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Das Gespräch

"Erwachsene reden über Jugendliche
- und oft nicht mit ihnen..!"

mit Arno Dalpra

Arno Dalpra, Jahrgang 1957, wohnhaft in Satteins
Leiter der IfS-Jugendberatungsstelle "Mühletor" in Feldkirch, Schillerstraße 18
Ausbildung: Psychotherapeuth,
Supervisor (BSO),
Diplom-Sozialarbeiter
Vater von zwei Kindern im Alter von 1 und 11 Jahren.

 
Feldkirch – eine wunderschöne, architektonisch warme Stadt......

Lieblingsbuch – Die Entdeckung der Langsamkeit von Sten Nadoldy, "Aus dem Leben des Hödelmosers“ von R.P. Gruber,
Gedichte von Erich Fried, uvm.

Lieblingsessen – alles, was mit "italienisch“ zu tun hat

Urlaub – Vorarlberg, Italien

Rauchen – Da habe ich es mit Jack London: "Aufhören ist einfach“ Er hat es auch 175 x versucht

Lieblingsgetränk – piemontesischer oder toskanischer Wein, Wasser

Kaffee – trinke ich zuviel

Herr Dalpra, fühlen Sie sich als Jugendlicher bzw. als junger Mensch?

Beides nicht mehr – ich bin ein Mensch mittleren Alters.

Sie sind seit 1982 Leiter der IfS-Jugendberatungsstelle Mühletor. Wenn Sie an den Beginn Ihrer Tätigkeit und an heute denken, welche Veränderungen haben sich in dieser Zeit ergeben?

Vielfache. – Am Anfang standen das Konzept und ich alleine, im Hintergrund eine aufstrebende Institution, das Institut für Sozialdienste. Die Schwierigkeiten anfänglich waren, daß ich 6 Jahre eine solistische Tätigkeit ausübte, danach mit einer Kollegin. Wir waren dann an die 6 Jahre zu zweit. Jetzt, seit ca. 4 Jahren sind wir mit dem Bereich Streetwork wesentlich ausgeweiteter und endlich in den politischen Bezirken fast gänzlich vertreten.

Warum hat es denn damals die Entscheidung gegeben, in Feldkirch eine Jugendberatung zu machen und nicht evt. dezentral in einem anderen Bezirk?

Es sind wohl Versuche in Dornbirn gleichzeitig mit demselben Konzept gestartet worden. Die Idee seinerzeit war, ein zusätzliches Beratungsangebot anzubieten, das war aber zu wenig. Es hat sehr viel persönlichen Einsatzes bedurft, um bei Jugendlichen eine solche Möglichkeit zu installieren und diese war seinerzeit meiner Meinung nach nur in Feldkirch gegeben.

Wenn wir an die Jugend heute denken. Ich habe persönlich den Eindruck, daß viele Jugendliche starke Sehnsucht nach Bindung haben, nach Anerkennung. Haben Sie auch diesen Eindruck?

Jugendliche, das zieht sich durch, werden in unterschiedlicher Formen von uns Erwachsenen wahrgenommen. Das Problem ist, daß wir in unserer Wahrnehmung eine gewisse Berührungsangst mit Jugendlichen entwickeln, die daraufhin zurückzuführen ist, daß "Jugendliche eine direktere, eine unkompliziertere, eine viel konfrontierender Sprache als wir Erwachsene sprechen“. Das zweite ist die unterschiedliche Geschwindigkeit. Erwachsene möchten relativ schnell zu irgendwelchen Lösungen gelangen, Jugendliche brauchen Zeit dazu, weil man in der Entwicklung Zeit braucht. Erwachsene rechnen Zeit mit Geld auf, somit steht diese nicht unbedingt zur Verfügung. Die Pubertät ist eine Form, in der eine sehr intensive Bindung zum Erwachsenen gesucht wird, nämlich gerade in der Konfrontation, um sich herauszulösen aus der Familie, sich eine andere Meinung zu bilden, sich an dem zu messen, was vorhanden ist. Ich kenne keinen Jugendlichen, der nicht in irgend einer Form den Dialog mit den Erwachsenen sucht, die Form, wie er sie sucht, darüber kann sehr breit diskutiert werden, aber gesucht wird er ständig.

Früher war doch bei der Jugend das kritische Element bedeutend stärker ausgeprägt als heute. "Brave Jugendliche“ gibt es ja immer mehr. Täusche ich mich? Wenn nein, auf was führen Sie diese Entwicklung zurück?

