Infokl picture


Anzeigen,
Schweigen oder ...?

von Dr. Stefan Allgäuer
Geschäftsführer des Institut für Sozialdienste

  In den vergangenen Wochen ist das Thema "Anzeige" bei schwerwiegenden Taten ­ wie sexuellem Mißbrauch/sexueller Ausbeutung ­ aktualisiert und kontroversiell diskutiert worden. In unserer Arbeit im IfS betrifft und beschäftigt uns dieses Thema schon lange und alle in der beratenden und therapeutischen Arbeit Tätigen lernen genau und intensiv, wie sie sich in solchen Situationen verhalten müssen und dürfen.
Wenn wir nur 10 ­ 20 Jahre zurückblicken, dann waren die "Psycho-Berufe" mit die ersten, die darauf hinwiesen, daß sex. Mißbrauch kein Kavaliersdelikt ist, daß sexuelle Grenzverletzungen massive Auswirkungen auf die Persönlichkeit und Gesundheit von Menschen mit langwierigen psychischen Folgen haben können und daß ­ als ein Teil der Aufarbeitung ­ das Brechen des Schweigens, die Ahndung der Taten und damit die gesellschaftliche Sanktionierung ein wichtiger Bestandteil dieser Aufarbeitung und somit Voraussetzung für die Gesundung ist.

Ein wesentlicher Bestandteil einer Aufarbeitung ist die persönliche Verarbeitung der gemachten Erfahrungen, das Durcharbeiten der traumatischen Erlebnisse und deren Folgen sowie deren Integration in das eigene Lebenskonzept. Dies kann z.B. in einer Psychotherapie geschehen. Weiters war es notwendig, die Systeme im Zusammenhang mit der Entstehung und der Bewältigung von sexueller Ausbeutung zu sensibilisieren, weiter zu entwickeln und zu koordinieren: So war es uns schon vor über 10 Jahren ein großes Anliegen, alle an der Aufdeckung und Ahndung von sexueller Ausbeutung Beteiligten aus dem Bereich der Justiz und der Gendarmerie, aus den Jugendämtern und den sozialen Einrichtungen an einen Tisch zu bringen und gemeinsam zu klären, wer welche Rolle in solchen Fällen übernehmen kann und soll, was es dazu braucht, daß jeder seine Rolle gut wahrnehmen kann und wie die verschiedenen Aufgaben koordiniert werden. Hier ist viel passiert (Helferkonferenzen, Kontakte, Sitzungen, Plattformen, Veranstaltungen usw.), und es hat sich in den vergangenen Jahren viel verbessert.

Eine Erfahrung in der Arbeit mit Mißbrauchs-Opfern, deren Täter aus dem näheren Bekanntenkreis kommen, haben wir immer wieder gemacht: Es besteht eine starke Gefühls-Ambivalenz gegenüber dem Täter: sowohl Verletzung, Ablehnung, Haß als auch Liebe und der Wunsch nach einer guten Beziehung. Das zwingt uns, uns in unserer Arbeit auch mit den Tätern zu beschäftigen. Viele Mißbrauchsopfer wollen nicht, daß der Täter "aus ihrem Leben verschwindet", sondern sie wollen Schutz: "es soll aufhören oder nicht mehr passieren" und Klärung, das Eingeständnis von Schuld, die Übernahme der Verantwortung des Täters für die Tat, vielleicht sogar ein: "es tut mir leid", und eventuell eine Wiedergutmachung. Damit dies gelingen kann, braucht es jedoch sehr viel Veränderungsbereitschaft beim Täter und eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Person und Geschichte. In diesem Bereich gilt es ­ gerade im Sinne der Opfer ­ noch viel zu tun. Mißbrauch war noch vor wenigen Jahren auch öffentlich kein Thema. Mit einer Vielzahl von Informations- und Fortbildungsveranstaltungen in Schulen, bei MitarbeiterInnen in sozialen und pädagogischen Berufen, bei der Gendarmerie, Elternvereinen u.v.m sowie mit einer Ausstellung "Kein sicherer Ort im Jahr 1995, Veröffentlichungen und Medieninformationen haben wir im IfS qualifiziert und konsequent versucht, viele Menschen für diese Problematik zu sensibilisieren und damit präventiv Mißbrauch zu verhindern und Mißbrauchsopfer zu unterstützen, gerade auch darin, das Tabu zu brechen und über ihre Erfahrungen zu reden.

