Das Gespräch

"Loslassen ist ein zentrales Thema"

Irmgard Felder, Psychotherapeutin und Sozialarbeiterin bei der Beratungsstelle Bregenz

 

Frau Felder, einleitend zu Ihrer beruflichen Situation - wie lange sind Sie schon beim Institut für Sozialdienste?

Ich bin, seit ich die Sozialakademie abgeschlossen habe, beim Institut für Sozialdienste, das war 1980. Dann habe ich gearbeitet, bis ich das erste Kind erwartet habe. In meiner "Kinderpause" habe ich eine Zusatzausbildung (Familientherapie) gemacht. 1990 habe ich dann wieder beim IfS angefangen. Zuerst habe ich als Sozialarbeiterin gearbeitet und später hatte ich die Möglichkeit, nach Abschluß der Ausbildung zur Familientherapeutin, in den Fachbereich Paar- und Familienberatung zu wechseln.

Man kann also davon ausgehen, daß Sie schon einige Jahre Erfahrung in der Beratung haben. Wenn Sie sich spontan in Erinnerung rufen, welche Gedanken fallen Ihnen zum Thema "Loslassen" konkret ein.

Loslassen ist ein Lebensthema. Wir sind davon ständig betroffen und ich habe zu diesem Gespräch versucht, mich gedanklich einzustimmen, und habe festgestellt, mit jedem Atemzug müssen wir etwas loslassen. Mit jedem Tag müssen wir etwas verabschieden, müssen wir uns bereit machen für etwas Neues. Das ist Loslassen. Es beginnt als kleines Kind sicher schon für jeden von uns, wenn man Laufen lernt, den Mut zu finden, die Hand loszulassen. Und da sind dann die Eltern auch gefragt: "Traue ich es dem Kind zu, jetzt die Hand loszulassen, kann es wirklich alleine laufen? Mute ich ihm evtl. auch zu, hinzufallen? Und das sind alles so Dinge, wo man schon sehr früh merkt, wenn ich loslasse, erlebe ich etwas Neues, komme ich vielleicht auch in ein Abenteuer hinein. Da fällt es dann eben auch schwer, loszulassen, weil man das Neue nicht kennt, man hat Angst davor. Ich habe Angst, loszulassen, ich habe Angst, in ein Loch zu fallen, nicht mehr wissen, wie es weitergeht. Und darum würde man gern eigentlich eher dort bleiben, wo man ist, wenn man sich es dort gemütlich eingerichtet hat.

Fact-Box

  • Irmgard Felder
    verheiratet
    Mutter von zwei Kindern
    wohnhaft in Lochau
    Ausbildung: Volksschule, Hauptschule, Gymnasium, Sozialakademie
  • Zusatzausbildung:
    Gesprächstherapie, Familientherapie
  • Frau Felder ist Mitarbeiterin an der Beratungsstelle Bregenz des Institut für Sozialdienste in der Römerstraße 35, Tel. 05574/42890.

Ich komme zu einem späteren Zeitpunkt noch auf das Thema "Paar und Loslassen" zurück. Noch grundsätzlich eine Erstfrage: Sie sind selbst auch Mutter von Kindern. Ich frage jetzt ganz bewußt als Mann. Das erste Loslassen findet ja eigentlich zwischen Mutter und Kind direkt bei der Geburt statt, bei der Trennung der Nabelschnur. Glauben Sie, daß es für Frauen schwerer ist, loszulassen, als für Männer?

Das ist eine schwierige Frage. Also das mit der Nabelschnur.... Ich persönlich habe diese spezielle Trennung, die Durchtrennung der Nabelschnur für mich nicht so bedeutungsvoll erlebt. Für mich war später ein Problem - und da denke ich, gibt es sicher einen Unterschied zwischen Männern und Frauen - das Kind überhaupt herzugeben. Ich habe das Kind gehalten, gestillt, es umsorgt und es war immer nah bei mir. Es fiel mir überhaupt schwer, es jemand anderem anzuvertrauen. Und da habe ich einen wesentlichen Unterschied erlebt zwischen mir und meinem Mann, dem es ganz leicht gefallen ist und der ganz stolz war, das Kind herumzureichen und jeder durfte es halten. Für mich war das immer ganz schlimm. Da habe ich sehr stark den Trennungsschmerz gespürt. Ähnliche Geschichten und Erlebnisse - also das Kind jemand anderem anvertrauen, daß das bereits einen Schmerz verursacht, höre ich immer wieder speziell von Frauen in der Beratung, aber auch im Bekanntenkreis.

Ist für Sie in der Beratung das Thema "Loslassen" sehr häufig im Mittelpunkt oder ist das eher selten?

Ja, es ist sehr häufig der Mittelpunkt der Beratung, egal ob bei Paaren, ob bei Familien, wenn es um Kinder geht oder bei einzelnen, man erlebt, daß Loslassen ein zentrales Thema ist - also Loslassen von bestehenden Gewohnheiten, Lebensregeln, auch in der Partnerschaft. Es ist immer wieder erlebbar in Gesprächen, dieses Festhalten wollen an Altem, Bekannten, auch wenn es das Leben mehr schwer als leicht macht. Es ist immer wieder spürbar, diese Angst, auf das Neue zuzugehen und einmal zu schauen, was gibt es denn da noch für mich. Das ist schon ein zentrales Thema.

