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Ein Brief eines 16-jährigen Mädchens an Ihre Brieffreundin

Liebe Morgan!

Lange ist es her, als ich Dir das letzte Mal nach Canada geschrieben habe. Ich glaube, dazwischen ist eine halbe Ewigkeit vergangen, mit Jungs und so, Du weißt ja, wie es ist.

Heute schreibe ich Dir wegen meiner Eltern. Vor ca. einem Jahr ging es bei uns darunter und drüber, total chaotisch. Meine Eltern stritten sich echt viel und als hätte ich es gerochen, platzte mir eines mittags der Kragen. Ich flippte total aus und brüllte wie ein zorniger Löwe in der Gegend herum. Ja, und unter anderem beschuldigte ich meinen Vater, daß er eine "andere" hat, und so nahm die Sache ihren Lauf und es stellte sich heraus, daß ich recht hatte. Hättest Du das meinem Vater zugetraut? Ich eigentlich nicht.

Morgan, ich kann Dir sagen, in dieser Zeit wußte ich nicht, wollte ich lieber sterben oder sollte ich doch von allem davon rennen. Der ständige Gefühlswechsel "Wen mag ich lieber von den beiden?" und dann wieder ­ "Ich brauche sie ja beide". Wie soll das mit meinem kleinen Bruder und mir weitergehen. So eine Zeit macht dich fertig und wenn du nicht stark bist, auch total kaputt. Du weißt nicht mehr, was du denkst und was du fühlst. Diese verdammten Gefühle!!!! Sie überrumpeln dich wie ein Gewitter und das Schlimmste ist, du möchtest steuern, aber es geht nicht.

Mit meinem Vater war ich total direkt, meine ganze Wut und Enttäuschung habe ich ihm an den Kopf geknallt. Dieses Geradlinige und Direkte hat er nicht verkraftet. Als Außenstehende kannst Du kaum nachfühlen, wie es da im Kopf zugeht. Auch der beste Therapeut der Welt kann das nicht. Mein Vater ist inzwischen ausgezogen und ich lebe mit meinem Bruder bei meiner Mutter. Mit meinem Vater habe ich kaum Kontakt, ich will auch gar nichts von ihm wissen. Ich mußte mich langsam mit den Veränderungen in meinem Leben anfreunden und kann jetzt auch darüber reden und schreiben. Auch meine Mutter und mein Bruder haben, so glaube ich, die schwerste Zeit hinter sich. Du weißt ja noch, doppelt (zu dritt) hält besser und das stimmt.

Ich hoffe, daß bei Euch alles o.k. ist, Du mußt mir im nächsten Brief alles schreiben. Also, ich hoffe auf bald, jetzt weißt Du wieder einiges mehr.

Bis dahin ­ Deine alte Freundin

XX (Name der Redaktion bekannt)