Die "braven“ Jugendlichen hat es immer gegeben. Ein großer Anteil der Jugendlicher geht konform mit dem, wie Erwachsene sich Jugendliche vorstellen. Da hat es immer eine Mehrheit gegeben. Was das "kritische Formulieren“ anbelangt – in dieser Form den Dialog mit Erwachsenen zu suchen, ist nicht mehr so wie vor ca. 15 Jahren vorhanden. Das liegt aber nicht an den Jugendlichen, sondern es liegt daran, wie wir Erwachsene auf solche kritischen Formen reagieren. Wir finden nicht eine Sprache, die uns mit Jugendlichen verbindet, sondern wir haben unsere eigene Sprache kultiviert, die dann auf Unverständnis stößt. Auf der anderen Seite aber haben Jugendliche ihr kritisches und kreatives Potential behalten.

Sie haben unter anderem die Sprachlosigkeit erwähnt, d.h. das "Nicht verstehen“ der Eltern. Der hauptsächliche Teil der Leser unserer Zeitung sind Menschen mittleren Alters bzw. nicht mehr Jugendliche. Welche Tips würden Sie geben, um diese Sprache der Jugend besser zu verstehen?

Ich kenne kaum Erwachsene, die nicht versuchen, in irgend einer Form jugendlich zu sein. Sei es in ihrem Aussehen, sei es in ihrer Sprache, sei es in ihren Hobbies, Kleidung etc., denn Jugendlichkeit hat einen unheimlichen Charme, und wenn sie z.B. die Werbung anschauen, ist dieser präsent.
Die andere Seite ist natürlich die, daß Jugendlichkeit nicht konsumierbar ist. Jugendlichkeit heißt auch Auseinandersetzung, Zeit, Dialogbereitschaft, fites Mitdenken, Beweglichkeit, zu den eigenen Werten zu stehen, seine Meinung zu vertreten. Jugendliche sind diesbezüglich sehr empfindlich, und verwaschene Aussagen Erwachsener sind für sie eigentlich uninteressant.

Das heißt, die Jugendlichen wollen klare Worte und eine klare Sprache?

Ja – denn das Jugendlichenalter ist ein Alter, in der sich die Persönlichkeit an den Grenzen formt, und wenn die Grenze Eigenschaften hat, die mit Lebensweisheit, Kreativität, Toleranz, Beweglichkeit ausgestattet ist, dann kann der Jugendliche eine Form für sich gewinnen. Wenn diese Grenze zu rigide, zu unbeweglich, zu intolerant ist, dann wird es eher zum Konflikt kommen.

Ich höre daraus die Überlegung, daß Erwachsene, wenn Sie mit Jugendlichen umgehen, letztlich sich nicht anbiedern sollen, aber auch nicht zu rigide sein sollten, also eher die klare eigene Persönlichkeit herausstellen sollten?

Ich gehe davon aus, Jugendliche akzeptieren Werte, die Erwachsene vertreten, wesentlich toleranter als Erwachsene sie untereinander vertreten bzw. sie akzeptieren würden. Davon ausgehend ist es kein großes Problem, an Jugendliche heranzutreten mit der Identität, die man hat. Man wird aber auch erfahren, daß klar konfrontierend zurückgemeldet wird und daß man damit rechnen muß, daß Ansichten oder Weltanschauungen für sie weder praktizierbar noch nachvollziehbar noch Verständnis erweckend sind, sondern einfach abgelehnt werden. Aber das hört man dann direkt, während dies in der Kommunikation von Erwachsenen oft unklar vermittelt wird.

Wo liegen die Hauptaufgaben ihrer Tätigkeit als Leiter der IfS-Jugendberatungsstelle Mühletor und auch Ihres gesamten Teams?

Das Mühletor ist von der Begrifflichkeit her eine "andere“ Beratungsstelle. Wir bemühen uns, daß der Zugang zu allen Beratern direkt und unkompliziert ist, d.h. die Information, die Bereitschaft als Gesprächspartner, gleich mit welchem Anliegen, sollte einfach vorhanden sein. Wir wollen berührbar sein, wir wollen erfaßbar sein, wir wollen ansprechbar sein, dies ist eines der Ziele ganz im unteren Bereich, im Begegnungsbereich. Im Streetwork-Bereich gehen wir auf Jugendliche zu, aber ebenfalls mit dieser Bereitschaft, uns auseinanderzusetzen. Das hat unterschiedlichste Auswirkungen. Der dritte Bereich ist die Projektarbeit, wobei unsere Projekte Reiz- und Anreizcharakter haben und durch die Jugendlichen selbst fortgesetzt werden sollten. Ein schönes Beispiel ist das Jugend-Open-Air Musikfestival im Jagdberg, das inzwischen ganz eigenständig von ganz anderen Jugendlichen, die mit dem Mühletor gar nichts mehr zu tun haben, fortgesetzt wird. Im vierten Bereich steht die Beratung und Psychotherapie im Mittelpunkt. Diese beiden Elemente stehen sowohl dem Jugendlichen wie den Eltern zu Verfügung.

