradox, das sich unmöglich auflösen läßt: Wähle ich das Sein, verliere ich das Haben, wähle ich das Haben, verliere ich das Sein. Daher ist es unmöglich, sein Sein zu haben. Die Welt der Objekte ist die Welt des Habens, alles Begehren richtet sich auf ein Gut, ein Gut haben, das sich als Fülle des Seins gibt. Dieses Sein aber leidet den Mangel des Habens. Hier könnte man eine lange Meditation über die Warengesellschaft und den Kapitalismus anschließen. Auch das Streben nach (Bank)Guthaben und dessen Kehrseite, die Bankschulden, könnte von hier aus analysiert werden. Niemand wird bestreiten, daß die Jagd nach Geld und Besitz und deren Kehrseite, Überschuldung, die Jagd nach Gesundheit und ihr Gegenteil, Raubbau, ebenso wie die Jagd nach Wissen und Information und die Jagd nach alten und neuen Heilslehren, die das immer Selbe versprechen, Erleuchtung oder Erlösung, aus ein und derselben Quelle sich speisen: dem Begehren, in den Besitz des höchsten Guts des Genießens zu gelangen, dessen fiktive Existenz sich als Beraubung und Verlust eingeschrieben hat und ein Fehlen markiert, das sich als Mangel festsetzt. Die Güter, die das höchste Gut repräsentieren, erscheinen sehr häufig in der Perspektive der Verknappung bzw. der Nichtkontrollierbarkeit. Die Gesundheit oder das Glück gelten uns daher oft als das höchste Gut, manchmal auch die Liebe.

Wettbewerb und Konkurrenz, Neid und Rivalität wiederholen die unendliche, weil unmögliche, Suche nach Wiederkehr des höchsten Gutes, dessen man sich beraubt sieht und das sich niederschlägt im Bild der Fülle und der Ganzheit.

Komplex des Eindringlings

In unserem Gesellschafts- und Sozialleben stoßen wir in vielfacher Weise auf den Komplex des Eindringlings, oft kondenziert in der Figur des Fremden. Die kurrenten Formen der Organisation des gesellschaftlichen Lebens zeichnen sich durch Einschließung/Ausschließung aus: Ehe, Familie, Firma, Partei, Land etc. Die Einschließung als narzißtische Union des Einen und des Einssein dient der Abwehr der Unmöglichkeit des höchsten Gutes und ruft den Komplex des Eindringlings als strukturelles Moment hervor. Draußen ist immer der andere, der mir nehmen oder zerstören will, was ich habe. Diese Konstellation ist notwendige Bedingung der Möglichkeit des Genießens: Ich habe, was der andere will, also genieße ich, was der andere nicht hat.

Sexuelle Untreue

Ähnlich verhält es sich bei der Eifersucht im Sinne der sexuellen Untreue. Sie ist im Zentrum des ehelichen Bundes mitgedacht, der eine Sonderform der Liebes(zweier)beziehung darstellt. Der eheliche Bund gründet auf dem Ausschluß des Dritten. Der ausgeschlossene Dritte ist daher als Abwesender anwesend. Nichts anderes besagt der Komplex des Eindringlings. Auch hier geht es wieder um das Genießen des Anderen.

Der "Dritte im Bunde" scheint aber aus anderem Holz geschnitzt zu sein, als dem der Eifersucht, denn er fungiert nicht als ausgeschlossener Dritter. In Schillers Gedicht von der Freundschaft klingt etwas davon an. In diesem Gedicht wird uns von einem Freund erzählt, der mit seinem Leben für die Treue der Freundschaft, besser gesagt, für die Treue zum Wort bürgt, indem er sich als Pfand für den Freund gibt und den Tod in Kauf nimmt, den er für den anderen erleiden müßte, wenn dieser sein Wort nicht hielte. Der Freund aber kehrt, wie versprochen, zurück, um die Strafe entgegen zu nehmen, die der Tyrann sich für ihn ersonnen hat. Dieser Treuebeweis aber verschlägt dem Tyrannen die Rachlust. Er verzichtet auf den Tod des anderen, und bittet um Aufnahme in den Bund der Freundschaft: " ...gewährt mir die Bitte, laßt mich sein in Eurem Bunde der Dritte".

Das absolute Genießen

Wie so oft in der Geschichte des abendländischen Denkens, wird auch hier die Freundschaft als sublime Form der Beziehung konstruiert. Sublim, weil sich in ihr die Sublimation verwirklicht, die eine Form der Anerkennung der Unmöglichkeit des absoluten Genießens darstellt. Die Schwierigkeiten, die sich für das Genießen ergeben, hat Freud versucht aufzuklären, indem er den sogenannten Ödipuskomplex konstruierte. Dessen Kernaussage ist, daß das höchste Gut des Genießens für das menschliche Subjekt die Mutter ist und daß sie untersagt ist. Das heißt, er hat dem Schrecken vor dem Fehlen des höchsten Gutes, vor der Einsamkeit des menschlichen Seins, den Schleier des Verbotes übergeworfen: Das höchste Gut ist anwesend, aber verboten. Das ist die Bedingung der Eifersucht. Das Ideal der Freundschaft sagt etwas von der Schwierigkeit mit der Eifersucht aus. Der Bund der Freundschaft kann als ein Versuch aufgefaßt werden, das Phantasma der Eifersucht zu durchqueren, um den Preis, der Angst des Seins zu begegnen.

Der Dritte im Bunde ist kein anderer als der Tod

Heute sagt man oft mit großer Leichtigkeit, wir sollten doch den Tod nicht verdrängen. Ist es denn damit getan, daß ich das Sterben in meiner Mitte dulde? Heißt den Tod auf sich nehmen nicht auch, eine Zeitlichkeit zu ertragen, die das Gegenteil von Dauer ist, voller Brüche und Diskontinuität? Der "Bund zu Dritt" ist keine Vereinigung auf ein Einssein hin, wie der Bund der Liebe, sondern die Bedingung der Anerkennung der Differenz als solcher. Daher ist der Bund der Freundschaft keine Garantiegemeinschaft, wie z.B. die Ehe. In dieser hat, wie in ähnlich organisierten Gemeinschaften, die Eifersucht die Funktion, das Risiko der Leere oder des symbolischen Todes auszuschließen. Sie lebt aus der Spannung auf das Eine, das den anderen nur als den mir Ähnlichen duldet.

Dieses Muster wiederholt sich auch auf der Ebene des beruflichen Lebens. Der Allmachtsanspruch der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und Schulen, der Narzißmus der einzelnen Berufsgruppen, Institutionen und Organisationen verhindert Kooperation im Sinne des Freundschaftsideals. Der Eindringling ist der andere, der mir nimmt oder zerstört, was ich habe: Wissen, Macht, Status, Geld! I

Dr. Michael Schmid

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