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Das Gespräch

"... aber Eltern bleiben wir!"

mit Dr. Hubert Löffler

Dr. Hubert Löffler, geboren in
Klaffer in OÖ, Jahrgang 1950,
wohnhaft in Feldkirch,
Vater von 2 Kindern
Klinischer Psychologe und
Psychotherapeut,
seit 1983 beim IfS
beschäftigt, seit 3 Jahren
Geschäftsführer der
IfS-Familienarbeit
gemeinnützige GmbH
A-6800 Feldkirch,
Schießstätte 14
Tel. 05522/39566
E-mail: ifs.fa.18@magnet.at

 


Fact-Box

Persönliche Stichworte:

Essen ­ tu ich sehr gern, aber nicht allzuviel

Arbeit ­ es ist schön wenn sie das Hobby sein kann

Politik ­ extrem wichtig, leider sehr kompliziert

Feldkirch ­ ein kleines, nette Städtchen

Trinken ­ kommen mir als erstes Klienten, die zu viel trinken, in den Sinn

Urlaub ­ kommt gewiß

Urlaubsort ­ Städtereisen mit Kultur und Freizeit

Was würden Sie Ihren Kindern wünschen? ­ gute Partnerschaft, zufriedenstellende Arbeit und eine Welt, die noch lebenswert ist

Herr Löffler, in Vorarlberg trennen sich immer mehr Partnerinnen und Partner. Nicht nur in Vorarlberg, sondern auch weltweit ­ warum glauben Sie, daß dieser Trend immer stärker wird?

Hier muß man fast ein bißchen weiter ausholen. Sie haben ja schon gesagt, weltweit trennen sich immer mehr Leute. Es ist einfach so, daß die Welt zusammenwächst, es leben immer mehr Menschen auf der Welt, die Kommunikation wird intensiver zwischen den Menschen und d. h. auch, daß sich verschiedene Kulturen und verschiedene Wertvorstellungen aneinander anpassen. Wenn das so ist, dann muß man seine eigenen, auch moralischen Vorstellungen zum Teil revidieren, anpassen und flexibler gestalten. Es ist eigentlich eine Form der Flexibilisierung der Lebensformen in Gang. Und so glaube ich, in diesem größeren Trend liegt auch die verstärkte Scheidungs- und Trennungsrate.

Wenn wir hier an die betroffenen Eltern denken, ist es eher lösbar. Schwieriger wird es aus meiner Sicht, wenn es auch um betroffene Kinder geht. Wie sehen Sie hier die Problematik?

Es ist nicht nur für die Kinder, sondern zum Teil auch für die Eltern schwierig, sich zu trennen. Ich würde hier gar nicht so groß unterscheiden zwischen Erwachsenen und Kindern. Für viele ist die Scheidung, obwohl sie heute leichter über die Bühne geht, ein ganz tiefes, fast traumatisches Erlebnis, auch im Erwachsenenalter. Man ist zusammengewachsen, hat sich aufeinander eingestellt und dann stellt sich heraus, daß es nicht funktioniert und nicht geht. Dies kann für beide Partner eine sehr schwierige Entscheidung sein, speziell aber für den Partner, der die Trennung nicht wollte.

Stichwort "traumatisches Erlebnis" ­ hier gibt es ja zwei verschiedene Thesen. Wenn man mit Fachleuten darüber diskutiert, gibt es Personen, die behaupten, eine Trennung der Eltern betrifft das Kind nicht wesentlich, also es beeinflußt ihr Leben nicht wesentlich, andere Fachleute behaupten das Gegenteil. Was sagen Sie dazu?

Also hier kann ich sicher keine Entscheidung fällen. Von der Praxis her kann ich sagen, daß es in den meisten Fällen für die Kinder eine sehr schwierige Zeit ist, wenn die Eltern sich trennen; es hängt sehr stark davon ab, wie die Situation vorher gewesen ist und es hängt davon ab, wie die Scheidung vor sich geht. Werden die Kinder z.B. auch aus der Umgebung herausgerissen, in der sie leben. Es ist z.B. ein Vorteil, um so einen Trennungsstreß durchleben zu können, wenn die Kinder in der gleichen Umgebung bleiben können. Die Trennung wird für manche Kinder sicher eine sehr schwierige und nachhaltige Erfahrung sein, für andere mag dies nicht so drastisch sein.

Mehrere Studien wollen beweisen, daß Kinder von getrennten Eltern sich eher wieder trennen als Kinder von zeitlebens beieinander bleibenden Eltern. Glauben Sie diesen Studien und worauf könnten Sie diese Tendenz zurückführen?