Man kann also sagen, daß das Open-Air Jagdberg auf Initiative des IfS-Mühletors gegründet
wurde?

Ja, Jagdberg als Open-Air-Musikfestival ist eine Idee des Mühletors.

Stichwort Streetwork – viele Leute können sich unter dem Begriff "Streetwork“ noch nichts vorstellen. Würden sie das kurz erklären?

Es gibt eine Definition in fachlicher Hinsicht, die dient uns als Orientierungshilfe. Der zweite Teil ist die Verwirklichung dieser Tätigkeit, die in einigen Punkten abweichend ist von der fachlichen Definition. Das liegt am geographischem Standort, daß Vorarlberg sehr ländliche – kleinstädtische Strukturen hat, also nicht vergleichbar ist mit Großstädten.
Streetwork ist einerseits eine auf den Jugendlichen zugehende Form der Arbeit, d.h. daß wir Jugendliche dort abholen, wo sie sind. Wir warten nicht bis sie kommen, deshalb ist dies ein sehr direktiver Arbeitsschritt.
Auf der anderen Seite wird dieser Arbeitsschritt ein bißchen überschattet von dem, daß Jugendliche eine gewisse Auffälligkeit in ihrer sozialen Umgebung zeigen müssen, damit wir auf sie aufmerksam werden. Dies ist ein Problem. Im Zusammenleben zwischen Jugendlichen und Erwachsenen kommt etwas zu kurz, das ich einfach mit dem saloppen Begriff "Zivilcourage“ umschreiben möchte, weil vieles, was wir in der Sozialarbeit machen, an und für sich Formen sind, die immer mehr Erwachsene in der Begegnung mit Jugendlichen verlernt haben. Erwachsene reden über Jugendliche und nicht mit ihnen. Das ist ein Grundproblem!
Das zweite, welches ich mir wünschen würde, wäre, daß Ereignisse, die Erwachsene bei oder mit Jugendlichen beobachten, auch verbal rückmelden. Jugendliche sind nicht so, daß sie gleich übermäßig und bedrohlich reagieren, wenn eine Rückmeldung erfolgt. Man muß natürlich mit einem gewissen Maß an Widerstand rechnen.
Aber das heißt auch, Jugendliche müßten weniger Anstrengungen unternehmen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Ich möchte nochmals zum Begriff "Streetwork“ zurückkommen. Verstehe ich die Arbeit richtig? Eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter im Streetworkbereich geht direkt auf die Jugendlichen zu, oder wie ist das zu verstehen? Sie geht zum Bahnhof und spricht mit diesen und versucht dort, direkten Kontakt mit den Jugendlichen aufzubauen?

Stellen sie sich einen Empfang vor. Dort werden verschiedene Leute untereinander vorgestellt. Das einzige Defizit, welches wir haben, ist, daß wir keinen Empfang und keine Protokollchefs haben, die dieses übernehmen.
Also gehen wir direkt auf sie zu und begrüßen sie. Und daraus entwickelt sich Begegnung. Es ist eigentlich simpel, es ist einfach, es ist nur Begegnung. Sie können in der Bahn jemanden kennenlernen, im Bus, beim Einkaufen, im Café, usw. Wir lernen sie dort kennen, wo sie sich aufhalten.

Und sind das meistens Jugendliche, die eher zu "Randgruppen“ zu zählen sind oder sind das sogenannte "normale Jugendliche“?

Sowohl als auch – aufgrund des Auftrags sind natürlich Randgruppen eher unsere Zielgruppe. Aber im Zuge dessen ist es so, daß sich Randgruppen nicht so, wie das Wort sagt, am Rand bewegen, sondern sie bewegen sich innerhalb der Jugendkulturen und unserer Gesellschaft. Der Begriff "Randgruppe“ ist nicht zutreffend, sondern auch diese Jugendlichen bewegen sich unter uns und sind ein Teil von uns. Jugendliche machen Schwierigkeiten, weil sie Schwierigkeiten haben – ist man deshalb schon eine Randgruppe ?

