Tatort Kindheit
Sybille Sobieski,
Otto Müller Verlag,
Salzburg, Wien, 1995,
118 Seiten
Tatort Kindheit ist der schonungslose Bericht der Lebensgeschichte von Vera Sirakowski, 1949 in Linz geboren. Im Rahmen ihrer Psychotherapie will die erwachsene Vera Einsicht nehmen in ihre Jugendamtsakte. Während Frau Klein, die Beamtin, ihr widerstrebend Teile daraus vorliest, sieht Vera Episoden ihres Lebens an sich vorüberziehen.
Längst verdrängte Gefühle und Bilder aus der Kindheit tauchen dabei auf. Als Tochter einer während des Krieges vertriebenen Schlesierin verdient die Mutter ihren Lebensunterhalt nach Ende des Krieges mit Prostitution. Die Lebensgeschichte der selbst schwer traumatisierten Mutter wird kurz skizziert. Ständig wechselnde Partner der Mutter, Alkohol, Gewalt, auch sexuelle Gewalt sind schon für die kleine Vera alltäglich. Sie erlebt in kurzer Zeit zahlreiche Pflegefamilien und kommt schließlich in ein sehr streng geführtes, katholisches Erziehungsheim. Die von der Umgebung ständig unterstellte Unfähigkeit, ein Leben jenseits von psychischer und physischer Gewalt zu leben, torpedieren Hoffnung, Würde und Selbstvertrauen des jungen Mädchens immer wieder. Leider endet der Bericht mit dem Schließen der Jugendamtsakte der jugendlichen Vera. Über das Leben der erwachsenen Frau ist nur zu erfahren, dass sie sich wegen ihrer Ängste und traumatischen Erinnerungen in Psychotherapie befindet. Es bleibt unklar, ob sie es geschafft hat, entgegen aller Prophezeiungen ihren Lebensweg nach ihren eigenen Vorstellungen zu gehen.
Der Klappentext lässt die autobiografischen Elemente ahnen, ist aber nicht eindeutig. Als Leserin hätte mich das interessiert. Aber Frau Sobieski hatte zum damaligen Zeitpunkt sicherlich gute Gründe, nicht ganz eindeutig zu ihrer persönlichen Betroffenheit zu stehen. Dennoch: Es könnte anderen Betroffenen Mut machen.
Mag. Claudia Salzgeber,
IfS-Beratungsstelle Bludenz
|
|
Der Mord an Marcel von Allmen
Jugendkultur und Gruppendynamik mögliche
Erklärungsansätze?
Cappellini Manuela, Zimmermann Andrea; Edition Soziothek, Bern 2003, 98 Seiten, ISBN 3-03796-028-0, € 19,70
Die Arbeit befasst sich mit dem Mord an Marcel von Allmen, der sich vor zwei Jahren im Berner Oberland ereignet hat. Die Autorinnen versuchen anhand von jugendkulturellen Phänomen und gruppendynamischen Prozessen, mögliche Erklärungsansätze zu geben. In einem ersten Teil werden sowohl Theorien zu Jugend- und Subkulturen als auch zur operativen Gruppe erörtert. In einem zweiten Teil analysieren die Autorinnen mit Hilfe dieser Theorien Zeitungsartikel zum Mordfall Marcel von Allmen. Sowohl Journalisten als auch Untersuchungsbehörden gehen größtenteils von einem Tatmotiv aus, das im Rechtsextremismus zu suchen ist. Diese Arbeit soll eine neue Perspektive eröffnen. Der Text wendet sich an eine soziologisch und psychologisch interessierte Leserschaft.
Nervenprobe Pubertät Wie Eltern sie bestehen können
Von Heidemarie Brosche,
Verlag pro juventute,
Zürich, ISBN 3-7152-1034-6
Als Mutter eines (vor-)pubertierenden Sohnes kam mir dieses Buch gerade recht. Neben der Beschreibung biologischer Vorgänge, Kennzeichen, Krisen und Störungen in der Pubertät sind es vor allem die Erfahrungsberichte geplagter Eltern und Jugendlicher, die einen Großteil des Buches einnehmen. Im letzten Teil kommen die Fachleute, Eltern und Jugendliche zu Wort, welche praktikable Lösungsvorschläge offerieren. Hilfreich auch die sich im Anhang befindlichen Literaturhinweise und Internetadressen. Fazit: Eein Buch, das mich hoffen lässt, die vor mir liegende, spannende Zeit mit meinem Sohn unbeschadet wie die meisten anderen Eltern zu überstehen.
Daniela Spiess-Kaufmann,
IfS-Reha Feldkirch
|
|
Glückliche Scheidungskinder
Largo Remo, Czernin Monika;
Trennungen und wie Kinder damit fertig werden
Piper Verlag, München 2003, 334 Seiten
Die Scheidungsrate liegt hierzulande derzeit bei über 40 Prozent. Für alle betroffenen Eltern stellt sich die Frage: Wie sehr werden unsere Kinder unter der Trennung leiden? Die Ansicht, nur eine Zwei-Eltern-Familie könne dem Kind eine normale Entwicklung gewährleisten, stellen Remo Largo und Monika Czernin nachhaltig in Frage. Ihrer Ansicht nach haben Scheidungskinder eine gute Chance, sich normal zu entwickeln, denn die Mehrheit der Kinder aus Scheidungsfamilien entwickelte sich normal. Es sei falsch, alle auftretenden Probleme auf den konkreten Zeitpunkt der Trennung zurückzuführen. Wesentliches Element von Erziehung ist es nach Meinung der AutorInnen, die konkreten Bedürfnisse der Kinder zu erkennen und darauf einzugehen. Nach Largo und Czernin gibt es kein konkretes Rezept zum richtigen Verhalten der Eltern in einer Trennungssituation. Jedes Kind und jede Familie hat ihre eigenen Lebensbedingungen, die bestimmen, was für das Kind und die Eltern am besten ist, sagt Largo S. 216.
Den Autoren ist ein besonderes Buch zum Thema Scheidung gelungen. Sie haben sich einfühlsam und aufmerksam mit dem Thema auseinandergesetzt. Es kann sicherlich im Verlauf einer Scheidung hilfreich für betroffene Eltern sein. Remo Largo und Monika Czernin zeigen viele mögliche Probleme aus den verschiedenen Perspektiven auf, beschreiben Lösungsmöglichkeiten anhand anschaulicher Beispiele, ohne je belehrend zu sein oder schuldig zu sprechen.Eine Ermutigung, in Krisen professionelle Hilfe oder den Anschluss an eine Gruppe zu suchen, hätte jedoch die weit verbreitete Ansicht in Frage gestellt, persönliche Probleme allein lösen zu müssen.
Auch als Leitfaden für Beratende in Scheidungs- und Trennungsfragen würde ich es empfehlen.
Mag. Claudia Salzgeber,
IfS-Beratungsstelle Bludenz |