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XY oder "Werde ein Mann!"

Angelehnt an die griechische Tragödie des "König Ödipus" von Sophokles beschrieb Sigmund Freud vor etwa 100 Jahren die psychosexuelle Entwicklung von Jungen. Ödipus tötete seinen Vater Laios und schlief mit seiner Mutter Jokaste. Die Familie hatte sich aus den Augen verloren, Ödipus erkannte weder seinen Vater, als er ihn tötete, noch seine Mutter im Bett. In dem psycho-dynamischen Prozeß, den Freud "Ödipus-Komplex" nannte, löst sich der Bub aus der engen Beziehung zu seiner Mutter. Er muß erkennen, daß es einen (anderen) Mann gibt, der seine Mutter begehrt, und daß es gegen diesen Mann, seinen Vater, kein Ankommen gibt. Diese Erfahrung löst vielfältige Gefühle beim Jungen aus: Zorn, Wut, Schuld, Todeswünsche, Ohnmacht. Freud beschreibt diese Erfahrung des Jungen als Kastrationserfahrung. Über einen Prozeß, der als Identifikation mit dem Aggressor, dem Vater, beschrieben werden kann, identifiziert sich der Junge mit dem Vater, entwickelt männliche Identität und richtet sein Begehren auf andere Personen. Das Drama des Ödipus spielt im Kindergartenalter.

Was ist's denn ­ Junge oder Mädchen?

Das ist die erste Frage, die nach einer Geburt gestellt wird. Oder ­ Ultraschall macht's möglich ­ schon vor der Geburt: "Was wird's denn werden?". Eltern können sich bereits wenige Wochen nach der Zeugung auf das Geschlecht ihres Kindes einstellen. "Das ist uns nicht so wichtig", habe ich schon zu hören bekommen, "aber es ist ein Bub" oder eben "aber es ist ein Mädchen". Die wirklich wichtigen Informationen, die kommen oft nach dem "aber".

Erziehungsverhalten, so kann ohne Zweifel angenommen werden, wirkt sich im Sinne von verstärkenden Reaktionen auf Kinder aus. Allerdings darf man nicht annehmen, daß das immer bewußt geschieht. So wurden nämlich in vielen Untersuchungen zur Erziehungshaltung von Eltern erstaunlich wenige Unterschiede gefunden. Das kann als Hinweis gesehen werden, daß es Eltern gar nicht so sehr auf diese geschlechtstypische Erziehung anlegen. Sogar Untersuchungen, die nicht auf Befragung, sondern auf Beobachtung von Eltern basieren, zeigten wenig Unterschiede.

Was bischt denn du für an Buab?

Mädchen und Jungen bekommen verschiedene, das Geschlecht kennzeichnende Namen. Sie werden gekleidet und frisiert, daß schon vor der Pubertät auf den ersten Blick klar ist, welches Geschlecht das Kind hat. Kinder treffen schon im Alter von 2, 3 Jahren hochgradig geschlechtstypische Spielzeugwahlen. Mädchen spielen in diesem Alter zu einem größeren Prozentsatz mit "Jungenspielzeug", während Buben schon mit 3 Jahren "Mädchenspielzeug" überwiegend ablehnen und sich diese Ablehnung mit zunehmendem Alter noch verstärkt.

Auf Buben wird besonderer Druck ausgeübt. Es wird von Eltern als "unnatürlich" empfunden, wenn ein Junge sich wie ein Mädchen benimmt. Besonders die Väter haben hier starke Vorurteile und bekommen es mit der Angst zu tun. Die männliche Rolle ist gesellschaftlich höher bewertet als die weibliche. Jungenhaftes Verhalten von Mädchen kann auf diesem Hintergrund als "Aufstieg" bewertet werden, während der umgekehrte Fall als "Abstieg" gesehen werden kann. Eltern kontrollieren das Verhalten ihrer Söhne nicht nur direkt, sondern geben auch Vorbilder ab, wie man sich in verschiedenen Lebenssituationen verhält. Und die Erwachsenen verhalten sich in diesen Situationen geschlechtspezifisch. Dieses Lernen am Modell erfolgt aber nicht mechanisch, sondern selektiv und richtet sich auch nach Peer-Modellen und nach älteren Kindern. Ab dem Alter von 2 bis 3 Jahren haben Burschen erfaßt, daß sie Jungen sind und daß das auch so bleiben wird. An diesem Punkt setzt ein Prozeß der Selbstsozialisation an. Jungen suchen von nun an aktiv Situationen, die sich ihnen als männlich anbieten. Erwachsene brauchen also gar nicht mehr so stark einzugreifen, weil der Junge auch das Bedürfnis hat, sich mit den in seiner Umwelt wahrgenommenen Kategorien von "Männlichkeit" in Einklang zu bringen.

Erziehung ist Frauensache

Erziehung durch die Eltern, im Kindergarten und in der Schule ist Frauensache zum überwiegenden Teil. Buben haben damit geringere Möglichkeit als Mädchen, Männlichkeit innerhalb einer körperlichen und emotionalen Beziehung, in der Chancen und Grenzen von Männern direkt erlebbar sind, zu entwickeln. Männlichkeit bleibt ein körper- und emotionsloses, abstraktes Ideal. Und zu allem Überdruß müssen Jungen diese Ideal auch noch gegen die körperliche und emotionale Präsenz des Weiblichen erreichen.

Sexuelle Schimpfwörter

Diese Männlichkeit ist ein wackeliges Gebäude, das permanent vom Einsturz bedroht ist. "Mann" ist ein Titel, schreibt B. Zilbergeld, der nur auf Zeit verliehen wird, Männlichkeit kann also sofort aberkannt werden. Das gilt auch für Jungen. Die Versuche eines Jungen, seine geschlechtliche Identität zu finden, beschreibt C. Hagemann-White als die "Vermittlung der Männlichkeit durch doppelte Negation". Ein Junge muß sich von der Mutter abgrenzen, um Männlichkeit zu entwickeln: "Diese ihm am nächsten stehende Erwachsene ist das, was er nicht sein darf, um ein Mann zu werden. So wird sein Geschlecht als Nicht-nicht-Mann bestimmt."3 Jungen lernen sehr früh, diese Unsicherheiten abzuwehren und zu verleugnen. Verdeckt kommen sie doch manchmal zutage, wie zum Beispiel in einer Liste von Schimpfwörtern, die in einer Spieltherapie-Gruppe mit einigen 8jährigen Jungen entstand. Auffallend ist, wie stark sexuell gefärbt diese Schimpfwörter sind. Bloß ein richtiger Mann sein!

Quellen:
Zilbergeld B., Männliche Sexualität, Tübingen 193
Hagemann-White C.: Weiblich-männlich, Opladen 1984

Dieser Artikel ist die gekürzte Version eines Referates, das Mag. Michael Hollenstein (IfS-Feldkirch) in einem Seminar für Kindergärtnerinnen, "mann spielt Mann", gehalten hat.

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