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Danai Jehly und Michael Hollenstein berichten aus ihrer Erfahrung

"Seit Papa sich gescheidet hat..."

"... kann ich nicht mehr so gut schlafen." So formulierte ein 6-jähriger Klient an der IfS-Beratungsstelle seine derzeitigen Schwierigkeiten.

Scheidungen sind Realität, für Erwachsene wie für Kinder. Die Tatsache, daß die Zahl der Scheidungen kontinuierlich im Steigen begriffen ist, hat einen erstaunlichen Nebeneffekt: heute in einer sogenannten "intakten" Durchschnittsfamilie zu leben ist so durchschnittlich gar nicht mehr. Die traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familien stehen in einer Linie mit vielfältigen anderen Formen, wie Erwachsene und deren Kinder zusammenleben.

Die öffentliche Meinung reagiert mit ihren Vorurteilen davon, wie eine funktionierende Familie aussehen soll, etwas schwerfällig auf gesellschaftliche Veränderung, aber sie reagiert: es ist nicht mehr unbedingt ein Stigma, geschieden zu sein.

Entsprechenden Veränderungen ist auch der Blick auf die von Scheidung betroffenen Kinder unterworfen. Das Bild des Kindes, das mit der Katastrophe der Scheidung seiner Eltern konfrontiert ist, tritt in den Hintergrund, der Blick wird differenzierter: Scheidung ist für ein Kind ein krisenhaftes Geschehen. Eine Krise hat zwei Seiten. Einerseits kann sie bedrohlich sein für die weitere Entwicklung eines Kindes. Andererseits ist sie aber auch verknüpft mit Chancen, die die vielfältigen Lebensweisen bieten, die einer Scheidung nachfolgen können.

Jährlich sind in Österreich etwa 18.000 Kinder mit der Scheidung ihrer Eltern konfrontiert. Ein Großteil der betroffenen Kinder ist zwischen 4 und 8 Jahren alt, meistens handelt es sich um Einzelkinder.

Die Kinder "wissen eh alles"?

Es ist notwendig, jedoch nicht selbstverständlich, daß Eltern ihren Kindern Erklärungen und Informationen zu ihrer Scheidung geben. Scheidung ist ein Prozeß, der sehr viele Energien bindet und auch freisetzt. Sprachlosigkeit, Konflikte, Auseinandersetzungen, Streit, Handgreiflichkeiten und nicht selten Gewalt sind eng mit Scheidungen verbunden. Die beteiligten Erwachsenen sind in der Regel verstrickt in ihren Gefühlen. Oft ist es Eltern nicht möglich, Kindern Erklärungen zu geben. Vielleicht verstehen sie selbst nicht so recht, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Vielleicht sind sie aber auch unsicher, was ihr Kind verstehen kann und was für das Kind unterstützend wirkt. Klarheit und Unterstützung jedoch ­ durch Eltern oder andere Erwachsene ­ erleichtern dem Kind, die Situation zu überwinden.

Die Antennen der Kinder

Die rechtliche Scheidung ist nicht jener Zeitpunkt, den Kinder als markant erleben. Die Krise der Kinder beginnt ­ ebenso wie jene der Eltern ­ davor. Selbstverständlichkeiten und Sicherheiten, die ein Kind bis dahin wahrscheinlich spürte, beginnen zu wanken, bröckeln, gehen vielleicht ganz verloren. Konflikte zwischen den Ehepartnern spitzen sich vor der Scheidung zu.

Diese atmosphärische Spannung entgeht Kindern nicht, im Gegenteil: Kinder haben ein sehr ausgeprägtes Wahrnehmungs-Sensorium ­ vergleichbar unsichtbaren Antennen ­ für die Beziehung zwischen ihren Eltern.

"Werden Mama und Papa mich nicht mehr lieben?"

Jüngere Kinder, etwa bis zum Alter von 4 Jahren, sind geprägt von globalem Denken: Sie gehen davon aus, daß das, was im Moment geschieht, auch weiterhin so geschieht. Dieses Denken ist Basis für gesunde Entwicklung: Wenn in einer Familie eine wohlwollende Atmosphäre herrscht, kann ein Kind die Sicherheit entwickeln, daß es in dieser Art und Weise auch weitergehen wird. Diese Sicherheit bildet einen Teil des Fundaments, auf dem das Selbstwertgefühl aufbaut. Erlebt aber das Kind momentan eine große Spannung zwischen den Eltern, entwickelt es häufig sehr negative Zukunftsvorstellungen: "Es wird nie wieder gut werden."

"Mama und Papa sagen, daß sie sich nicht mehr lieben. Kann es auch geschehen, daß sie aufhören mich zu lieben?" Diese Unsicherheiten treffen wir häufig an. Ein Kind hat in dieser Zeit des Konflikts wenige Möglichkeiten, positiv gefärbte Erfahrungen mit seinen Eltern zu machen. Solche verunsicherten Kinder suchen in der Folge in starkem Ausmaß Bestätigungen dafür, geliebt zu werden. Das bringt die Gefahr für diese Kinder mit sich, distanzlos gegenüber Fremden zu werden.

"Ich bin schuld."