Haben Sie die Erfahrung gemacht, daß die extremen Rechts- oder auch extremen Linkstendenzen in Vorarlberg stärker ausgeprägt sind, als im Vergleich zu anderen Regionen Europas?

Wir leben in einem beobachtbaren Raum, die Gruppen gibt es, über deren Extremität kann man streiten. Die Gruppen der Skinheads wurde anfänglich ignoriert. Wir waren eine der einzigen Stellen, die sehr massiv darauf aufmerksam gemacht hat. Wir haben auch die politisch Verantwortlichen und andere zuständige Stellen immer wieder motiviert, mit diesen Gruppen Kontakt aufzunehmen schon bevor irgend etwas geschehen ist. Wir sind aber bei den verantwortlichen Politikern auf Widerstand gestoßen. Wir waren mit der Einschätzung konfrontiert, daß man sie nicht wichtiger machen sollte, als sie sind. Bedauerlicherweise haben sie sich dann auf ihre Art wichtig gemacht. Zum Glück ist dann eine klare Reaktion von politischer Seite erfolgt.
Wir gehen nach konfrontierenden/kreativen Modellen vor, die aber in ihrer Inhaltswirkung für sich sprechen. Es braucht auf der einen Seite ein klares konzeptionelles Vorgehen, aber auf der anderen Seite auch das Motivieren von Verantwortlichen, d.h., von Lehrern, Eltern, politisch Verantwortlichen und die Organisation dieser Konfrontation zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Dieser Dialog ist Entwicklung, früher waren wir Sprachrohr, heute sind wir Moderatoren zwischen diesen Gruppen. Wir möchten, daß der Jugendliche sich selbst vertritt. Und wenn man so will, arbeiten wir im Sinne einer Lobby für seine Anliegen, aber seine Anliegen können an und für sich nur dann gut vertreten werden, wenn wir auch mit den Erwachsenen arbeiten.
Erwachsenenarbeit, sprich Elternarbeit, ist ein absolutes Muß in der Jugendarbeit. Wenn Jugendarbeit isoliert, kann sie nicht erfolgreich sein. Dieses Messen und diese Konfrontation sind wichtig. Die fördern wir seit Bestehen der IfS-Beratungsstelle Mühletor.

In einem bekannten Buch steht die These, daß die meisten Extremjugendlichen, wenn man das so formulieren darf, darum so extrem in eine Richtung gegangen sind, links oder rechts, weil sie sich einfach artikulieren möchten. Würden sie das unterschreiben?

Das ist eine Möglichkeit der Interpretation. Natürlich ist es so, daß im Sozialisationsprozeß von Jugendlichen Begegnung ein großer und wesentlicher Bestandteil ist. Somit ist es auch zufällig, wenn Jugendliche in irgendwelche Gruppen kommen, daß sie sich dann damit identifizieren – und während des Ablösungsprozeßes vom Elternhaus – sich der Idee der Gruppe stark verschreiben. Tendenzen in der Jugendbewegung sind nie starr.
Früher hat man über die Jeans seinen Widerstand kundgetan. Jeansträger wurden auch ideologisch zugeordnet. Inzwischen gibt es diese Merkmale kaum noch, weil die Wirtschaft diese sofort aufsaugt und einen Trend daraus macht. Somit sind Rechts-Links-Bezeichnungen im Zusammenhang mit der Jugendarbeit an und für sich keine guten Begrifflichkeiten. Es sind Orientierungspositionen und Tendenzen. Wenn Jugendliche z.B. dem rechten Lager zugeordnet werden, ist diese Interpretation als solche noch nicht die Bedrohung. Bei den "rechts“ zugeordneten Jugendlichen besteht die Bedrohung darin, daß sie bei einigen Themen, z.B. Ausländer, Fremde, etc. auf eine sehr starke Solidarität treffen, wo Erwachsene klare ausgrenzende Meinungen vertreten. Und das ist eine gefährliche Konstellation. Wenn der Jugendliche für sich selber eine Orientierung sucht, heißt es auch, was für Werte stellt der Erwachsene dagegen. Und die sind natürlich in einer ländlichen Gegend wie Vorarlberg anders zu beurteilen wie in einer Großstadt. Wir haben ganz andere Begegnungsmöglichkeiten. Es gibt noch ganz andere soziale Integrationen. Grundsätzlich weiß in Vorarlberg jeder von seinem Nachbarn mehr oder weniger kleinere Details und "Geschichten“. Nur die wenigsten sprechen sie an, fragen nach, konfrontieren, teilen Beobachtungen mit, jeder zieht sich wieder in seine eigene Welt zurück und denkt, so lange er diese aufrecht erhalten kann, ist alles in Ordnung.

