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Umgang mit traumatischen Erfahrungen


Definition von Traum: Trauma heißt Verletzung. Diese kann sowohl körperlich als auch seelisch sein. Die traumatisierte Person war selbst Opfer oder Zeuge eines Ereignisses, bei dem das eigene Leben oder das Leben anderer Personen bedroht war oder eine ernste Verletzung zur Folge hatte.

Ein plötzliches traumatisches Ereignis löst eine Stressreaktion aus. Körper und Geist sind in Alarmbereitschaft, was dem Überleben dient. Für viele sind die Reaktionen nach einem traumatischen Ereignis unkontrollierbar. Es können verschiedenartige Folgeerscheinungen auftreten: intensive, sich wiederholende, quälende Traumaerinnerungen, Schlafstörungen, Gefühle von intensiver Angst, Hilflosigkeit, Entsetzen, völliger Abwesenheit, Gefühllosigkeit und innerlicher Leere, Symptome von gesteigerter innerer Erregung.
 
Beispiele von traumatischen Ereignissen:
• Naturkatastrophen (Flutkatastrophen, Lawinenunglücke)
• Verkehrsunfälle, Flugzeugabstürze, Brandkatastrophen
• Krieg, Folter, Vertreibung
• schwere Schicksalsschläge, z.B. Verlust einer nahen Bezugsperson oder eine schwere Erkrankung
• Traumata, die durch menschliche Gewalt verursacht werden (Gewalttaten innerhalb der Familie, Vergewaltigung, Bombenattentate)

Am schlimmsten wirken sich jene Traumata aus, die von Menschen zugefügt werden. Es ist schrecklich, wenn andere, denen wir vertrauen, uns schaden, uns verraten und verletzen. Wenn uns die Natur verletzt, z.B. durch ein Erdbeben, eine Lawine oder eine Flutkatastrophe, ist das natürlich entsetzlich, dennoch können wir damit leichter fertig werden, weil wir doch wissen, dass solche Dinge passieren können, und weil wir uns nicht persönlich verraten und geschädigt fühlen. Verkehrsunfälle, Feuer etc. werden meist eher wie eine Naturkatastrophe erlebt. Wenn wir kollektive Erfahrungen machen, wie z.B. einen Krieg erleben, können wir uns zumindest damit trösten, dass alle das gleiche Schicksal trifft. Das hilft vielen Menschen, mit Schrecklichem besser fertig zu werden.

Das Trauma nach der großen Flut

Die Flut in Südostasien hat die Menschen vollkommen unvorbereitet getroffen. Sie spürten plötzlich, dass sie gegen solche Naturkatastrophen nichts machen können. Das führt zu absoluter Hilflosigkeit und vollständigem Kontrollverlust. Es macht den Kern einer Traumatisierung aus, die Kontrolle über die Situation, die Kontrolle über sich selbst, über das eigene Handeln zu verlieren. Solch ein Kontrollverlust hinterlässt tiefe seelische Wunden. Die Flut der Fernsehbilder reaktivierte sogar alte, längst überwunden geglaubte Traumata. Viele kennen das Paradies der Palmenstrände in Thailand oder Sri Lanka. Durch den Tsunami wird plötzlich eine heile Welt zerstört. Im Urlaub war jeder schon einmal, jeder kennt das Meer. Dadurch rückt das, was dort geschah, ganz nahe. Viele kannten Betroffene. Das ist belastend, aber es entstand über Nacht auch eine ungewöhnliche Solidarität.

Traumaverarbeitung

Bei der Erdbeben- und Flutkatastrophe (Tsunami) war eine akute psychische Schockreaktion angesichts des unfassbaren Ereignisses völlig natürlich. Der Schock ist ein natürlicher Schutzmechanismus, in welchem wir uns automatisch taub stellen, um nicht die ganze Macht der Gefühle auf einmal erleben zu müssen. Die längerfristigen Auswirkungen im Sinne einer pathologischen Schockreaktion (sog. Posttraumatische Belastungsstörung) zeigen sich erst nach einigen Wochen und Monaten. So hat der Tsunami zu schweren Traumatisierungen von vielen Tausend Menschen geführt. Der Traumatisierte muss Leid und Schmerz, Zorn und Hass, Angst und Unsicherheit überwinden, denn wenn diese Affekte nicht kontrolliert, die Gefühle nicht gesteuert werden, ergreifen sie den Menschen dauerhaft, prägen seine Grundstimmungen und bestimmen sein Lebensgefühl.
 
