Das Gespräch

mit Gudrun Winkler

"Eifersucht kann man auch übersetzen mit 'Sehnsucht' "


Frau Winkler, im Wörterbuch der Medizin steht unter dem Stichwort "Eifersucht" wörtlich krankhafte Überzeugung, betrogen zu werden". Ist eigentlich Eifersucht aus Ihrer Sicht her krankhaft, ist sie immer krankhaft?

Nein, man kann unterscheiden zwischen normaler und manischer Eifersucht. Krankhaft ist sie dann, wenn sie einen Menschen dran hindert, sich und seine Fähigkeiten in einer positiven Richtung weiterzuentwickeln.

Vielleicht anders gefragt, macht Eifersucht krank?

Eifersucht ist ein Gefühl und je nachdem, wie man damit umgeht, kann es krank machen oder auch bereichern. Wenn ich dieses Gefühl dauernd unterdrücke, dann werde ich verkrampft werden oder Symptome entwickeln. Wenn ich die Eifersucht dauernd auslebe, werde ich wahrscheinlich Schwierigkeiten bekommen.

Was ist für Sie ausleben?

Ausleben ist z.B., dem Partner nachzuspionieren und dann sein Auto zu beschädigen, wenn es vor der Tür jener Person steht, auf die man eifersüchtig ist. Dieses Beispiel kenne ich aus einer persönlicher Mitteilung.

Eifersucht ist, glaube ich, in jedem Menschen vorhanden, der andere Menschen liebt. Wie stark ist der Anteil der manischen Eifersucht generell, wenn man so die Gesamtbevölkerung von 100 Prozent hernimmt? Hier frage ich auch aus Ihrer Erfahrung in der Beratung.

Der Anteil an manisch Eifersüchtigen ist nicht so groß. Und natürlich spricht ein Mensch nur sehr schwer und erst bei großem Vertrauen über Dinge, die er "rasend oder blind vor Eifersucht" gemacht hat. Normalerweise schämt man sich später dafür.

Also, es wird sehr viel unter der Decke gehalten?

Ja, die manische Eifersucht ist sicher ein Tabu. Ein bißchen Eifersucht in der Paarbeziehung ist gesellschaftlich erlaubt. Wir alle kennen die Geschwistereifersucht und akzeptieren sie unter Kindern als etwas normales und können lernen, damit umzugehen. Aber über viele andere Formen der Eifersucht ist es schwer, zu sprechen.

Wenn wir die Worte "Eifersucht" und "Neid" definieren, glauben Sie, daß da ein wesentlicher Unterschied ist?

Es gibt viele Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede. Neidisch ist man auf etwas, was jemand anderer hat und eifersüchtig ist man auf etwas, was man schon hat und wo man Angst hat, es zu verlieren.

Zum Beispiel eine Beziehung zu einem Menschen?

Ja, das macht große Angst.

Wenn wir jetzt hinterfragen, könnte man eigentlich sagen, es werden vor allem die Menschen eifersüchtig, die glauben, sie haben etwas, sie besitzen etwas, was ihnen gehört?

Ja, man könnte dann weiterphilosophieren, daß der, der viel besitzt, eifersüchtiger ist. Aber das stimmt auch nicht immer. Es geht mehr um das berühmte Haben oder Sein. Eifersucht geht sicher in diese Fragen hinein, von etwas Haben, loslassen können usw. Vor allem einen anderen Menschen kann ich ja nicht in Wirklichkeit besitzen. Ich muß den anderen loslassen und statt dessen mich selbst in den Griff bekommen.

Glauben Sie, daß eher Männer eifersüchtig sind oder Frauen?

Ich glaube, daß wir alle alles in uns haben. Es wird oft gesagt, daß Männer weniger starke Emotionen haben. Vielleicht haben Männer es weniger gut gelernt, ihre Gefühle auszudrücken, aber sie sind doch da. Es wäre eine Gemeinheit, einer Hälfte der Menschheit grundsätzlich Spielvariationen von Gefühlen oder Gefühlsreichtum abzusprechen.

Eine andere Deutung des Wortes spricht von "eifriger Sucht", das ist natürlich ein Wortspiel. Ist Eifersucht wirklich eine Sucht im klassischen Sinn?