Wir haben zu Beginn unseres Gespräches kurz auch über die Sehnsücht eder Jugend gesprochen. Ich bin auf einen Aspekt gekommen, der doch etwas markant ist. Einerseits gibt es sehr viel Jugendliche, die sich aus mehreren Gründen vom Religionsunterricht abmelden (Tendenz steigend),. Andererseits sieht man auch die Entwicklung, daß sehr viel Jugendliche Richtung Sekten marschieren. Wo sehen sie dort die Hintergründe?

Werte spielen hier eine große Rolle, Werte, die auch verstanden und nachvollzogen werden. Werte, die vorgelebt werden. Pauschal kann gesagt werden, daß Religion eine Faszination auf Menschen ausübt. Aber es kommt auch in dieser Begegnung darauf an, wie "stimmig“ ist derjenige, der sie vertritt. Bei Sekten ist es z.B. so, daß diese Stimmigkeit zum Teil aufgrund der internen Organisation überzeichnet und schwerer durchschaubar ist.
Ich merke bei Jugendlichen grundsätzlich eine Tendenz und ein Suchen nach klaren Orientierungspunkten. Das andere ist, daß die Werthaltung der Erwachsenen schon eine "verwaschene“ ist, sie wird der diplomatischen Sprache geopfert. Wenn Erwachsene Werte vertreten, braucht man oft die Interpretationen, um zu erkennen, welcher Art sie sind. Das ist für einen Jugendlichen zu wenig klar. Das ist für einen Jugendlichen zuwenig begreifbar.

In der Religion würden sie dasselbe sehen?

In den Religionen findet ein Streit zwischen fundamentalen und liberaleren Gedanken statt. Die Botschaften, die diese Situationen haben, sprechen für sich. Sie sind auf der Suche nach Werten. In dieser Hinsicht ist man in der Konfrontation und in der Begegnung mit Jugendlichen schwach, wenn man selber nach seinen eigenen Inhalten sucht. Somit gibt es eine Parallelität. Pubertät ist u.a. das Suchen nach dem eigenen Ich. Wenn Jugendliche auf der Suche nach dem eigenen Ich auf Einrichtungen oder Personen stoßen, die ebenfalls auf der Suche nach dem eigenen Ich sind, dann kann man unter dem Schlußstrich selber zusammenzählen, was herauskommen kann.

In der Pubertät hat bekanntlich die Sexualität eine ganz elementare Bedeutung. Glauben Sie, daß sich das Sexualverhalten bei den Jugendlichen in den letzten Jahren verändert hat?

Die Fragen der Annäherungen, die Jugendliche zum Thema Sexualität haben, ist eine, die ich je nach Entwicklungsstand des Jugendlichen, als zärtlich bezeichnen würde. Diese Form wird oft von Erwachsenen gestört, die entweder Ängste haben, die schon viel weiter oder höher angesetzt sind, als der Jugendliche momentan in seiner Entwicklung ist, aber selten auf das treffen, wo der Jugendliche steht. Deshalb ist es wichtig, gerade bei diesen oder auch anderen Themen, sich die Zeit zu nehmen zu verstehen, was der Jugendliche uns mitteilen möchte. Denn der Jugendliche hat in seiner Entwicklung eine andere Form des Zugangs als wir, die wir uns in dieser Hinsicht "entwickelt“ haben. Das Thema "Sexualität“ ist ein Menschheitsthema. Es ist ein Thema, das zu uns Menschen gehört und somit nicht getrennt werden kann, es kann nicht herausgelöst werden. Es ist da und gehört zu uns.

Sie glauben also, daß sich in diesem Punkt nicht viel verändert hat gegenüber den letzten Jahren?

Etwas hat sich verändert – das ist das Alter, in welchem die Jugendlichen die ersten sexuellen Erfahrungen sammeln. Aber sie sind auch in einer anderen Form aufgeklärter. Sie sind hinsichtlich der gesamten Abläufe in unserer Gesellschaft schon viel früher mit diesem Thema konfrontiert. Das geht natürlich nicht spurlos an Jugendlichen vorbei. Sie experimentieren auch in diesem Feld, aber sie haben eine andere Form des Experimentierens als wir Erwachsenen.