Loslassens muß den Menschen sehr schwer fallen. Wie geht man in solchen Situationen mit diesem Problem um?

Wichtig scheint mir, daß darüber gesprochen wird, daß man den Schmerz fühlen darf, daß man den Schmerz auch jemandem mitteilen kann und sagen kann, das schmerzt mich sehr. Auch das Beweinen, auch Tränen darauf fallen lassen - im symbolischen Sinne - auf etwas, was ich gehen lassen muß und es dann somit verschmerzen können, eben auch mit jemandem zusammen. Diese Frau war bereit, sich einzulassen und sie hat auf mich vertraut, daß ich sie nicht alleine lasse mit ihrem Problem.

Sie haben jetzt mehrmals von "Reden können" gesprochen. Ich frage mich oder ich denke auch, daß es für viele Menschen in diesen Situationen auch nicht leicht ist, Gesprächspartnerinnen oder -partner zu finden, weil ja unsere Gesellschaft immer "sprachloser" wird. Wie sehen Sie das in der Beratung? Würden Sie das bestätigen?

Ja, das muß ich leider bestätigen. Ich erlebe das immer mehr, daß es wirklich an offenen, vertraulichen Gesprächen mangelt. Eben zu sagen, mir geht es nicht gut oder ich bin traurig oder ich brauche deinen Rat. Sich nicht nur jemanden suchen, der das professionell macht, sondern auch in der näheren Umgebung - Partner, Freunde, Bekannte - dort zu sagen, was denkst du darüber, wie soll ich das tun - das findet immer weniger statt und das ist schon schade. Ich merke das hier sehr viel, auch in den Paarberatungen, daß es oft daran mangelt, daß man sich nicht mehr vertraut, einander etwas über sich zu sagen, einander zu zeigen, wie man fühlt, denkt ... Die Gespräche beschränken sich oft nur auf "Organisatorisches".

Noch etwas zurück zur pubertären Situation - hier findet ja auch ein Loslassen zwischen Eltern und Kindern statt. Mir hat kürzlich ein Elternpaar gesagt, daß ihr größtes Problem sei, daß ihr 20jähriger Sohn von ihnen nicht losläßt. Also gerade der umgekehrte Weg oder die umgekehrte Sorge von Eltern. Haben Sie das auch schon erlebt und was sagen Sie dazu?

Konkret fällt mir kein Beispiel ein. Aber wenn ich mir denke, Loslassen, Bindung, Festhalten wäre das andere - das ist die Frage, was ist das in dieser Familie, daß die Bindung so stark ist, daß der Sohn, der eigentlich schon erwachsen ist mit 20 Jahren, nicht so gerne gehen möchte oder nicht in Frage stellt, was so zu Hause stattfindet.

Es ist für ihn meistens auch bequemer.

Es ist bequem - ja - Konfrontationen sind unbequem. Er wählt den bequemeren Weg, scheint es zu sein. Es ist schön, Bindungen zu haben und zu erleben, wir fühlen uns sehr miteinander verbunden. Möglicherweise erlebt diese Familie auf eine andere Art und Weise dann das Loslassen, vielleicht wirklich, indem der Sohn eine Freundin findet, eine Partnerin findet, wo ihn neugierig macht, da gibt es wirklich noch was anderes, wo ihn dazu führt, das auch mal in Frage zu stellen, ob das o.k. ist da zu Hause. Oder wirklich auch mal ehrlich zu sein und zu sagen, manchmal geht es ihnen trotzdem auf den Wecker. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es dem Sohn erspart bleibt, sich trotzdem noch zu lösen oder der Mutter, vielleicht dem Vater erspart bleibt, daß der Sohn geht und damit losläßt.

Frau Felder, eine Frage im Hinblick auf die Paarberatung. Sie haben das vorhin schon einmal kurz erwähnt: Ich kann mir vorstellen, daß gerade bei Beziehungen, seien dies nun Verheiratete oder Nichtverheiratete, wenn es dort Krisen gibt, wenn es dort Trennungen gibt, daß dort eigentlich ein sehr großer "Loslaßschmerz" stattfindet. Wie erfahren Sie das grundsätzlich? Ich habe hier auch einmal von einem Betroffenen gehört: "Es ging mir erst wieder gut, als ich zur Trennung grundsätzlich ja gesagt hatte."Ist das wirklich so einfach?

