Loslassen aus der Sicht Jugendlicher

"Eigentlich kann ich tun und lassen was ich will"

 

Ablösen von zu Hause - wie erleben Jugendliche diese Phase in ihrem Leben?

Sie sitzen da, die beiden. Halten sich an den Händen. Einer scheint dem anderen während des Gesprächs Sicherheit zu geben. Lisa ist 17, Andreas 15. Sie gehören zusammen. Seit einem halben Jahr und drei Wochen sind sie ein Paar. Das Loslösen von zu Hause erleben sie nicht als "problematisch".

Lisa lebt mit ihrer Mutter alleine, ihren Vater kennt sie nicht. Ein schüchternes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Zur Zeit sei sie ohne Arbeit. Zwei Monate habe sie zwar als Kellnerin gearbeitet, doch das sei keine gefreute Sache gewesen. Jetzt besuche sie ein Berufsorientierungsseminar. Zur Frage, ob das Ablösen von zu Hause schwierig ist, kommt ein spontanes "nein". "Meine Mutter arbeitet, ich bin viel bei meinem Freund, und kann eigentlich machen was ich will. Aber deswegen gebe es trotzdem Krach. Wenn ich meine Mutter anlüge, dann rastet sie total aus. Oder wenn mein Zimmer unordentlich ist. Oder wenn ich schwänze und ihre Unterschrift fälsche. Sie ist eben jemand, der sich schnell aufregt. Und ich kann dann auch sauer sein. So ein bis vier Tage reden wir dann nur das Notwendigste. Früher, da hab´ ich Ohrfeigen bekommen, jetzt schreit sie mich nur noch an." Wie es ihr dabei geht? "Manchmal, da höre ich es gar nicht mehr, beim einen Ohr hinein, beim anderen hinaus. Manchmal, da ist es mir aber nicht egal." Und da ist Lisa schon froh, daß es Andreas gibt. Der sie dann tröstet, wenn sie weint. Doch im Großen und Ganzen laufe es mit ihrer Mutter ganz gut. "Sie hilft mir schon viel. Als ich beinahe eine Anzeige bekommen habe oder als ich Liebeskummer hatte, da war sie da für mich."

"Dem fällt immer was Neues ein"

Solche Probleme habe er mit seiner Mutter nicht, meint Andreas. Konflikte gebe es mehr mit dem Stiefvater. Der nämlich rege sich über alles auf.

Einmal ist es der Biomüll, den Andreas vergessen hat zu trennen, das nächste Mal etwas anderes. "Ihm fällt immer etwas Neues ein", stellt der 15jährige achselzuckend fest. Rasend wird der Stiefvater, wenn Andreas zu spät nach Hause kommt. Dann nämlich meine dieser, die Autorität herauskehren zu müssen. Streit, Hausarrest sind die Folge. Auch Andreas ist froh, über diese Dinge mit Lisa sprechen zu können. Und daß Lisas Mutter ihn sehr gerne mag, ist beiden wichtig.

"Früher nämlich, als ich noch mit einem aus der rechten Szene befreundet war", sagt Lisa, "da ist sie an einer Tour ausgerastet". Da sei die jetzige Situation schon viel besser. Andreas und Lisa verbringen viel Zeit miteinander. Sie ist fast immer bei ihm zu Hause, meistens am Abend, wenn Andreas von seiner Lehrstelle zurückkommt. Und da mache seine Mutter keine Probleme. "Aber meine Mutter und ihr Mann sind ohnehin kaum zu Hause und darum kann ich eigentlich tun und lassen was ich will." Ablösen, Andreas muß nachfragen, was genau damit gemeint ist. Nach einer kurzen Erklärung kommt auch von ihm ein klares "kein Problem".

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