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Das IfS und die Familie

Im Rahmen der Aktion "Familiengerechte Gemeinde" wollen wir auf die vielfältigen Bezüge hinweisen, die zwischen den IfS-Diensten und der Familie bestehen.

Wir sind davon überzeugt, daß es zur Lebensqualität der Familie der postmodernen Gesellschaft gehört, daß die Gemeinschaft nicht nur die materiellen Rahmenbedingungen gestaltet, sondern auch die psychologische und soziale Dimension der familialen Strukturierung berücksichtigt. Psycho-soziale Beratungs-und Betreuungsdienste, wie sie das IfS anbietet, gehören unserer Meinung nach ebenso zur "familiengerechten Infrastruktur" einer Gemeinde, wie Gesundheits-, Bildungs-, Freizeit- und Kinderbetreuungseinrichtungen.

Die Vielfalt der Lebensformen in den gegenwärtigen Gesellschaften ist das Verdienst der entwickelten liberalen demokratischen Staaten. Die Lebensform der Großfamilie, die fast ein Jahrhundert dominierte, wurde abgelöst durch vielfältige Formen des Zusammenlebens. Das bürgerliche Ideal der "Vater-Mutter-Kind-Familie" ist weit von der gesellschaftlichen Realität entfernt. Neue Formen des Zusammenlebens verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung als Familie.

Familie ist sowohl biologisch als auch symbolisch bestimmt. Je nach Standpunkt kommt man zu unterschiedlichen Schlußfolgerungen. Die heute gar nicht mehr so seltene "patch-work"-Familie belegt das sehr anschaulich. In ihr mischt sich die biologische und die symbolische Elternschaft am sichtbarsten. Familie ist ein Ordnungsprinzip, das die Verhältnisse der Generationen bezeichnet. Vater, Mutter und Kind sind Bezeichnungen, deren Bedeutungen wechseln können. Der sogenannte Hausname, der noch in manchen Regionen Gültigkeit hat, ist ein Relikt aus einer Zeit, in der die Familie nicht primär nach biologischen Gesetzen, sondern nach symbolischen Gesetzen gebildet wurde wie im römischen Recht z.B., in dem als Vater eines Kindes gegolten hat, wer es in sein Haus aufgenommen hat, der ihm seinen Namen gegeben hat. Die biologische Vaterschaft war sekundär. Es galt der Grundsatz: Die Mutter ist immer sicher, der Vater ist immer ungewiß. Die Dimension des sozialen bzw. psychologischen Vaters war vorrangig. Diese Auffassung hat sich bis heute in allen relevanten psychologischen Theorien durchgesetzt. Vater ist, wer die Vaterfunktion ausübt.

Die von Alexander Mitscherlich bereits in den fünfziger Jahren behauptete Abwesenheit des Vaters, die er in seinem vielbeachteten Buch: "Die vaterlose Gesellschaft" dargestellt hat, darf daher nicht gleichgesetzt werden mit der realen An- oder Abwesenheit des Vaters, sondern muß unter dem Gesichtspunkt der Ausübung, dem Ins-Werk-Setzen der väterlichen Funktion betrachtet werden.

Rollenverständnis

Der gesellschaftliche Wandel, der gegenwärtig sich vollziehende Übergang von der "industriellen Arbeitsgesellschaft" zur "postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft" verändert auch die sozialen Rollen. Vater, Mutter, Kind, Mann und Frau, diese "Rollen" sind nicht biologisch festgelegt, sondern psychologisch und gesellschaftlich erzeugt. Es ist zwar ein weitverbreiteter Versuch, die Familie und die Geschlechtsrollen nach dem Vorbild der Natur zu ordnen, es gibt aber keine diesbezügliche Determinierung. Familie, die Funktion der Mutter, des Vaters, die Rolle des Kindes, die Rolle der Frau und die Rolle des Mannes bilden sich in einem offenen Prozeß, der sich nur "gewaltsam" eingrenzen läßt. Die Diskussion um die gesellschaftliche Unterprivilegierung der Frau fördert eine solche "Geschichte der Gewalt" zutage. Auch die Geschichte der "Gewalt am Kind", die eine Folge des Versuches ist, Frauen, Männer und Kinder auf eine bestimmte Rolle festzulegen.