Ein völlig anderes Thema. Sie haben kürzlich bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Jugendarbeitslosigkeit teilgenommen. Gott sei Dank haben wir noch nicht die extreme "Jugendarbeitslosigkeit“ wie in anderen Ländern, trotzdem würde ich sagen, daß jeder Jugendliche, der arbeitslos ist, ein enormes Problem hat. Nicht nur seine Eltern. Wie können wir dort Antworten geben?

Da ist politisch und wirtschaftlich noch einiges möglich und notwendig, speziell Jugendliche, die einen anderen und vielleicht verzögerten Entwicklungsverlauf haben zu unterstützen. Seit zwei Jahren läuft bei uns ein Projekt, in dem wir die Möglichkeit schaffen, Jugendlichen den Hauptschulabschluß zu ermöglichen. Im Schnitt schaffen von 20 Absolventen zwischen 15 und 16 einen Hauptschulabschluß, wohlgemerkt solche, die vorher in der Regelschule gescheitert sind. Mit dem Zurverfügungstellen der für sie notwendigen Zeit und Intensität ist es möglich, daß wir Jugendlichen, die eine verzögerte Entwicklung im Sinne unserer Geschwindigkeit haben, behilflich sein können, so daß sie danach bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Es ist notwendig, daß eine Solidarität mit der "Langsamkeit“ entsteht.
Es ist nicht möglich, daß jeder Mensch in derselben Zeit durch unser Schulsystem durchgeschleust werden kann. Es ist nicht möglich, daß jeder in derselben Zeit durch die Lehrausbildung durchgeschleust wird. Es gibt Menschen, die brauchen etwas länger Zeit. Dies zu akzeptieren, fällt uns unendlich schwer. Also das heißt ein anderes Zugehen auf diese Gruppe von Menschen. Wenn wir das nicht tun, dann sind sie als Erwachsene Problempersonen und dann kommt die Gesellschaft auch nicht darum herum, sich damit auseinanderzusetzen. Es braucht dort in einigen Bereichen integrierte Arbeitsfelder und Übungsräume in der freien Wirtschaft und nicht isolierte, die stigmatisiert sind. Sie gehören in die Wirtschaftsbetriebe integriert. Hier ist aber eine dramatische Konzeptarmut vorhanden. Es gibt zwar die duale Anlehre, aber auch andere Formen des integrierten Lehrens und Lernens in Wirtschaftsbetrieben gehörten massiv aufgebaut.

Schlußfrage. Wenn Eltern, was ja immer wieder vorkommt, konfrontiert werden mit dem Problem, daß ihr Kind, ihr Jugendlicher mit Drogen zu tun hat, also Konsument von Drogen ist. Was würden Sie da als Fachmann empfehlen? Wie gehen Eltern mit diesem Problem um?

Was auf Eltern grundsätzlich zukommt, wenn sie Kinder großziehen, ist vielfach Verunsicherung, und deshalb planen wir für die nächsten Jahre ein sehr umfangreiches Programm, das unter dem Titel "Eltern stark machen“ läuft, denn starke Eltern haben starke Kinder.
Eltern- und Erziehungsarbeit muß ganz anders wahrgenommen und unterstützt werden. Solche Fragen, wie Drogen usw. lösen natürlich Ängste bei den Eltern aus. Aber – das ist wichtig – ein Kind heute wird in seinem Sozialiationsprozeß mit diesem Thema konfrontiert, und da heißt es, wenn es auf ein auseinandersetzungsbereites Elternhaus trifft, ist das schon die halbe Antwort. Von dort her möchte ich diese Frage nicht zu stark überbewerten, sondern einfach unter dem Gesichtspunkt sehen, daß dies ein Thema ist, welches zum Entwicklungsprozeß eines Kindes dazugehört.
Wichtig ist, daß man Eltern, Alleinerzieher, zusammengesetzte Familien und alle anderen Formen von Familie massiv stärkt in ihrer Erziehungsarbeit, daß man ihnen Möglichkeiten der Auseinandersetzung gibt, daß es auch Programme geben muß, eine Kultur in der es möglich ist, offen über Erziehungsfragen zu sprechen und nicht gleich zu werten und abzuurteilen.
Sichere Eltern sind gute Eltern und gute Eltern haben starke Kinder.

Danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Franz Abbrederis

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