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Zusammenhänge und Wechselbeziehungen zwischen Arbeitslosigkeit und Ver- bzw. Überschuldung

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Peter Kopf
Arbeitslosigkeit und Verschuldung, die großen sozioökologischen Probleme dieser Zeit stehen in intensiver Wechselbeziehung zueinander. Viele unsere KlientInnen sind arbeitslos oder waren in letzter Zeit von Arbeitslosigkeit betroffen. Aber auch Menschen, die jahrelang in geordneten finanziellen Verhältnissen lebten, können sich die Rückzahlung ihrer Schulden nicht mehr leisten, wenn sie den Arbeitsplatz verlieren.

Wer arbeitslos wird, gerät wegen der damit verbundenen Einkommenseinbuße leicht in finanzielle Engpässe, etwa dergestalt, daß Erspartes aufgebraucht wird, für Dinge des täglichen Bedarfs ein Kredit aufgenommen werden muß oder gar bereits eingegangene Verpflichtungen nicht mehr vertragsgemäß bedient werden können.

Ver- bzw. Überschuldung ist zwar nicht etwa eine zwangsläufige Begleiterscheinung von Arbeitslosigkeit - mindestens eben so sehr sind erwerbstätige Personen betroffen - dennoch sind die Risiken für Arbeitslose im Hinblick auf eine Existenzbedrohung besonders hoch. Dies gilt vor allem für die sogenannten Langzeitarbeitslosen, die schon längere Zeit mit geringen Einkommen haushalten mußten und bei denen sich die ökonomischen Defizite akkumuliert haben.

Neben den Fällen, in denen Arbeitslosigkeit Ursache oder Auslöser der Verschuldung war, oder die Verschuldungsentwicklung verstärkt hat, sind auch die Situationen nicht selten, in denen Ver- bzw. Überschuldung zur Arbeitslosigkeit geführt haben. Der klassische Fall der Entlassung wegen vorliegender Lohnpfändung ist dabei die häufigere bei weitem aber nicht einzige Variante.

Ersparnisse werden aufgebraucht

Einkommenseinbußen haben im allergünstigsten Fall die Folge, daß eine ggf. bisher mögliche Sparquote reduziert werden muß oder völlig entfällt. Häufiger ist jedoch, daß gewisse Einschränkungen in den persönlichen Ausgaben erfolgen, vorgesehene Anschaffungen zurückgestellt und Ersparnisse ganz oder teilweise aufgebraucht werden. Wenn solche Auffangmöglichkeiten, mit denen die Folgen von Arbeitslosigkeit noch relativ sanft abgefedert werden können, nicht mehr zur Verfügung stehen, kommt es zu "härteren" Auswirkungen.

Natürlich bedeutet Arbeitslosigkeit nicht nur wirtschaftlichen Abstieg, sondern eine insgesamt soziale Degradierung mit vielfältigen psychosozialen Folgen, wobei die Kompensationsmöglichkeiten z.B. über den Konsum ("Man gönnt sich ja sonst nichts....") mangelhaft sind. Arbeitslose können sich nicht nur "sonst nichts gönnen", auch in dem durch diesen Werbeslogan legitimierten Ausnahmefall, in dem man sich dann doch mal was gönnt, müssen Arbeitslose enthaltsam bleiben, wenn sie ihre Finanzen im Griff behalten wollen.

Viele Arbeitslose sind auf Sozialhilfe angewiesen

Wie erheblich die Einkommenseinbuße durch Arbeitslosigkeit sein kann, wird daran deutlich, daß nicht wenige Arbeitslose im Laufe ihrer Arbeitslosigkeit auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Zeitspanne der Arbeitslosigkeit. Sowie sich überdurchschnittlich hohes Einkommen im Wohlstand subsumiert, subsumieren sich auf der anderen Seite auch die Defizite, wenn die Einkommenseinbuße über längere Zeit fortbesteht.

Was heißt Überschuldung?

