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Fakten statt Vorurteile
Arbeitslosigkeit: Woher sie kommt,
was sie mit einem macht
Arbeitslos – die Tatsache ist für Betroffene ein Schock, der dadurch verstärkt wird, dass der gewohnte Tagesablauf aus den Fugen gerät. Viel Zeit ist für Selbstzweifel, die Frage, warum es gerade einen selbst getroffen hat, Unsicherheit, Zukunftsängste, finanzielle Sorgen, Scham. Wenn die Erwerbslosigkeit länger anhält, ist es fast unmöglich, nicht depressiv und resigniert zu sein und sich apathisch dem Alltag zu entziehen. Die Betroffenen versuchen ihre Lage zu verbergen. Sie scheuen Begegnungen mit alten Bekannten, geraten in eine soziale Isolation und leiden unter Einsamkeit. Dies hängt auch mit der Einstellung unserer Gesellschaft gegenüber Arbeitslosen zusammen.


Wie man über Arbeitslose denkt
Das Meinungsforschungsinstitut Allensbach am Bodensee (Deutschland) hat in den Jahren 1998 bis 2002 immer wieder Umfragen zum Thema Arbeitslosigkeit durchgeführt und ermittelt, dass die Bevölkerung zunehmend den Eindruck hat, dass viele Arbeitslose gar nicht arbeiten wollen. 1994 glaubten dies in Deutschland 39 Prozent, im März 2002 63 Prozent. Im März 2002 fanden 57 Prozent der Bevölkerung, dass „viele Arbeitslose zu hohe Ansprüche haben und nicht jede Arbeit annehmen“, 46 Prozent meinten, „dass der Anreiz, eine Stelle zu suchen, für viele Arbeitslose zu gering ist“ und 40 Prozent waren sicher, „dass viele Arbeitslose nicht qualifiziert genug sind, um eine Arbeit zu finden“. 21 Prozent glaubten, dass sich Arbeitslose auf Kosten anderer ein schönes Leben machen. Die Meinung in Österreich ist nicht viel anders. Bei den Untersuchungen fehlt bisher eine Gegenüberstellung von Vorurteilen und persönlichen Erfahrungen. Es wäre interessant zu untersuchen, ob Befragte das abstrakte Bild vom faulen Arbeitslosen aufrecht erhalten, wenn sie an konkrete Bekannte oder Verwandte denken. Die „Sozialschmarotzerdebatte“ erhält durch Politik und Medien immer eine neue Nahrung. Passend brachte Spiegel TV einen Bericht mit dem Titel „Drückeberger & Co“. Im September 2003 fasste der Spiegel sein Titelthema Lohnnebenkosten in die Überschrift „Wer arbeitet, ist der Dumme“: Als ob Arbeitslose schlau seien, weil sie auf Kosten der Arbeitenden lebten.


Vorarlberg:

Arbeitslosigkeit um 17,5 Prozent gestiegen


Ende Juli waren 8.434 Personen in Vorarlberg arbeitslos gemeldet, das ist ein Anstieg von 17,5 Prozent (1.254 Personen) gegenüber Juli 2004.


Die Arbeitslosenquote liegt in Vorarlberg derzeit bei 5,6 Prozent. Deutlich überdurchschnittlich ist die Arbeitslosigkeit laut einem ORF-Bericht bei den 15- bis 20-Jährigen (+24,2 Prozent), bei den 20- bis 25-Jährigen (+25 Prozent) und bei den Ausländern (+25,3 Prozent) gestiegen. Bei den 25- bis 50-Jährigen lag die Zunahme bei 16 Prozent, bei den über 50-Jährigen bei 15,5 Prozent.

Hohe Arbeitslosigkeit im Bezirk Dornbirn
Wie in den Vormonaten war die Entwicklung in den einzelnen Bezirken recht unterschiedlich. Während die Arbeitslosigkeit im Bezirk Feldkirch um 7,9 Prozent zunahm, stieg sie im Bezirk Dornbirn um 22,2 Prozent und im Bezirk Bregenz um 21,9 Prozent. Bludenz lag mit +17,2 Prozent leicht unter dem Landesschnitt.

Starke Zunahme bei Hilfsberufen
Ebenfalls unverändert war die Entwicklung nach Berufsobergruppen. Die stärksten Zuwächse gab es bei den Hilfsberufen (+291 bzw. +26,7 Prozent), im Handel (+196 bzw. 23,1 Prozent), im Tourismus (+156 bzw. +22,2 Prozent) und in den Büroberufen (+184 bzw. 15,6 Prozent). Zu den offiziell ausgewiesenen Arbeitslosen sind noch 1.309 Personen (684 Männer, 625 Frauen) hinzuzurechnen, die sich Ende Juli in Schulungsmaßnahmen des Arbeitsmarktservice befanden. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet diese Zahl eine leichte Zunahme um 53 bzw. 4,2 Prozent.

526 Jugendliche suchen Lehrstelle
526 Lehrstellensuchende (+213 bzw. +68,1 Prozent) standen 286 offene Lehrstellen gegenüber (-100 bzw. -53,8 Prozent).
Stellenwert von Erwerbsarbeitern
Der Stellenwert einer Erwerbsarbeit ist entsprechend hoch. Nur wer arbeitet, verdient: regelmäßiges Einkommen, Identität und Selbstwert, das Gefühl, gebraucht zu werden. Selbstverwirklichung, Eigenständigkeit und soziale Kontakte verdient man sich. Selbst niedrigste Tätigkeiten werden gesellschaftlich anerkannt. 2001 fragte das Allensbacher Meinungsforschungsinstitut: „Glauben Sie, es wäre schön, zu leben, ohne arbeiten zu müssen?“ 65 Prozent der Befragten konnten sich kein Leben ohne Arbeit vorstellen. Gefragt, woraus Menschen Selbstsicherheit zögen, nannten „eigenes Einkommen“ 70 Prozent, „Erfolg im Beruf“ 66 Prozent und „berufstätig sein“ 62 Prozent. Muße, Freizeit und ehrenamtliche Arbeit erreichten keinen ähnlich hohen gesellschaftlichen Stellenwert.