So ganz vergleichbar ist es nicht, aber vielleicht kann man von Sucht sprechen, wenn Eifersucht in der Form ausgelebt wird, daß jemand krankhaft abhängig ist von einem anderen Menschen. In diesem Stadium der Abhängigkeit ist die Angst, den anderen zu verlieren, größer und dann muß man kontrollieren. Die Eifersucht ist dann das Mittel, Macht auszuüben. Abhängigkeit, Kontrolle und Macht haben natürlich Ähnlichkeiten mit Sucht. Aber der Mechanismus, daß man dann immer mehr davon braucht, um überhaupt existieren zu können, ist dann nicht mehr so mit Sucht vergleichbar.

Eine Frau hat mir kürzlich zum Thema Eifersucht geschrieben, wie sie das selbst erlebt hat oder täglich erlebt. Sie schreibt wortwörtlich, daß es ihr Angst macht, daß ihr Gatte so eifersüchtig sei. Es sei eine Frage des Vertrauens. Haben Sie nicht auch den Eindruck, daß das Gespräch zwischen diesen beiden Partnern fehlt? Daß das Gespräch ein Schlüsselpunkt ist, Eifersucht abzubauen?

Ja, das Gespräch zwischen Paaren ist auf jeden Fall eines vom wichtigsten überhaupt. Das ist nicht leicht, aber das kann man lernen. Der zweite Schlüsselpunkt ist, uns selber kennenzulernen, unsere Gefühle erkennen und benennen zu lernen. Wir stehen ja z.B. in der Früh oft auf und sind grantig und wir wissen gar nicht, woher das kommt. Wir wissen nicht, ist es Ärger, ist es Angst, Unsicherheit, Eifersucht oder ein anderes Gefühl, wir kennen uns selber zu wenig. Daniel Goleman hat derzeit sehr großen Erfolg mit seinem Buch "Emotionale Intelligenz". Er befaßt sich genau mit diesem Thema. Erst wenn wir Worte für all unsere Gefühle finden, können wir auch wertvolle Gespräche mit unserem Partner führen.

Frau Winkler, Sie sind Beraterin an der IfS-Beratungsstelle in Bludenz, eine sehr engagierte Beratungsstelle. Kommen eigentlich viele Menschen zu Ihnen mit diesen Fragen?

Also direkt mit Eifersucht nicht, das ist kaum ein Anmeldungsgrund. Aber in der Beratung oder Therapie ist die Eifersucht oft etwas, was dann eine wichtige Rolle spielt.

Und können Sie unseren Leserinnen und Lesern kurz erklären, wie eine Beratung auf diesem Sektor stattfinden könnte. Vielleicht haben Sie auch ein konkretes Beispiel dazu.

Ich denke, daß es zu Beginn immer darum gehen muß, das Vertrauen eines Menschen in sich selbst zu stärken. Wenn sich jemand wieder getraut, weiter zu wachsen, statt in der Eifersucht steckenzubleiben, wird er seine positiven Gefühle weiterentwickeln und dann werden die störenden Gefühle automatisch weniger. Man kann Eifersucht auch immer gleich übersetzen mit Sehnsucht. Wenn z.B. ein Paar da ist und ein Partner ist sehr eifersüchtig, könnte seine Sehnsucht möglicherweise lauten: "Ich will die Einzige/der Einzige für dich sein". Und das ist schwer, so etwas zu sagen. Es können auch andere Sehnsüchte dahinterstecken, es ist auf jeden Fall lohnenswert, auf diese Dinge hinzuschauen.

Ich muß auch noch dazu sagen, daß Eifersucht kulturell unterschiedlich bewertet wird. Ein recht temperamentvoller Mensch aus einem Land, wo Eifersucht ein akzeptiertes Gefühl ist, ja sogar ein angesehenes und wo die Ehre damit verbunden ist, wird sicher einiges anders sehen als ein Mensch aus einer Kultur, in der eifersüchtige Gefühle suspekt und verpönt sind. Eine Beratung schaut also sehr verschieden aus.

