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Das Gespräch zum Thema Jugend fordert uns heraus mit Dr. Martina Gasser, Leiterin JIP
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Man kann nicht von der Jugend sprechen
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Einleitend kurz ein paar Fragen zu Ihrer Tätigkeit beim Institut für Sozialdienste: Wie lange sind Sie schon beim IfS und welche Aufgaben haben Sie?Dr. Martina Gasser: Ich bin jetzt genau 10 Jahre beim IfS und meine Aufgabe ist die Leitung des Jugend-Intensiv-Programms, das für verhaltensauffällige Jugendliche von uns entwickelt wurde. Es geht dabei vor allem um ein spannendes Setting. Was ist Setting? Gasser: Unter Setting versteht man eine besondere Umgebung. Wir arbeiten mit den Jugendlichen in einer 2:1 Kombination. Eine Betreuerin ist für zwei Jugendliche zuständig. Sie macht mit den Jugendlichen hier in Vorarlberg ambulante Betreuung und geht mit ihnen dann noch für einige Zeit ins Ausland, wo sie erlebnispädagogisch-therapeutisch mit ihnen arbeitet. Ein Schwerpunkt ist, dass die Jugendlichen aktiv mithelfen und dort die Kontakte und die Lebensweisen der Einheimischen erleben und dadurch einfach eine Relativierung ihrer Situation sehen. Wir gehen hier bewusst in Gegenden mit großer Armut, wie z.B. Rumänien etc.
Gasser: Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich denke aber auch, dass unser Programm sich von den Programmen in Oberösterreich und Deutschland sehr unterscheidet. Ein Unterschied liegt zum Beispiel darin, dass wir in der Kleingruppe arbeiten. Ich sehe eine generelle Tendenz, dass man in der Erlebnispädagogik weg geht von der gruppendynamischen Arbeit und zu Individualmaßnahmen tendiert. Der zweite Punkt ist der, dass wir ein genau ausgearbeitetes Krisenmanagement haben und ganz klare strukturelle Abläufe. Das wirkt prophylaktisch, damit wir nicht in so eine Krise hineinrutschen, wie es in Oberösterreich passiert ist. Tatsache ist, dass in ganz Österreich zur Zeit unser Jugend-Intensivprogramm die einzige durchgeführte Maßnahme ist. Wo liegt die Hauptschwierigkeit Ihrer Tätigkeit als Leiterin des Jugend-Intensiv-Progammes? Gasser: Die liegt meiner Meinung nach in der Motivation der Jugendlichen. Die Jugendlichen in Vorarlberg kennen sich untereinander und wissen, was auf sie zukommt, wenn sie sich auf das Jugend-Intensiv-Programm einlassen. Es ist kein Urlaub, wie es in der Allgemeinheit fallweise gedacht wird, sondern es ist ein sehr schwerer Prozess der Persönlichkeitsentwicklung für die Jugendlichen. Das beinhaltet schon eine natürliche Krise, denn es widerspricht dieser jugendlichen Kultur, sich von Erwachsenen ändern zu lassen. Die Jugendlichen sind schwer motivierbar. Ich habe immer wieder Jugendliche, die sagen: Lieber sitze ich im Gefängnis, bevor ich ins JIP gehe. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, die Jugendlichen im Vorfeld zu motivieren, zu dem Programm auch Ja zu sagen und einen Sinn darin zu sehen. Das Thema unserer aktuellen Information Ausgabe lautet: Jugend heute Wir verstehen euch nicht mehr! Kann man von der Jugend sprechen? Gibt es derzeit eine Jugendkultur oder ist sie eher multikulturell? Gasser: Angesichts dessen, dass man in der Literatur oft liest, dass sich Jugend von einem Alter von 10 bis 30 Jahre erstreckt, ist es ganz schwierig von der Jugend zu sprechen. Ich habe mir sehr schwer getan, als ich 30 Jahre alt war und in der Literatur als Jugendliche bezeichnet wurde. Tatsache ist, dass durch die langen Ausbildungswege die Jugendzeit immer weiter ausgedehnt wird. Von dem her ist es schwer von der Jugend zu sprechen. Eine weitere Schwierigkeit sehe ich darin, dass sich die Kultur der Jugendlichen und die der Erwachsenen immer mehr vermischt. Man denke zum Beispiel an dieses lebenslange Lernen, dasselbe Freizeitverhalten, ähnliche