Niemand hat Einfluß auf den Ort und die Zeit seiner Geburt. Die Welt, in die er kommt, ist da, ja er selbst ist da, bevor er geboren wird: Im Namen, der für ihn bereit gehalten wird, im Denken und Sprechen der Anderen. Das Verwandtschaftssystem mit seinem psychologischen, sozialen und materiellen Erbe stellt die Ordnung dar, in die sich jeder als Nachkomme einschreibt. Niemand hat Einfluß auf seine körperliche und geistige Ausstattung, auf seine Talente und Defizite. Als "Seine Majestät das Baby" hat Sigmund Freud einst das Kind genannt, weil es als neues Glied in der Generationenfolge als Hoffnungsträger begrüßt wird und für alle Fehlschläge des Lebens und der Generationen entschädigen soll.

Hier können die IfS-Dienste unterstützend wirken, indem sie Erwachsenen die Möglichkeit bieten, sich in ihrer Subjektivität mit all ihren Schattenseiten zu begreifen, sich der Erwartungen und Hoffnungen bewußt zu werden, die sie als Eltern an ihre Kinder, als Kinder an ihre Eltern hegen, sich ihres Erbes bewußt zu werden und ihrer Stellung innerhalb der Generationen.

Kinder können wir auf ihrem Weg der Aneignung der Welt begleiten, sie unterstützen, sich ihrer Stellung in der Welt bewußt zu werden.

Die Dienste des IfS bieten auch in vielerlei Hinsicht Unterstützung und Begleitung auf dem Weg der Familienbildung. Psychologisch gesehen ist die Familie eine Bildung des Unbewußten, insofern die grundlegende Strukturierung unbewußten Gesetzen folgt. Wie Familie wird, läßt sich nicht staatlich verordnen oder befehlen, die Rahmenbedingungen aber können Familien auf ihrem Weg behindern oder fördern.

Das Werden der Familie steht im Zentrum der Bemühungen der IfS-Dienste. Das bedeutet sowohl die soziale, rechtliche und wirtschaftliche Seite des Familienlebens zu beachten, als auch den "Bildungsprozeß" von Familie zu begleiten und zu unterstützen. Familie bildet sich, indem die Funktionen und Rollen übernommen und ausgeübt werden können. In diesem Bildungsvorgang kann es zu Überschneidungen in den Rollen, zu Über- oder Unterordnungen kommen, zum Ausfall von Funktionen, zur Bildung eines Familienregimes, dem sich die Familienmitglieder beugen müssen oder zur Bildung eines Lochs, wenn die Funktion des Vaters oder der Mutter nicht ausgeübt wird.

"Es kommt zur Bildung eines
Loches, wenn die Funktion des
Vaters oder der Mutter nicht
ausgeübt wird"

Es kann zu überfürsorglichen Familienbildungen kommen wie zu vernachlässigenden. Wichtig für uns ist, von keinem normativen Verständnis von Familie auszugehen, sondern die Bildung der Familie zu begleiten. Die kann den Einzelnen fördern oder behindern, sie kann zu Einengung oder Ausschließung tendieren. Sie hat aber auch ein Ziel und das ist, ihr Überleben zu sichern.

Wie jede Gruppe ist sie abhängig vom Austausch. Eine Familie, die sich jedem Austausch verweigert, ist nicht überlebensfähig. Daher ist es auch wichtig, Familien darin zu unterstützen, sich nach außen zu öffnen und es ihren Mitgliedern zu ermöglichen, Beziehungen mit den übrigen Teilen der Gesellschaft zu knüpfen. Dazu ist es notwendig, den einzelnen als Subjekt seines Wunsches zu begreifen und die Sprache zu finden, die ihn als Subjekt hervorbringt. Das heißt, die Familie ist in permanenter Bewegung, ihre Grenzen werden überschritten. Dieser Punkt der Überschreitung führt Familien oft in eine Krise, in der sie mühsam lernen müssen, Abstand von ihrem Ideal zu nehmen.

Die Dienste des Institut für Sozialdienste

Die Dienste des IfS umfassen Information, Beratung, Begleitung und Psychotherapie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ob sie Fragen als Eltern, als Paar oder als Familie haben, ob alleinstehend oder alleinerziehend, ob Sie mit einer Behinderung Ihren Weg suchen oder anderen Barrieren auf Ihrem Weg begegnen, die Fachleute des IfS sind von Montag bis Freitag von 8.00 ­ 12.00 und von 13.00 ­17.00 h erreichbar, ohne Voranmeldung. Termine sind nach Vereinbarung auch außerhalb dieser Zeiten möglich. Die Fachleute des Institut für Sozialdienste sind Psychologen/innen, Sozialarbeiterinnen, Psychotherpeuten/innen und Fachleute für die berufliche Begleitung von Menschen mit einer Behinderung.

Dr. Michael Schmid
Der Autor ist Leiter der
IfS-Beratungsstelle in Dornbirn