Kinder fühlen sich schuldig dafür, daß die Eltern sich trennen. Speziell jüngere Kinder tendieren dazu, Spannungen und Streit zwischen den Eltern auf sich zu beziehen. Vielleicht gelingt es den Erwachsenen, das Kind nicht im Ungewissen über die Beziehung zwischen seinen Eltern zu lassen. Wird ihm verdeutlicht, daß die Schuld für die Trennung der Eltern nicht bei ihm liegt und daß es Mama und Papa nicht verlieren wird, dann sind die Voraussetzungen geschaffen, die eine Verarbeitung der neuen Situation für das Kind ermöglichen. Das stellt die Erwachsenen aber vor die schwierige Aufgabe, die Konflikte im Liebespaar von der elterlichen Verantwortung zu trennen.

Loyalitätskonflikte

Kinder übernehmen ­ aus Liebe ­ sehr viel Verantwortung für ihre Eltern. Sie wollen, daß es ihnen gut geht und wollen es beiden recht machen. Daß das besonders bei Eltern, die im Streit miteinander sind, zum Ding der Umöglichkeit wird, liegt in der Natur der Sache. Die Kinder erleben, daß ihr Wunsch ­ beide Eltern in Liebe vereint ­ und die Realität immer stärker auseinanderdriften. Das kann große Ängste auslösen.

Äußerer Schlußpunkt dieser Entwicklung bildet dann der Auszug eines Elternteiles. Das bedeutet aber nicht, daß die für das Kind schwierige innere Auseinandersetzung damit abgeschlossen wäre. Vielmehr ist es so, daß die Kinder noch lange zwischen ihren Wünschen und der sichtbaren Realität gespalten werden. So läßt sich erklären, daß noch junge Erwachsene, deren Eltern sich vor 10 oder 15 Jahren scheiden ließen, diesen Wunsch verspüren.

Wie Kinder sich helfen

Kinder können auf die sich verändernden Bedingungen in der Familie sehr massiv reagieren. Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten bei Schulkindern sind zu beobachten, unpassend aggressive Verhaltensweisen oder auch Rückzug von der Umwelt. Manchmal beginnen Kinder wieder einzunässen, 6-Jährige kleinkindhaft zu brabbeln oder legen 7-Jährige eine Frustrationstoleranz an den Tag, die eher 4-Jährigen entspricht. Sie haben den Wunsch, wieder im Elternbett zu schlafen oder wieder aus der Babyflasche zu trinken. Solche Verhaltensweisen sind für Erwachsene oft unverständlich, vielleicht sogar lästig. Kinder aber bewältigen damit konstruktiv ihre Schwierigkeiten. Sie greifen ­ in unsicheren Zeiten ­ zurück auf Verhalten, das ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Diese Verhaltensweisen sind in der Regel Übergangsstadien und bilden gewissermaßen die Plattform, von der Kinder schließlich neu durchstarten.

Eltern, die Verständnis für ihre Kinder mobilisieren können und das ungewohnte Verhalten der Kinder als Ausdruck für die Traurigkeit, die Schwierigkeiten und die Not der Kinder interpretieren, die geduldig bleiben und nicht mit Strafen reagieren, sind in dieser Zeit hilfreich für Kinder. Kinder zwischen 4 und 7 Jahren befinden sich in einer ohnehin sensiblen Phase ihrer Entwicklung. Große körperliche Veränderungen ­ vom Kleinkind zum Kind ­ finden statt. Der Besuch des Kindergartens und danach der Eintritt in die Schule fällt in diese Zeit. Und von großer Bedeutung: der erste Schritt der Entwicklung von geschlechtlicher Identität ­ als Junge, als Mädchen ­ wird in diesen Jahren getan. Zieht Vater oder Mutter aus der gemeinsamen Wohnung aus oder wird sogar der Kontakt komplett abgebrochen, so kann diese Entwicklung gestört werden.

Erste Hilfe

Erwachsene aus dem Umfeld der Kinder können gewissermaßen erste Hilfe für Kinder in Scheidungskrisen leisten: ein Onkel, der mit seinem Neffen nun öfter etwas unternimmt; eine Kindergärtnerin oder eine Lehrperson, die informiert ist und ganz besonders eine Auge auf das Kind wirft; eine Nachbarin vielleicht, die eine offenes Ohr für die Sorgen der 6-Jährigen hat. Die Liste läßt sich beliebig erweitern.

Scheidung bedeutet eine schwierige Zeit für alle Beteiligten.

Für die betroffenen Eltern ist es insbesonders schwierig, den Streit zwischen ihnen nicht zum Streit um's Kind werden zu lassen. Hilfreich können hier professionelle BeraterInnen sein, die in allen Erziehungsberatungsstellen zu finden sind. Deren Aufgabe besteht darin, gemeinsam mit den Eltern Verständnis und Handlungsmöglichkeiten in ihrer speziellen Situation zu erarbeiten, weder zu bagatellisieren noch zu dramatisieren. Scheidung ist zunächst nicht gut und nicht schlecht. Sie erfordert als Krise viel Kraft, bietet aber schließlich für alle auch die Möglichkeit, sich neu zu orientieren.

Danai Jehly und Michael Hollenstein arbeiten in der
Beratungstelle Feldkirch des IfS
mit Kindern und deren Eltern.

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