Mode. Ich erlebe es immer wieder, dass jugendliche Mädchen sich irgendwie kleiden, und kurz darauf sieht man die Mutter mit derselben Kleidung oder man tauscht sie sogar aus. Ich denke, für Jugendliche ist es ganz schwierig eine Jugendidentität zu finden, denn kaum kommt eine neue Strömung auf, wird sie auch schon von der Modebranche aufgenommen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Skaterhosen. Und, und, und... Jugendkultur ist heute wahnsinnig schwierig, weil sich die Jugendlichen sehr schwer tun, ihr natürliches Bedürfnis sich von den Erwachsenen abzugrenzen umzusetzen. . Das heißt also, dadurch dass wir Erwachsene den Jugendlichen nicht mehr die Jugend lassen, haben die Jugendlichen Probleme damit?Gasser: Ja, genau. Und das Zweite ist, dass immer mehr reglementiert wird. Wenn wir in unserer Jugendzeit vom Nachbarsgarten einen Apfel geklaut haben, dann hat man von den Eltern eine Rüge erhalten und damit war es erledigt. Heutzutage kriegt man sofort eine Anzeige. Der Spielraum für die Jugendlichen wird immer geringer. Das Ergebnis ist, dass sie entweder gar nicht auffallen oder dass sie komplett herausfallen. Das sind dann wirklich diese extremen Situationen, dass sie zu den extremen Gruppen wie zu den Punks oder Skinheads gehen. Dann sollten wir Erwachsene also viel mehr Rücksicht nehmen und die Jugend mehr Jugend sein lassen? Gasser: Ja, dieser Meinung bin ich. Während sich die Szenen früher nach politischer Ausrichtung bildeten, sind es jetzt Musik und Sport, die für die Bildung von Gruppen verantwortlich sind. Man denke an die HipHop-Szene, die Techno-Szene, die Snowboard- oder Skater-Szene. Kann man daraus ein politisches Desinteresse schließen? Kann man die Jugend als unpolitisch bezeichnen? Gasser: Ich weiß nicht, ob man die Jugend an sich als unpolitisch bezeichnen kann. Ich denke, es gibt sicher Gruppierungen, gerade im Schülerbereich, die sehr wohl politische Interessen haben. Was mir auffällt: Diese Interessen sind nicht mehr so sehr nach außen sichtbar, wie es zum Beispiel bei der 68er-Bewegung war. Ich glaube, dass die Jugendlichen die Überzeugung verloren haben, dass sie politisch etwas bewirken können. Sie spüren eine gewisse Resignation? Gasser: Ja, hier sieht man auch wieder die Vermischung zwischen jugendlich sein und erwachsen sein. Ich erlebe hier eine riesige Diskrepanz: Einerseits werden die Jugendlichen nicht wirklich gehört, andererseits wollen die Politiker sie zur Verantwortung ziehen und diskutieren darüber, das Wahlalter herunterzusetzen. Wir haben vorhin über Jugendkulturen gesprochen. Welche Rolle spielen die Medien aus ihrer Sicht in diesem Bereich? Gasser: Für mich spielen die Medien eine sehr große Rolle. Ich glaube, dass sie die Jugendlichen ganz massiv beeinflussen und dass es für die Jugendlichen ganz schwierig ist aus dieser Vielfalt zu selektieren. Ich finde es sehr problematisch, dass Jugendliche das Bild, das in den Medien vermittelt wird, immer mehr für sich auslegen. Ich habe eine Nichte, die für mich als Außenstehende ein Leben geführt hat, als ob sie 20 Jahre verheiratet gewesen wäre und das Leben aus der Jugendserie Gute Zeiten, schlechte Zeiten kopiert hat. Und das habe ich nicht nur einmal erlebt, sondern bei vielen Jugendlichen. Sie haben keine Eigeninitiative mehr gezeigt. Ich würde mir schon wünschen, dass die Medien mehr Verantwortung für die Jugendlichen übernehmen. Welche Rolle spielen die Gleichaltrigen-Gruppen für die Identitätssuche der Jugendlichen?Gasser: Die Peer-Groups spielen im Jugendalter eine sehr große Rolle. Das sind diejenigen, von denen sie sich ernst genommen fühlen. Wenn ein Mädchen beispielsweise Liebeskummer hat, kann sie mit der Freundin stundenweise über das Problem reden und dadurch wird das Ganze aufgearbeitet. Im Vergleich zu den Erwachsenen lässt man sich von der Freundin oder vom Freund natürlich