Soziale Ausgrenzung
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Beratungsstellen sehen täglich, dass Arbeitslossein das psychische, familiäre und gesellschaftliche Gleichgewicht erschüttert. Es ist nicht nur der Einzelne betroffen, Arbeitslosigkeit zerstört die Lebensperspektiven und Entwicklungschancen ganzer Familien. Viele Arbeitslose sehen sich mit Grundfragen des menschlichen Lebens überfordert. Sorgen, Scham und Selbstzweifel führen oft zu physischen oder psychischen Erkrankungen. Immer wieder hören Berater den dringenden Wunsch der Betroffenen, möglichst bald wieder eine Arbeit aufnehmen zu können, um dadurch die Lebenssituation materiell und psychisch zu stabilisieren. Der enge Zusammenhang von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung ist jeder Fachberatungsstelle täglich präsent, in der Schwangerschaftsberatung ebenso wie in der Beratung von Migranten oder der Erziehungsberatung. Neben den wirtschaftlichen und psychosozialen Problemen erleben die Betroffenen ihre Situation als einen Verlust an Anerkennung und Würde. Ständig muss die eigene „Arbeitswilligkeit“ bewiesen werden. Arbeitslose müssen Sachbearbeitern nachweisen, warum sie nicht zu Hause erreichbar waren oder dass ihre alte Mutter nicht zurechtkommt, wenn sie eine Arbeit aufnehmen würden.

Arbeitslosigkeit macht krank – nicht nur die Betroffenen
Es wurden die sozialen, gesundheitlichen und psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit untersucht: Mehr als die erwerbstätigen Teilnehmer der Untersuchung litten Arbeitslose an Bluthochdruck, hohen Cholesterinwerten und chronischer Bronchitis. Arbeitslose rauchen mehr oder nehmen stark zu: Sie neigen stärker zur Sucht. Sie sind seltener sportlich aktiv und häufiger psychisch krank.

Angehörige haben oft die gleichen Leiden wie die Betroffenen. Untersuchungen zeigen, dass bei Kindern von Arbeitslosen viele Krankheiten häufiger als bei Kindern Beschäftigter auftraten: Infektionskrankheiten wie Erkältungskrankheiten, Magen-Darm-Erkrankungen, Störung des Immunsystems (Asthma, Ekzeme). Kinder von Arbeitslosen erleiden häufiger Unfälle und haben öfter Ess- und Schlafstörungen. Sie sind depressiver, einsamer, empfindlicher, misstrauischer und weniger in der Lage, Stress zu bewältigen. In jungen Jahren gewöhnen sie sich falsche Ess- und Lebensgewohnheiten an. Arbeitslosigkeit macht also ganze Familien krank.



IfS-Schulsozialarbeit Bregenz ist im Alltag nicht mehr wegzudenken


Zahl der Einzelberatungen bei Schülern, Lehrern und Eltern gestiegen


Seit Herbst 2003 im Regelbetrieb ist die IfS-Schulsozialarbeit Bregenz im Schulalltag bereits jetzt nicht mehr wegzudenken. Im vergangenen Schuljahr suchten deutlich mehr Schülerinnen, Schüler, Lehrpersonen und Eltern das unterstützende Gespräch mit der Schulsozialarbeiterin Brigitte Stadelmann. Die zentralen Themen: Schule, Familie, Freundschaft und Beziehung.

Insgesamt 30 Stunden pro Woche ist die Schulsozialarbeiterin Brigitte Stadelmann in den Hauptschulen Rieden und Vorkloster in Bregenz Vertraute, Vermittlerin, Seelentrösterin, Unterstützerin und Koordinatorin in einer Person.

Angestellt ist sie bei der IfS-Beratungsstelle Bregenz und dadurch eingebettet in einen Kreis hoch qualifizierter Fachpersonen. „Mit der Möglichkeit des fachlichen Austauschs und der anonymen Fallbesprechung“, beschreibt IfS-Stellenleiterin Dr. Ruth Rüdisser die Vorteile dieser Konstellation. „Gleichzeitig wird ihre Beratungsfunktion für alle Zielgruppen nicht durch eine hierarchische Einbindung beeinträchtigt.“

Für die Schülerinnen und Schüler der beiden Hauptschulen ist die Sozialarbeiterin völlig selbstverständlich in den Alltag integriert. Viele finden von sich aus den Weg ins Büro von Brigitte Stadelmann.

Mehr Mädchen als Buben kommen

Im vergangenen Schuljahr 2004/2005 waren es 140 Kinder und Jugendliche, die sich zu einem ersten Gespräch mit der Schulsozialarbeiterin angemeldet haben – um 32 Prozent mehr als im Jahr davor. Nach wie vor nehmen deutlich mehr Mädchen (85) die Hilfe von Brigitte Stadelmann in Anspruch, aber auch immer mehr Buben (55) finden den Weg zur Schulsozialarbeiterin.

„Der Großteil der Probleme, mit denen die Kinder kommen, betreffen die Schule, Familie, Freundschaft und Beziehung“, berichtet Brigitte Stadelmann.


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