Wie geht eine Frau mit dem Problem um, wenn der Mann ihr vorwirft, du gehst fremd, ich bin völlig eifersüchtig auf dich und sie weiß ganz genau, daß das nicht stimmt. Also sie sagt innerlich nein, ich bin dir treu. Wie kann da eine Frau mit solchen Vorwürfen umgehen? Oder auch umgekehrt, die Rollen sind ja meistens unterschiedlich.

Da müssen sich die Frau und der Mann zusammensetzen und miteinander sprechen. Wichtige Themen für das Gespräch sind dann "Vertrauen", "Liebe" und auch "Sicherheit". Eine Überlegung kann sein, wie der Eifersüchtige stärker werden kann, mehr Substanz gewinnen kann.

Es gibt ja verschiedene Eifersüchte, also z.B. zwischen Paaren, wie wir bereits erwähnt haben, zwischen Kindern, unter Arbeitskollegen, etc. - glauben Sie, daß die Art der Eifersucht unterschiedlich ist?

Nein, ich glaube nicht. Eifersucht ist immer die Eifersucht. Nur ist es bei Paaren wahrscheinlich legaler, das zuzugeben, in der Arbeitswelt ist es meistens tabu, von so etwas zu sprechen. Aber die Eifersucht ist immer dieselbe.

Und noch eine wichtige Frage zur Paareifersucht: In einem Leserbrief habe ich kürzlich gelesen, daß eine Frau gesagt hat, ohne Eifersucht sei keine Liebe vorhanden. Würden Sie diesen Satz unterstreichen?

Ja, das kenne ich. Es heißt dann, daß ein Partner, der nicht eifersüchtig ist, gleichgültig sei. Ich meine aber nicht, daß die Liebe an die Eifersucht gebunden ist. Andererseits taucht Eifersucht in jeder Beziehung einmal auf. Deswegen, weil jeder Mensch sich entwickelt, sich verändert, weiterwächst, nach draußen geht, neue Hobbys anfängt oder was weiß ich. Automatisch kann dann immer wieder Eifersucht auftauchen. Aber grundsätzlich ist es nicht notwendig. Sehr geistig orientierte Menschen leben, glaube ich, mit sehr wenig Eifersucht und wahrscheinlich ist es dann sogar möglich, ungebremster Liebe, Vertrauen, Mut usw. zu entwickeln.

In einem anderen Artikel, den wir auch in unserer Zeitung veröffentlichen, schreibt eine Frau, daß Außenbeziehungen sie liebevoller mache. Ich weiß, ein etwas heikles Thema, trotzdem möchte ich es anschneiden. Wie ist Ihre beraterische Erfahrung zum Thema "Offene und geschlossene Zweierbeziehung"?

Die geschlossene Zweierbeziehung bringt auf Dauer weniger Schwierigkeiten. Meistens geraten offene Zweierbeziehungen früher oder später in Turbulenzen, weil drei oder mehr Personen in die Sache verwickelt sind. Und die Entwicklung von Menschen ist nicht voraussagbar. Selbst wenn es mich selbst liebevoller macht, muß ich mich immer auch fragen, was es für den anderen bedeutet, wenn ich noch eine andere Beziehung pflege. Meine Erfahrung ist, daß es meist mit Verletzungen einhergeht, wenn man eine Zweierbeziehung auszuweiten versucht. Solche Verletzungen werden oft lange Zeit nicht gespürt und gezeigt.

Noch eine sehr persönliche Frage, stufen Sie sich selber als eifersüchtig ein?

Ja, ja, klar - bin ich schon. Aber ich bilde mir ein, daß ich das im Griff habe und daß ich damit umgehen kann. Gefühle von Eifersucht kenne ich sehr gut.

Noch einige Stichworte, zu denen ich ganz spontane Antworten wünsche.

Der Dritte im Bunde

Möchte ich nicht sein.

Ich liebe einen anderen.

Ist momentan unvorstellbar. Ich lebe in einer glücklichen Zweierbeziehung.

Eifersucht macht krank.

Nein, nicht nur. Eifersucht ist auch ein schönes Gefühl, kann auch sehr bereichernd sein.

Ich danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Franz Abbrederis

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