viel mehr sagen und kann es auch annehmen. Ich denke, die Peer-Group hat einen sehr wichtigen Einfluss. Das ist auch mit ein Grund dafür, warum wir beim Jugend-Intensivprogramm die Jugendlichen mit in unsere Arbeit intensiv einschließen. Wir haben vorhin kurz über die 68er-Generation gesprochen. Täuscht das oder sind die Jugendlichen im Gegensatz zu den früheren Generationen angepasster? Gasser: Ich glaube nicht, dass die Jugend angepasster geworden ist. Aber die Vielfalt ist größer geworden. Die Jugendlichen versuchen sich abzugrenzen, aber es wird immer schwieriger aufzufallen. Außer sie fallen ganz extrem auf. Der Schein der Angepasstheit trügt, das ist eher ein Zeichen der Zeit. Das heißt also, dass wir Eltern klarere Positionen einnehmen müssen, damit wir den Jugendlichen die Chance geben zu rebellieren und klare Grenzen zu sehen? Gasser: Egal, ob das ein Neugeborenes ist oder ein 18-jähriger Jugendlicher: Es muss äußere Grenzen geben, an die sie sich halten können und innerhalb derer sie sich frei entfalten können. Wenn wir ihnen alles durchgehen lassen, dann haben sie keine Möglichkeit sich zu reiben. Wenn ein 13-jähriger raucht und die Eltern reagieren darauf nicht, wird er vielleicht zu Drogen greifen, um eine Stellungnahme der Eltern zu erreichen. Es ist natürlich auch energieaufwändig, sich mit den Jugendlichen auseinanderzusetzen. In der Beratung höre ich oftmals von Eltern: Der weiß doch, dass ich das nicht mag, warum tut er das denn? Ich sage immer, Jugendliche und Kinder haben das Recht über die Grenzen zu gehen. Wenn jemand in der Jugendzeit nicht rebelliert hat, rebelliert er später. Ich habe manchmal Frauen in der Therapie, die mit 30, 35 Jahren das Thema haben, sich gegen die Mutter abzugrenzen, weil sie es in der Jugendzeit nicht getan haben. Die Abgrenzung von den Eltern ist ein natürlicher Prozess. Ich kann meine eigene Identität nur dann finden, wenn ich mich von meinen Eltern ein Stück weit abgrenze und meinen eigenen Weg gehe. Wo, glauben Sie, hat die heutige Jugend ihre Vorbilder? Und gibt es die überhaupt? Gasser: Ich glaube, die Vorbilder heute sind hauptsächlich Popstars und Filmschauspieler. Diese Stars vertreten meiner Meinung nach aber keine Ideologie. Diese ganzen Girl- und Boygroups faszinieren die Jugendlichen nicht deshalb, weil sie eine Botschaft vermitteln, sondern wegen ihrer Performance. Dahinter steht eine Managergruppe, die Leute für einen Modetrend sucht. Es ist ein von außen aufgesetztes Bild. Und mit diesen Personen, mit denen ein Geschäft gemacht wird, identifizieren sich die Jugendlichen! Die heutigen Popstars vermitteln keine Botschaft, wie das beispielsweise die Rolling Stones oder die Beatles gemacht haben. Auch in unserem Alter haben wir uns an solchen Stars orientiert, aber ich denke, die Persönlichkeiten dieser Stars haben sich sehr verändert. Viele Eltern glauben ja, dass sie die Vorbilder für die Jugendlichen sind. Gasser: Ich weiß, aber das glaube ich nicht. Ich kann meinen Kindern viel mitgeben, aber in der Jugendzeit an sich gehört es nicht zum natürlichen Prozess, dass genau meine Eltern von denen ich mich ja eigentlich abgrenzen soll meine Vorbilder sind. Also ist das eine Einbildung von uns Eltern? Gasser: Wahrscheinlich ist es ein Wunsch. Eltern werden eher später zu Vorbildern, wenn man diese Jugendkrise vorbei hat. Kürzlich stand in einer Wiener Studie, dass viele Jugendliche in diese Randalierungsszene hineinkommen, weil ihnen einfach zu langweilig ist. Glauben Sie, dass das auch in Vorarlberg der Fall ist? Gasser: Einerseits hat die Langweile sicher viel damit zu tun, andererseits weiß ich auch, wie wir Jugendliche waren. Wir sind auch stundenlang auf Parkbänken gesessen. Ich sehe ganz viele Probleme in der fehlenden Geborgenheit. Man versucht dann in einer Gruppe, in der man sich wohl fühlt, eine Stütze zu kriegen.
