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Wir werden immer älter – und das ist auch gut so!
Trotzdem: wir sollten ein kinder-
freundlicheres Klima haben
Sind Kinder in einer Gesellschaft keine Privatsache oder reine Privatsache? So polarisierend übertitelten vor kurzem 2 Redakteurinnen der Zeitschrift „Die Zeit“ ihren Diskurs zur Situation und Perspektive der Familien in Deutschland. Auch in Vorarlberg kennen wir die Problematik der sinkenden Geburtenzahlen, die prognostizierte Erhöhung des Anteils an alten und pflegebedürftigen Menschen und – diese Phänomene zusammengezählt – die Sorgenfalten zur sozialen Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten.


Den Trend zur „Vergreisung“ unserer Gesellschaft sollten wir nicht beklagen: Es ist eine Errungenschaft (und kein unglücklicher Zufall) unserer heutigen Zeit, dass wir immer länger gesund leben können, dass immer mehr immer älter werden und wir – im statistischen Durchschnitt – nach unserer Pensionierung mit einem längeren, aktiven und gestaltbaren Lebensabschnitt rechnen können. Alle sozialpolitischen Maßnahmen, die hier schon gesetzt wurden und noch getätigt werden müssen, dienen dem Ziel, die Kosten für die Auswirkungen dieser Entwicklung (Pensionskosten, Pflegekosten u.v.m.) kalkulierbar zu halten und die Finanzierungsgrundlagen dafür zu sichern.

Auf der anderen Seite: Die – möglichen – Gründe für die sinkenden Geburtenzahlen und Gegenstrategien dazu werden europaweit aufs intensivste und kontrovers diskutiert. Hier könnte man gegensteuern, wenn es gelingt, die Bereitschaft für Kinder auch in unserer postmodernen Gesellschaft zu erhöhen und uns wieder mehr an unsere Aufgabe und Prägung zur „Erhaltung der Art“ zu erinnern.

Viele Wege dazu werden gefordert, aufgezeigt und diskutiert, um Rahmenbedingungen zu verändern und so zu verbessern, dass man sich wieder eine erhöhte Bereitschaft für Kinder erwarten kann. Sollen dafür die staatlichen Transferleistungen für Familien erhöht und verbessert werden? Muss die (praktische) Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert und ermöglicht werden? Sollten wir verstärkt akzeptieren, dass die moderne Frau – auch als Mutter – durch Berufstätigkeit eine ökonomische Unabhängigkeit erreichen und erhalten möchte? Oder müssen Maßnahmen gesetzt werden, dass Frauen von ihrer immer noch vorhandenen Doppelrolle entlastet werden, weil sie immer noch den größten Teil der Arbeiten im Haus und bei der Versorgung übernehmen?

Die wichtigsten Gründe dafür, dass Frauen bzw. Paare keine oder weniger Kinder bekommen (obwohl in allen Meinungsumfragen die Werte wie „Familie und Kinder zu haben“ höchst bewertet sind) sind heute:
• noch nicht den richtigen (idealen?) Partner zu haben
• der mangelnde Glaube an positive Zukunftsperspektiven für Kinder
• der drohende Verlust an Zeitsouveränität und im Lebensstil
• die bewusst gewählte Kinderlosigkeit auf Zeit (für Ausbildung, Beruf und Karriere usw.),
die zur ungewollten, endgültigen Kinderlosigkeit wird
• die sinkende Anzahl von Mehrkinderfamilien mit all ihren Belastungen und Risiken
• die höhere Kinderlosigkeit bei höheren Bildungsniveaus usw.

In Vorarlberg hat die Vorarlberger Landesregierung unter der Patronanz von Landeshauptmann Dr. Sausgruber und den Regierungsmitgliedern Dr. Greti Schmid und Mag. Sigi Stemer mit dem Schwerpunktprogramm „Kinder in die Mitte“ eine Initiative gestartet, die hier ansetzen soll und mit unterschiedlichsten Maßnahmen Aktivitäten forcieren soll, um Vorarlberg zu der kinderfreundlichen (sprich: generationenfreundlichen, menschenfreundlichen) Region werden zu lassen.

Wenn wir „Kinder in die Mitte“ nehmen – und sei es auch nur symbolisch – so stellen wir den Mensch, das Menschliche in den Mittelpunkt. Und es ist eigentlich verrückt, aber eine Realität, dass wir immer wieder daran erinnert werden müssen, dass unser Handeln und Tun in allen Lebensbereichen dem Menschen dienen sollte, dem Menschen gerecht werden sollte. Wenn wir das Maß dafür bei den Schwächsten nehmen, z.B. den Kindern, dann liegen wir sicher nicht ganz falsch.

Soziales Handeln ist jene zutiefst menschliche Fähigkeit, die gewährleistet, dass wir die Auswirkungen unseres Handelns auf andere und die Gemeinschaft immer mit- sehen. Wenn Spannungen und Konflikte, wenn Krisen und Defizite den Menschen beherrschen, dann treten andere Prozesse in den Vordergrund: Kampf oder Rückzug, Zerstörung und Aggression, Verweigerung und Beziehungsabbruch, Ängste und Resignation und vieles mehr. Unsere Aufgabe im IfS ist es, mit psychosozialer Beratung und Behandlung Wege und Auswege aus solchen Situationen zu entwickeln und Menschen dabei zu begleiten. Ziel dabei ist es immer, das Menschliche (wieder) zu entdecken, zugänglich zu machen und zum Leben zu bringen. Wenn es dabei gelingt, das eigene Kind (wieder) zu entdecken, es in den Mittelpunkt des eigenen Handelns zu stellen, dann bin ich mir sicher, dass wir damit auch einen Beitrag dazu leisten, dass wir lebensfähige und lebendige Menschen in einer lebendigen Gesellschaft hier in Vorarlberg haben. Menschen, die auch Kinder haben möchten und so dem Leben Zukunft geben. Als persönliche Entscheidung und als Verantwortung für die große und kleine Welt.

Dr. Stefan Allgäuer
IfS-Geschäftsführer
allgaeuer.stefan@ifs.at

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