Trotzdem: Die Frage nach der Anzeige bleibt. Sie ist jedoch qualifiziert nur am Einzelfall zu klären. Wenn Sie bedenken, daß ca. 90% der sexuellen Übergriffe im engeren und weiteren familiären Umfeld vorkommen, dann wird verständlich, daß niemand gerne und schnell seinen Vater, Mann, Onkel oder Lebensgefährten der Mutter usw. anzeigen möchte. Die Betroffenen haben oft Angst, aus der Familie ausgeschlossen zu werden. Leider zeigt sich immer wieder, daß diese Angst auch berechtigt ist und die Opfer aus der Familie herausgenommen werden, die Täter aber drinnen bleiben. Oft auch bricht eine Familie in der Folge auseinander und gerade die Kinder leiden unter den Folgen. Wenn Sie bedenken, daß das Gefühl, mißbraucht worden zu sein etwas anderes ist als der juristische Tatbestand des Mißbrauchs , der nachgewiesen und geahndet werden kann: Beratung heißt auch zu differenzieren, was subjektiv erlebt (das ist die Realität des/r KlientIn) und was objektiv nachweisbar und damit juristisch zu verfolgen ist. Wenn Sie bedenken, daß (1997) von rund 700 angezeigten Sexualdelikten knapp 200 juristisch im Verfahren mit einem Schuldspruch enden: Dafür gibt es viele Gründe. Aber es macht klar, daß die Reaktion ­ schnell zur Anzeige ­ nicht die einzige sein kann. Wenn es nach der schweren Entscheidung zur Anzeige zu einer Einstellung des Verfahrens oder zu einem Freispruch ­ mangels an Beweisen ­ kommt, ist es für die Betroffenen sehr schwer zu ertragen.

Wenn Klienten zu uns in die Beratung kommen, kommen sie in der Regel nicht zur oder wegen einer Anzeige ­ dies könnten sie ja direkt tun. Häufig kommen sie mit Symptomen, die ­ bewußt oder oft unbewußt ­ Folgen von sexueller Ausbeutung sind. Im Fall von Kindern sind dies zudem meist Symptome, die von anderen (Eltern, Lehrern usw.) wahrgenommen und als Problem beschrieben werden. Der Prozeß des Zulassens, des darüber Redens, des Wahrnehmens und der Verarbeitung braucht Zeit und behutsame Arbeit. Natürlich ist während dieser Aufarbeitungszeit das Thema "Schweigen brechen" auch immer ein zentrales Thema . Gegenüber anderen involvierten Personen (warum hat z.B. meine Mutter nur weggeschaut?), Geschwistern usw. genauso wie gegenüber der Justiz. Eine Anzeige heißt für das Opfer, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten mit Berichten in den Medien und oft auch ins Unverständnis der Um-welt, die manchmal neugierig und unsensibel reagiert. Scham- und Schuldgefühle gehören zu diesem Thema und müssen berücksichtigt werden.

In unserer Arbeit sind wir primär unseren KlientInnen (meist dem Opfer) verpflichtet. Wir können und wollen nur so weit gehen, wie die Klientin selber gehen kann und will und sie oder ihn auf diesem Weg behutsam begleiten. Unser Risiko ist, daß aus dem Blick danach (nach ein paar Monaten oder Jahren) vieles anders ausschaut. Aber unsere Verpflichtung gegenüber unseren KlientInnen ist es, alles daran zu setzen, daß unsere KlientInnen nicht noch einmal von den Helfersystemen oder der Öffentlichkeit mißbraucht werden.

Anzeigen ist kein Gegensatz zur Behandlung. Ganz im Gegenteil. Die Behandlung und damit der Umgang mit den persönlichen Folgen und Auswirkungen der sexuellen Ausbeutung braucht ein behutsames, aber konsequentes Vorgehen, viel Unterstützung für das Opfer, das Durchstehen von Rückschlägen und dann das Verlassen des Opfer-Status. Und dies ist Voraussetzung dafür, daß die Betroffenen auch eine Anzeige und deren weitere Abläufe, die Vernehmungen und die Veröffentlichung intimer Details und die Verhandlung bewußt durchstehen und als Teil der eigenen Verarbeitung erleben und bewältigen können. Und nicht jede Betroffene sieht diesen Weg als ihren ureigensten Weg an. Das müssen wir respektieren.

Vor nicht einmal 20 Jahren ­ als Mißbrauch noch kein öffentliches Thema war ­ wurde dem IfS bei diesem Thema vorgeworfen, daß wir zu schnell und parteiisch (für die Opfer) arbeiten. Heute wird (vor)schnell das Gegenteil behauptet. Wenn man jedoch das Maß an den betroffenen Menschen nimmt, an dem, was diese brauchen und suchen, dann muß das Tempo und die Vorgangsweise jeweils individuell sein und darf sich nicht an der gerade aktuellen veröffentlichen Meinung orientieren. Dafür stehen wir mit unserer Arbeit.