Gasser: Der Umgang der Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen ist meiner Meinung nach ganz entscheidend. Die Erziehung hat einen großen Einfluss auf das Weltbild des Jugendlichen, ein weiterer Faktor sind sicher, wie bereits gesagt, die Peer-Groups, und natürlich spielen auch die Medien eine große Rolle. Glauben Sie, dass die Religionen keinen Einfluss haben? Gasser: Ich denke, dass die Religionen kaum einen Einfluss haben. Hier fehlt es ihnen an Geborgenheit. Ich habe jetzt gerade eine Gruppe in Litauen in einem Kloster und dort ist ganz viel Geborgenheit erkennbar, die von den Jugendlichen auch sehr geschätzt wird. Wir müssen versuchen, hier diese bzw. eine ähnliche Umgebung zu schaffen. Sie haben vorhin die Medien erwähnt. Noch eine Frage bezüglich Internet-Generation. Wie sehen Sie da die Chancen und die Risiken für die Jugendlichen? Gasser: Das ist eine Riesenchance für die Jugendlichen, birgt aber auch einige Risiken. Ganz problematisch finde ich diese Foren, wo sich Gleichgesinnte finden. Es kann sehr gefährlich sein, wenn Probleme hochgeschaukelt werden. Man denke an die Suizid-Geschichten. Die Auswahlmöglichkeiten der Jugendlichen sind größer als je zuvor (Schule, Ausbildung, Religion,...): Birgt dieser Chancenreichtum auch Risiken? Gasser: Der Leistungsdruck für die Jugendlichen steigt ganz enorm. Das soziale Gefühl der Unterstützung verschwindet immer mehr. Die Entscheidung wird für Jugendliche immer schwerer. Den Jugendlichen übergibt man zwischen 10 und 13 Jahren schon die volle Verantwortung für ihre Ausbildung. Viele Jugendliche sind damit überfordert. Nicht umsonst ist es heutzutage so, dass ganz viele Jugendliche mehrere Lehrstellen beginnen, bevor sie eine Ausbildung abschließen. Man hört immer wieder bei Gesprächen mit Eltern, dass sie fast resignieren. Könnten Sie abschließend ein paar Tipps geben, wie sich Eltern von dieser Unsicherheit, von dieser Überforderung befreien können? Gasser: Ich denke, ich muss meinem Kind von klein auf eine Linie geben, Grenzen setzen und diese Grenzen auch durchstehen. Außerdem sollte man Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg gehen. Es gehört einfach dazu. Die Eltern müssen sich der Verantwortung stellen. Wenn sie das Gefühl haben, sie können das nicht alleine, sollen sie sich Unterstützung holen. Aber sie sollen nicht den Fehler machen und der Konfrontation mit den Jugendlichen aus dem Weg gehen. ![]() Wären Sie noch einmal gern jugendlich? Gasser: Heutzutage nicht! Danke für dieses Gespräch. Das Gespräch mit Dr. Gasser führten Mag. Gertraud Peter und Franz Abbrederis. |
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