Trennung durch Tod

Eine der schwierigsten Phasen in einem Menschenleben ist oftmals die Trennung und das Loslassen von einem geliebten Menschen durch den Tod. Bei einer längeren Vorbereitungsphase kann dieses Abschiednehmen auch mit schönen Erinnerungen und Erlebnissen verbunden sein. Hart, um nicht zu sagen, brutal erscheint es bei einem plötzlichen Tod des Partners, eines geliebten Menschen in der Familie oder im Bekanntenkreis.

Vielen Menschen kommt unweigerlich die Frage nach dem "Warum?". Warum gerade er (sie), warum gerade jetzt, schon heute? Menschen, die mit Trauernden arbeiten oder auch schon selbst betroffen waren, berichten, daß die ständige eigene Verdrängung des Themas "Sterben" sehr eng mit den inneren Krämpfen betroffener Menschen zusammenhängt. Unsere Gesellschaft ist zu einer "Jugend-Lebe-Gesellschaft" geworden, wo nicht mehr die Frage nach dem Übergang in das Sterben oder die Vorbereitung auf diesen Tag X wichtig erscheint, sondern die Verdrängung. Eine alte Frau sagte mir einmal, daß sie heute gerne lebe und sich auf ihren Tod freuen würde. Eine Aussage, eine Haltung, die sehr selten geworden ist. Das Bejahen des Ist-Zustandes und das Bejahen einer Tatsache, die jeden von uns trifft, nämlich das Sterben.

Tränen am Grab eines lieben Menschen sind natürlich, wichtig und richtig. Sie sind jedoch nach meiner Interpretation für den Toten unbedeutend, sondern für den Lebenden wichtig. Letztlich weint man um sich und nicht für den Verstorbenen. Ich weiß, eine provokante Aussage. Ein anderes Beispiel, wie schwer viele Menschen sich mit diesem endgültigen Loslassen tun, zeigt uns folgendes: Eine Frau, die in der Zwischenzeit selbst verstorben ist, hat seit dem Jahr 1942 tagtäglich ihr Schlafzimmerfenster in der Nacht leicht geöffnet gehalten, da ab diesem Jahr ihr Gatte im Krieg vermißt wurde. Ihre Hoffnung bestand in diesen vielen Jahren darin, daß er eventuell doch noch nach Hause kommen würde und er in der Nacht in sein Haus kommen könnte. Und dies über 40 Jahre. Es ist anzunehmen, daß es mit der Zeit für diese Frau natürlich ein Stück Gewohnheit wurde, es hängt jedoch sicher auch mit "nicht loslassen können" zusammen.

Ich reise gerne in verschiedenste Länder dieser Erde. Einer meiner ersten Gänge in einem fremden Land ist meistens der Gang auf einen Friedhof. Denn, gerade bei der Totenkultur kann man am besten erkennen, welche Lebensphilosophie in einem Volk lebt. Am Verrücktesten im wahrsten Sinne des Wortes erschien mir ein Hundefriedhof in den USA. Marmor und Gold waren hier im Mittelpunkt. Eine Verurteilung der ehemaligen HundebesitzerInnen steht uns nicht an, es soll einfach zum Nachdenken anregen.

Den Tod, das Sterben, dieser endgültige Schritt aus dieser Welt zu verdrängen, bedeutet oft, daß diese Menschen bei einem konkreten Fall in eine große Krise geraten, in eine Hilflosigkeit, wo es heißt, daß die Umgebung diese Person stützen und stärken muß. Wegschauen und alleinlassen ist leider zumeist die Antwort, anstatt die Ansprache, die wohlwollende Unterstützung. Loslassen (können) ist eine Tugend, die nicht leicht ist.

Franz Abbrederis

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