Ich bin überzeugt, es ist nicht so einfach und, daß es auch für diesen Betroffenen nicht so einfach war, dahin zu kommen. Trennungen sind etwas Schwieriges. Es ist ein Prozeß, der irgendwann beginnt, bei einem der beiden, unbemerkbar oft für den anderen. Es gibt Trennungen, die passieren laut und mit Streit und mit viel Verletzungen, und es gibt Trennungen, die sind leise und da geht einfach einer und übrig bleiben viele offene Fragen. Aber egal wie es passiert, es bleibt jeder für sich mit seinem Schmerz allein. Und es passiert leider ganz ganz selten, daß die Menschen, die sich trennen, sich das gegenseitig einander eingestehen. Es wäre schön, wenn die beiden hergehen könnten und sagen können, wir nehmen das Schöne, das wir miteinander gehabt haben und bewahren es als Geschenk und beweinen das, was wir nicht hergebracht haben, was wir nicht geschafft haben. Alle Paare haben das Ziel, es zu schaffen, bis daß der Tod sie trennen wird und es ist dann auch eine Enttäuschung, zu erleben, wir kriegen das nicht her. Dann - wie ich eben auch schon gesagt habe - miteinander diese Trennung wirklich zu beweinen und damit die Trennung zu verschmerzen - ja dazu sagen, das wäre dann wirklich wunderbar, wenn das so ginge....

Das wäre letztlich ein Traum.

Ja.

Wo kann hier konkret in solchen Situationen das Institut für Sozialdienste Hilfe anbieten?

Es gibt die Möglichkeit, sich an eine IfS-Beratungsstelle zu wenden, sich hier anzumelden, zu sagen: "Wir sind in einer Trennungssituation, wir wissen nicht, wie wir das bewerkstelligen sollen." Das betroffene Paar bekommt dann einen Termin für ein gemeinsames Gespräch. Gemeinsam mit der/dem BeraterIn versuchen sie, einen Weg zu finden, wie sie sich voneinander verabschieden können. Vielleicht ergibt sich auch die Notwendigkeit, Dinge noch miteinander zu regeln, rechtlicher Art, wie auch immer. Aber das Wesentliche dabei ist auch, sich voneinander zu verabschieden, auseinander gehen können und sich immer noch achten.

Ist so eine Beratung eigentlich mit Kosten verbunden?

Bei uns an der IfS-Beratungsstelle gibt es folgende Regelung: Es ist ja grundsätzlich so, daß die Kosten vom Land und den Kommunen im Rahmen eines bestimmten Gesetzes gedeckt sind. Aber in Zeiten, wie diesen, wo wir alle auch sparen müssen, wird es immer wichtiger, daß die Menschen einen Kostenbeitrag leisten, wenn sie längerfristig zu uns in Beratung kommen. Die Höhe des Kostenbeitrages wird in der Beratung besprochen. Es ist mir aber auch wichtig, zu betonen, daß auch Menschen, die wirklich kein Geld übrig haben, hierher kommen können und kostenlos diese Beratung in Anspruch nehmen können. In unserer Beratungsstelle gibt es jeden Tag einen Journaldienst, wo Ratsuchende sich persönlich oder telefonisch anmelden können.

Das schwierigste Loslassen in vielen Fällen ist ja letztlich das endgültige - sprich also der Tod. Die bekannte Autorin Kübler-Ross hat einmal gesagt: "Das Leben wird gewandelt, nicht genommen." Das ist letztlich eine sehr religiöse Aussage, ist das für Menschen in solchen Situationen ein Trost?

Es kann Trost sein für jemanden, der weiß, er wird sterben. Trost, zu wissen, mein Leben wird gewandelt, ich höre nicht einfach auf. Für die Trauernden ist es wahrscheinlich schwieriger, diesen Satz anzunehmen, denn die, die zurückbleiben, trauern um das, was nicht mehr ist, was nicht mehr sein wird und müssen da eine große Hürde nehmen - denke ich mir - zu sagen, auch mein Leben wird gewandelt, wenn ich einen lieben Menschen verloren habe, erfährt auch mein Leben eine Wandlung in dem Sinne, daß ich neue Inhalte finden muß, neue Aspekte, neue Ideen, daß ich die Lücke füllen muß.

So wie Sie vorher gesagt haben, bereit machen für etwas Neues?

Ja genau, es ist das Bereitmachen, auf etwas Neues hinzuschauen, neugierig zu werden.

Frau Felder, ich möchte zum Schluß noch einige sehr persönliche Fragen stellen. Was war für Sie persönlich eigentlich das schwerste Loslassen?

Spontan fällt mir ein, mein schwerstes Loslassen war, mein erstes Kind loszulassen, also zuerst einmal schon als Baby herzugeben, dann später, z.B. allein in den Kindergarten marschieren zu lassen. Meine Tochter ist jetzt 12, sie fängt jetzt an, sich auch von mir zu lösen. Jetzt denke ich, habe ich schon viele Schritte getan und es fällt mir leichter.

Zwei Fragen noch: Was mag ich? Ganz spontan.

Ich mag, wenn die Sonne scheint, wenn ich die Wärme auf der Haut spüren kann. Ich mag das Meer, ein gutes Gespräch mit FreundenÉ

Und das Gegenteil - was mag ich nicht?

Streßsituationen, wenn man mich bedrängt, wenn man an mir zerrt und wenn man mich verplanen will, ja solche Dinge.

Danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Franz Abbrederis.

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