Ich glaube diesen Studien schon, nur ist es so, daß schon Studien gemacht wurden, die zeigen, daß dort, wo vermehrt Störche in einer Gegend leben, auch vermehrt Kinder auf die Welt kommen. Diese Studien beweisen natürlich nicht, daß die Störche die Kinder bringen. Hier muß man nach dritten und vierten Variablen suchen, die diesen Zusammenhang herstellen. Dies gilt für mich auch in diesem Fall. Es mag sein, daß sich Kinder von geschiedenen Eltern leichter wieder scheiden, aber woher das kommt und warum ­ ob dies jetzt nur die Modellwirkung ist oder ob dies andere Hintergründe hat ­ läßt sich aus den gesamten Untersuchungen noch nicht ableiten.

Viele Ehen scheitern ja daran, daß ein Partner oder Partnerin ein Außenverhältnis pflegt. Jetzt gibt es in Amerika dieses Modell der Dreiecksbeziehung, die ganz offen und sehr offensiv auch gepflegt wird. Was halten Sie davon?

Auf Anhieb nichts. Ich kenne Beziehungen, wo solches sehr offen gelebt wird. Ich fürchte aber, daß in diesen Beziehungen von Anfang an ein gewisser "Hund" drinnen liegt. Ich halte nichts davon.

Zurück zum Kind oder zu den betroffenen Kindern von geschiedenen Eltern ­ es geht ja auch sehr stark um das Sorgerecht. Was halten Sie von einem gemeinsamen Sorgerecht?

Ja, gemeinsames Sorgerecht ­ von dem halte ich sehr viel. Ich würde sogar noch weiter gehen: Es wäre sinnvoll, von einer gemeinsamen Sorgepflicht zu reden. Ich erachte es für sinnvoll, ein gemeinsames Sorgerecht möglich zu machen. Aber ich würde noch weiter gehen und die gemeinsame Sorge zum "Normalfall" erheben und die Aberkennung des Sorgerechtes als das "Ungewöhnliche" betrachten.

Also gerade umgekehrt als jetzt die rechtliche Situation ist?

Ja, das schwebt mir vor. Es ist zwar nicht so, daß die jetzige Regelung unlebbar ist oder große Mängel in sich birgt. Ich sehe eher den innovativen Charakter, den der Gesetzgeber auch für die Meinungsbildung haben könnte und von daher würde ich diese Gesetzesrichtung begrüßen. In Deutschland geht es ja bereits in diese Richtung. Dort soll die gemeinsame Sorgepflicht bald beschlossen werden.

Die andere Seite der Medaille schaut ja so aus, daß die meisten Ehen mit großen Kriegen getrennt werden, d. h. oftmals auch auf dem Rücken der Kinder. Besteht hier nicht die Gefahr, daß das gemeinsame Sorgerecht wieder zu Ungunsten der Kinder ausgetragen wird?

Ja, diese Gefahr besteht sicherlich. Ich kann mir kaum vorstellen, daß dies noch mehr wird, denn es ist jetzt schon so, daß sehr viele Eltern um die Kinder streiten und wenn das Sorgerecht richterlich geregelt ist, geht der Streit ohnehin weiter um das Besuchsrecht, und diese Kämpfe um das Besuchsrecht werden von Jahr zu Jahr massiver und häufiger. Darum muß man hier auch an weitere Möglichkeiten denken, insbesondere, was die Unterstützung und Beratung in der Scheidungssituation betrifft, die Mediation die schön langsam salonfähig wird, ist so ein Versuch. Hier können die Richter innovativ wirken, und es muß auch die Angebote von Seiten der Beratungsdienste geben. Wenn dies auch verstärkt gemacht wird, sehe ich hier kein größeres Problem, als es jetzt auch schon besteht.

Wenn Sie an Ihre tägliche Praxis als Leiter der IfS-Familienarbeit denken ­ kommen solche Kriege sehr oft vor?

Ja, also Besuchsrechtsstreitigkeiten kommen sehr häufig vor und werden von Jahr zu Jahr mehr. Hier müssen sich die Jugendämter und auch die Pflegschaftsgerichte sicher in den nächsten Jahren mehr Gedanken machen, denn diese Besuchskämpfe führen jetzt z.B. dazu, daß man dann ein von uns begleitendes Besuchsrecht will, was wir jedoch nur in Ausnahmefällen oder vorübergehend machen, dann, wenn sich eine Möglichkeit ergibt, daraus Veränderungen in der Familie zu erreichen. Diese Entwicklungen sind sehr ernst zu nehmen!

Sie haben mir am Beginn dieses Gespräches ausdrücklich erlaubt, daß ich auch in die Privatsphäre einsteigen darf. Sie sind ja selbst auch betroffener Vater. Wie haben Sie es damals erlebt und auch gelöst?