Der Traumatisierte muss lernen, erneut Kontrolle über sein Leben zu gewinnen, so dass sich das Dunkel wieder zunehmend erhellt, die Belastungen schwinden und die „erschlagende“ Erkenntnis des Traumas überwunden wird. Möglich ist das nur, wenn man eine andere Botschaft dagegenstellt, denn sonst bleiben Misstrauen, Angst, Hass und Unversöhnlichkeit, wenn man diese Erlebnisse nicht hinter sich lässt. Das Ziel sollte die Aussöhnung mit dem Schicksal, mit seinem Leben, mit sich selbst sein. Wer dazu selbst nicht in der Lage ist, etwa Schwertraumatisierte, braucht Unterstützung. Je mehr unterstützende Faktoren vorhanden sind, desto besser gelingt der Umgang mit schweren Belastungen. Unterstützend wirken können vertrauenswürdige, verlässliche Menschen, aber auch persönliche Fähigkeiten (z.B. sich Hilfe holen können, sich besser schützen können). Ressourcen dienen als Kraftquellen. Alles, was langfristig gut tut, beispielsweise Bewegung in der Natur, kann zur Stabilisierung beitragen. Auch der Alltag mit einer sich wiederholenden Tagesstruktur kann eine Ressource sein und Sicherheit vermitteln. Durch Beistand, gemeinsame Trauer, Trost, Zuwendung, Zuspruch und Rituale vermögen Menschen traumatische Erfahrungen zu überwinden, indem sie sich in die Gegebenheiten einpassen, aber auch indem sie die Gegebenheiten verändern. Körperliche Hinwendung und seelische Zuneigung sind die Grundlage jeder weiterführenden Hilfeleistung. Dann nämlich kann man den anderen sehen, sein Leiden, sein Menschsein, seine Besonderheit. Und wenn der Traumatisierte jene Hinwendung, Ansprache und Zugewandtheit erhält, die ihm zusteht, dann kann dies ein erster wichtiger Heilungsschritt sein.
 
Spezielles psychotherapeutisches Vorgehen

Da sich nicht alles über „Durcharbeiten“ unbewusster Konflikte oder durch das kathartische Ausdrücken aufgestauter Emotionen lösen lässt, ist ein therapeutisches Vorgehen angesagt, das die Regulierung  überbordernder Affekte durch die Arbeit des Verstandes und des Willens zum Ziel hat und eher ein sanftes Vorantasten im Sinne einer „stoischen Therapeutik“ in den Mittelpunkt stellt.
 
In der Akutphase – also in den ersten Wochen nach dem Trauma – steht also die psychische Stabilisierung im Vordergrund. Es gilt, die erlebten Ereignisse zu begreifen oder überhaupt erst einmal die Auswirkungen wahrzunehmen. Der Therapeut hilft dann dem Traumatisierten, über gezielte Techniken einen Ort der „inneren Sicherheit“ wiederzugewinnen. Dies kann über so genannte Imaginationstechniken erfolgen, in denen der Betroffene angeleitet wird, sich in der Vorstellung einen „sicheren“ Ort vorzustellen und aufzusuchen, um sich mit dessen Hilfe wieder eine gewisse Kontrolle über sich aufdrängende Bilder und Erlebnisse zu verschaffen. Diese Stabilierungsübungen bieten die Grundlage für weitere psychotherapeutische Traumatechniken.

Martin Jungreithmeyer
Berater an der IfS-Beratungsstelle Feldkirch


Lebensqualität Bauernhof

Das IfS bietet in Zusammenarbeit mit dem Land Vorarlberg, den Bäuerinnen Vorarlbergs und der Landwirtschaftskammer ein neues spezielles Service für Menschen aus der Landwirtschaft an. Das Beratungsteam besteht aus DSA Klaus Dünser, DSA Carla Rudigier, Dipl. Psych. Brunhilde Reichl und Dr. Gertrud Würbel. Sie erreichen uns unter der Telefonnummer 05522/62303-20.


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