Daß Arbeitslosigkeit die Überschuldung generell fördert ist in diesem Zusammenhang kaum verwunderlich. In der Zwischenzeit hat sich eine "allgemein gültige" Definition von "Überschuldung" herausgebildet. So können Personen oder Haushalte als überschuldet bezeichnet werden, die bei einem Selbstbehalt für die laufenden Lebenshaltungskosten, wie Ernährung, Kleidung, Wohnung, soziale und kulturelle Bedürfnisse, nicht mehr in der Lage sind, eingegangene Schuldverpflichtungen zu erfüllen. Indikatoren für Überschuldung können in diesem Zusammenhang z.B. Mahnungen, Pfändungen oder Rückstände in der Bezahlung laufender Lebenshaltungskosten, wie Miete, Energie u.ä. sein.

Eine Einkommensreduzierung, wie sie die Arbeitslosigkeit in der Regel mit sich bringt, birgt gerade bei vorher eingegangenen Schuldverpflichtungen ein erhebliches Risiko, die bestehende Verschuldung in eine Überschuldung "umkippen" zu lassen. Dieses Risiko steigt, je länger das geringere Einkommen bezogen wird und je tiefer das Einkommensniveau z.B. durch den späteren Bezug der geringeren Notstandshilfe gesunken ist.

Immer mehr Arbeitslose bei IfS-Schuldenberatung

Ein Hinweis auf diesen Zusammenhang zeigt sich auch darin, in welchem Umfang Arbeitslose unter den Klienten der IfS-Schuldenberatung in der Vergangenheit vertreten waren.

Lag zu Beginn der IfS-Schuldenberatung der Anteil der arbeitslosen Klienten zwischen 5 und 10 % und damit etwas 2 - 3 x so hoch wie die seinerzeitige Arbeitslosenquote, so hat sich dieses Bild inzwischen drastisch gewandelt.

Die Arbeitslosenquote der IfS-Schuldenberatungsklienten hat sich in den vergangenen Jahren bei ca. 25 - 30 % eingependelt und beträgt damit etwas das Vierfache der Arbeitslosenquote in Vorarlberg. Damit liegen wir im vergleichbaren österreichischen Trend. Auch ein Blick über die Grenzen zur Schuldenberatung in Bayern zeigt ähnliches. So weist der Jahresbericht für das vergangene Jahr 28 % arbeitslose Klienten bayernweit aus.

Bei der Frage nach dem "Auslöser" der Überschuldung befindet sich die Arbeitslosigkeit in der Liste der möglichen Verschuldungsauslöser im Spitzenfeld: in 250 der in der Schuldenberatungsstelle anhängigen Beratungsfälle des vergangenen Jahres wird die Arbeitslosigkeit als auslösende Ursache der Überschuldung angegeben. Geht man davon aus, daß sich unter dem Punkt "Verringerung des Einkommens" (ca. 330 Nennungen) noch eine zusätzliche "Dunkelziffer" dieses Bereiches verbirgt, so nimmt die Addition beider "Varianten" den unangefochtenen Spitzenplatz ein.

Lohnpfändungen, die durchaus als Indikator für Überschuldung anzusehen sind, lösen gerade für mittlere und kleine Arbeitgeber einen Arbeitsaufwand aus, der auch wegen der schwierigen Materie auf Ablehnung stößt.

Kündigungen wegen vorliegender Lohnpfändung sind nach der Erfahrung aus der Praxis der Schuldenberatung nicht selten, sie lassen sich jedoch nicht quantifizieren, weil eine Kündigung konkret aus diesem Grund unzulässig ist und insofern offiziell ein anderer Grund vorgeschoben wird.

Zusammenarbeit IfS-AMS

Um der o.g. recht komplexen und ihren meist recht dramatischen Auswirkungen jeweils nur angerissenen Gesamtsituation mit konkreten Handlungsweisen zu begegnen, wurde im letzten Jahr eine intensive Zusammenarbeit seitens der IfS-Schuldenberatung mit dem Arbe itsmarktservice (AMS) Bregenz begonnen. So werden von dort - nach Rücksprache mit den Klienten - überschuldete Arbeitsuchende an die IfS-Schuldenberatung vermittelt. In regelmäßigen Kontakten zwischen AMS und Schuldenberatung wird über die nötigen und geplanten Schritte, die zu einer langfristigen Entschuldung führen sollen, informiert. Durch dieses Modell gelingt ein enger und zielgerichteter Informationsaustausch, um den betroffenen Klienten von beiden Seiten möglichst effizient und umgehend zu helfen.

Peter Kopf ist Leiter der IfS-Schuldenberatung

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