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Das Gespräch

"Ausländer in fremden Ländern"

mit Dr. Lale Akgün

  Normalerweise bringen wir hier immer ein Gespräch mit einer Fachperson aus den Reihen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Institut für Sozialdienste. In dieser Ausgabe möchte wir dies einmal anders machen. Die Leiterin der IfS-Beratungsstelle Hohenems, Dr. Ruth Rüdisser sprach mit Frau Dr. Lale Akgün aus Deutschland anläßlich ihres Besuches beim Institut für Sozialdienste. Dr. Akgün ist Türkin und von Beruf Familientherapeutin. Ihr Hauptgebiet ist sicherlich die Frage der Migration, also der Völkerwanderung, die Probleme von Ausländern in fremden Ländern, etc.   akguen picture  

Was war Ihre Motivation, nach Vorarlberg zu kommen?

Im Rahmen meiner Arbeit bin ich immer wieder gerne mit Frauen zusammen, die in der Migration leben. Und hier gibt es viele Betroffene.

Ist dies eine Situation, die Sie auch leben?

So gesehen ja, ich bin ja auch mit 9 Jahren nach Deutschland gekommen, ich lebe jetzt in Deutschland und kenne die Situation aus eigener Betroffenheit und kann nachvollziehen, was es heißt, wenn man so einen Punkt in der Biographie hat, wo man das Vertraute verlassen muß und um wo anders hin weiterzugehen.

Sie verstehen wahrscheinlich auch die Schwierigkeiten besser, als eine Psychologin, die Österreicherin oder Deutsche ist?

Ich weiß es nicht. Ich denke mein Vorteil ist die Muttersprache, ich bin immer der Überzeugung gewesen, daß Fachlichkeit gelernt werden kann, also Umgang mit Menschen, mit Lebenskrisen kann eigentlich jede Kollegin von mir auch mit Migranten durcharbeiten. Mein Vorteil ist, daß es auch meine Muttersprache ist und dadurch kann das ganze viel differenzierter ablaufen, vielleicht auch heimeliger, in der Geschütztheit der Muttersprache, während, wenn es auf Deutsch ist, ich mir überlegen müßte, wie ich die Sätze formuliere, daß die Frauen es auch verstehen, daß nicht etwas verlorengeht. Ich würde einfache Worte wählen, es würde so die, ja die Wärme des Ganzen fehlen und so kann ich es mir erlauben, so zu reden, wie ich meine, daß es bei den Frauen gut ankommt und hab die Gewißheit, daß Sie auch erzählen. Denn die wenigsten können auf Deutsch erzählen, sondern Sie reden zwar Deutsch, aber nur das Nötigste. Das ist daß, was den Abend für uns einfacher macht. Natürlich ist es auch so, daß muttersprachliche Therapeutinnen oder Psychologinnen schon einen Heimvorteil haben, daß sie als jemand gesehen werden, der weiß, wie es zu Hause zugeht. In der Heimat und auch in der Familie zugeht und daß die Schwelle geringer ist, über die wir gehen müssen.

Sind die Probleme der Frauen in einem anderen Kulturkreis ähnlich?

Ich denke, daß Frauen sehr viel ähnliche Probleme haben, ich denke da nur an die Doppelbelastung als Mutter und berufstätige Frau, die Rolle der Frau, in allen Gesellschaften, daß sie sich ihre Position erkämpfen muß, daß sie immer noch in vielen Positionen schlechter bezahlt wird oder daß sie sich ihre Gleichstellung erkämpfen muß. Wozu gibt es sonst Gleichstellungs-Stellen?

Wenn die Frau gleichgestellt wäre, bräuchten wir heute nicht um die Gleichstellung zu kämpfen. Wenn man ehrlich ist, muß man sehen, daß eigentlich in allen Kulturen im Moment, bis auf ganz wenige Ausnahmen und die sind in der Südsee bei den Naturvölkern, wir immer noch in patriarchalischen Gesellschaftsformen leben, sozusagen die Frauen immer noch an zweiter Stelle kommen. Wichtig ist es, diese Frauen auch zusammenzubringen, aus verschiedenen Kulturkreisen, daß sie merken, daß sie in der Solidarität viel mehr Lösungen finden können als gegeneinander oder jede für sich. Frauen müßten viel mehr zusammen etwas machen, sie müssen auch drauf schauen, daß sie nicht von den Männern gegeneinander ausgespielt werden.

Ich glaube, eine Barriere, die einfach da ist, ist die Sprache?

Ja, das ist richtig. Es wird besser. Die Zahl der Frauen, die Deutsch beherrschen und sprechen und auch den Mut haben, beim Nachbarn anzuklopfen - das ist ein Frage des Überwindens - eine Beschränktheit der eigenen Kultur. Man kann sich auf vielerlei Weise verständigen und manchmal ist es eben so, daß am Anfang mit weniger Worten gesprochen wird, sondern mit mehr Gesten oder mit anderen Dingen. Ich denke man sollte sich auch da nicht hinter dieser Sprachbarriere verstecken, sagen: [base "]Wir können einander eh nicht verstehen", sondern man kann einander gut verstehen und man sollte es auch versuchen. Der Versuch auch mit wenig Sprachkenntnissen Kontakt aufzunehmen, der lohnt sich - für beide Seiten.

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