Wir haben da, im Nachhinein gesehen, eine relativ gute Lösung gefunden. Es ist bei uns nicht so gewesen, daß wir im Streit auseinander gegangen sind, was die Erziehung der Kinder und die Pflege und die Obsorge für die Kinder betrifft, sondern wir haben von vornherein eine Lösung gewählt, daß die Kinder sowohl bei mir als auch bei meiner geschiedenen Gattin zu annähernd gleichen Teilen leben können. Das war zwar auch für die Kinder ein gewisser Streß, vom Organisatorischen her, aber ihnen sind beide Elternteile in annähernd gleichem Ausmaß erhalten geblieben, wie dies vorher der Fall war und sie beurteilen heute ­ jetzt sind sie 19 und 17 Jahre alt ­ die Situation so, daß sie sagen, daß Ihnen dies wichtig war: Daß wir Ihnen beide erhalten geblieben sind in ihrer Beziehung und daß das Organisatorische jedoch einen gewissen Streß bedeutet hat, z. B. jeweils zu überlegen, was nehme ich heute mit in die Schule, weil ich am Nachmittag ja bei meiner Mutter bin und was brauche ich am Wochenende usw.

Ein Sprichwort sagt "Der Hund liegt immer im Detail". Nehmen wir einmal ein konkretes Beispiel her. Ihre getrennt lebende erste Frau und Sie versuchen, Ihre Kinder so gut wie möglich gemeinsam zu erziehen, die wichtigsten Lebensentwicklungen Ihrer Kinder gemeinsam zu beraten und zu tragen. Meines Wissens leben ja Ihre Kinder bei der Mutter. Sie haben als Vater aber doch gar nicht den Einblick in tägliche wichtige Entscheidungen. Ich denke z.B. an Einkauf, welcher Arzt gewählt wird, usw.

Das stimmt nicht ganz. Es ist so, daß die Kinder gleichzeitig bei mir und bei meiner Ex-Frau gelebt haben. Es war so, daß sie an zwei Tagen dort auch übernachtet haben und auch jedes zweite Wochenende. Es ist praktisch der Alltag in beiden Haushalten vorhanden gewesen. Das zweite ist, wir haben uns monatlich zusammengesetzt, um über solche kleineren und größeren Fragen zu reden, also auch alle vier. Dies war möglich, weil wir beide den Willen dazu hatten, daß es den Kindern möglichst wenig schaden soll.

Die Vaterrolle wurde ja in letzter Zeit immer mehr hinterfragt, ob sie so richtig ist, ob sie nicht erneuerbar ist. Auch zu Recht ­ aus meiner Sicht. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Ja, vielleicht kenne ich mehr Väter, die ihre Pflicht oder auch ihr Interesse an den Kindern wahrhaben, als dies allgemein in der Gesellschaft schon üblich ist. Ich bin überzeugt, daß dieses Interesse von den Männern und Vätern noch wachsen wird, weil es ja nicht nur Schattenseiten hat, die Erziehung und die Beschäftigung mit den Kindern, sondern auch sehr viele schöne Seiten hat. Wenn die Männer erst darauf kommen, daß da auch etwas zu holen ist und nicht nur etwas zu verlieren oder eine Pflicht einzubringen ist, dann wird es sicher mehr werden. Ich denke, daß sich die Vaterrolle in diese Richtung entwickeln sollte, wobei ich nicht so optimistisch bin, daß dies in den nächsten 10 Jahren schon voll stattfinden wird.

Ein völlig anderes Thema noch zum Schluß ­ Sie sind seit 3 Jahren Geschäftsführer der IfS-Familienarbeit. Damit haben Sie sich sozusagen von der Mutter "Gesamt-IfS" verselbständigt. Können wir ganz kurz noch eine Bilanz aus Ihrer Sicht ziehen. Wie fühlen Sie sich sozusagen als Geschäftsführer einer eigenen GmbH?

Ich finde dieses Experiment ­ und damals war es ein Experiment ­ voll gelungen. Ich finde vor allem, daß die Kleinheit der Organisation dazu führt, daß sich alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen voll und ganz mit der Firma identifizieren und es dadurch möglich geworden ist, ein sehr gutes Betriebsklima und eine sehr gute Betriebskultur aufzubauen. Viele Entscheidungen sind in sehr kurzer Zeit möglich , ohne die ganz große Organisation berücksichtigen zu müssen. Ich würde diesen Schritt heute auf jeden Fall wieder wagen. Es hat zwar einiges an Aufwand und Zeit meinerseits gefordert. Aber es hat sich gelohnt.

Also die "Tochterrolle" war für Sie gut?

Die "Tochterrolle" war und ist für mich gut. Einerseits haben wir die Unterstützung von der "Mutter" und andererseits haben wir die Freiheit der "Kinder".

Danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Franz Abbrederis

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