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Mann bleibt Mann?
oder: Wenn Männer in Beratung kommen
Viel wurde schon über den "neuen" Mann gesprochen, geschrieben,
gesungen; so als ob er eine seltene Spezies sei, die aufzuspüren
als besonderer Glücksfall gilt.
Was kann er denn alles, der "neue" Mann:
Er hat einen guten Zugang zu seinen Gefühlen.
Er redet mit seiner Frau/Partnerin.
Er ist ein Vater, der sich viel Zeit für seine Kinder nimmt.
Er praktiziert eine partnerschaftliche Arbeitsteilung im Haushalt.
Er stellt den Beruf nicht über alles.
Er kann zärtlich und trotzdem potent sein.
Er ist kein Macho, aber auch kein Softie;
kurz: ein Traummann.
Ist er als neuer Superman nur ein Wunschbild, ein Traum-Mann,
oder könnte "unser" Mann auch in der nüchternen Alltagsrealität
so sein? Immerhin lastet da, trotz allen Medienrummels, ein enormer
Druck auf den Männern mit der Gefahr, einem neuen Leistungs- und
Männlichkeitsideal nachzustreben, nachdem vielleicht das "alte"
nicht mehr so viel taugt.
Wie schaut dies nun im Beratungsalltag eines Psychologen und Therapeuten
aus, der viel mit Männern arbeitet?
- Männer, die an die Beratungsstelle kommen, beschäftigen vorerst
ganz andere Themen:
- die Ehe/Beziehung, die am Auseinanderbrechen ist;
- der Sex, der nicht mehr so gut klappt wie früher;
- die Frau/Partnerin, die sich "emanzipiert" und ganz andere Seiten
zeigt;
- die neue Situation nach einer Scheidung, mit der man nicht zurecht
kommt;
- unerwartete Schicksalsschläge, welche einen aus der Bahn zu werfen
drohen.
Immer noch ist das Verhältnis von Männern und Frauen, welche professionelle
Hilfe in Anspruch nehmen; 1:3.
Erstaunlicherweise ist es in der Kinder-und Jugendberatung gerade
umgekehrt. Hier sind die Buben in der Überzahl: Heißt das, die
Buben hätten mehr Schwierigkeiten als die Mädchen? Und später
als Männer: Haben sie dann alle Probleme gelöst? Ein Blick an
eine Suchtberatungsstelle, z.B. der Caritas, zeigt allerdings
ein anderes Bild: Hier sind es wieder 70 % Männer, welche Hilfe
in Anspruch nehmen.
Woher kommen diese Unterschiede? Aus langjähriger Beobachtung
fallen mir zwei Tatsachen auf:
- Männer kommen oft erst viel später zu einer Beratung als Frauen;
D.h. sie warten länger, bis unter Umständen der Schaden schon
sehr groß ist.
- Männer brauchen mehr äußeren Druck, z.B. Arbeitslosigkeit, drohende
Scheidung, berufsgefährdende Krankheit, Alkohol etc.
Dies kann unterschiedliche Ursachen haben:
Das traditionelle Männerbild erlaubt es nicht, Hilfe, vor allem
psychische Hilfe, anzunehmen: "Das kann ich doch selber lösen".
In diesem Verständnis ist es auch eine Schande, ein Zeichen von
Schwäche, sich eingestehen zu müssen, nicht mehr weiter zu wissen:
"Was geht das einen Fremden an". Vielfach haben Männer, eingeklemmt
in Leistungs- und Arbeitsdruck, nicht gelernt auf Körper und Seele
zu achten, sondern vielmehr, Raubbau mit ihnen zu treiben. Der
soziale Druck (zunehmende Arbeitsverknappung) spielt eine weitere,
große Rolle.
Männer erwarten oft, wenn sie zum ersten Mal in Beratung kommen
allein oder als Paar daß ihnen ihre "Fehler" vorgehalten würden.
Sie erwarten ein schnelles "Untersuchung Diagnose Medikament"
Schema, etwa wie beim Arzt, während eine Therapie oder Beratung
sich allein schon durch die Dauer unterscheidet, und schnelle
Lösungen der Probleme meist nicht die Regel sind. Hier findet
dann auch ein Umdenken statt: Die Frage ist dann oft nicht mehr:
Wie kann ich noch mehr aushalten? sondern: Was gibt es bei mir
immer noch zu entdecken? Und hier können die zu Beginn aufgezählten
Schlagzeilen des "neuen" Mannes in Form von Entwicklungsprozessen
wieder wirksam werden. Dann nämlich kann ein Mann sich auf seelische
Abenteuer- und Entdeckungsfahrt machen und er wird Dinge und Eigenschaften
finden, die alle mit seinem Mann-sein vereinbar sind.
Dr. Peter Lissy
IfS-Beratungsstelle Feldkirch
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