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Karl Wilhelmstätter

Kids in der Erlebnisgesellschaft

In den letzten Jahren dürfte auch Österreich zu einem Land der Erlebnisse mutiert sein, natürlich wieder etwas verspätet und vielleicht schon den "aktuellen“ Trends nachhinkend. Doch auch bei uns boomt das Erlebnis.

Ein Blick nicht nur in einschlägige Fachzeitschriften, sondern auch auf Werbeflächen der Plakatwände und Litfaßsäulen oder Schaufenster beweisten diesen Trend.

  • Es gibt Erlebnis-Reisen, die Erlebniswelt "Salzbergwerke“, das Erlebnisbad, das Erlebnis "Politik“ oder gar schon den Erlebnisraum "Büro“.
  • Kurse in Philosophieren werden zum "Abenteuer Philosophie“ kreiert und auf diese Weise der Öffentlichkeit schmackhaft gemacht.
  • Was früher von Kinder- und Jugendorganisationen als Ferienfahrten angeboten wurde, bezeichnen sie heute als "Erlebnis- und Abenteuerreisen“.
  • Sportliche Betätigung gilt nur noch etwas, wenn sie das Mäntelchen "Abenteuersport“ umgehängt bekommt. Gleichzeitig steht im Bereich des Freizeitsports nicht mehr die Entspannung im Vordergrund, sondern die Leistung, das Herantasten an persönliche Grenzen, verbunden mit dem Gefühl des "Ausgepowertseins“.
  • Ferienaktionen im Sommer für Kinder aus urbanen Randgebieten werden als "Abenteuersommer“ verkauft.

Action, Thrill und Hopping

Hier sei angemerkt, daß bereits bei 45% der österreichischen Konsumenten der "Erlebniskauf“ im Vordergrund steht, also fast die Hälfte der Österreicher vor dem Einkauf nicht wissen, was sie eigentlich kaufen wollen. Es tritt somit ein Wandel vom Versorgungs- zum Erlebniskonsum ein. Dies hat zur Folge, daß teilweise bereits eine Generation heranwächst, zu deren Wünschen der Slogan gehört: "Ich möchte einmal soviel verdienen, wie ich ausgebe!“. Im Fachjargon werden diese Menschen als "Spendaholics“ bezeichnet (Vgl. R. Popp, 1996).
Ehemalige "Leistungssportler“ bieten "Überlebenstrainings“ für Spitzenmanager an, um sie besser für den täglichen Überlebenskampf in der Geschäftswelt aufzubauen. Keine sich als fortschrittlich bezeichnende Sozialpädagogik kommt ohne den Handlungsansatz "Erlebnispädagogik“ aus (Wüstenwanderungen, Segelturns, Klettertouren u.ä.). Unter anderem scheinen z.B. in einer vom Ministerium für Jugend und Familie 1994 veröffentlichten Broschüre mit dem Titel "Outdoor-Aktivitäten und Erlebnispädagogik“ bereits fünfzehn Organisationen auf, die sozialtherapeutische und erlebnispädagogische Angebote und Ausbildungen anbieten. Darüber hinaus dürfte es sicherlich die dreifache Anzahl von Einzelpersonen und Vereinen geben, die in der erlebnisorientierten Freizeit- und Touristikbranche privatwirtschaftlich orientiert tätig sind.

Diese sicherlich unvollständige Auflistung beweist, daß Erlebnis und Abenteuer der Renner in einem gesamtgesellschaftlichen Wunsch nach immer ausgeprägteren Formen von erlebnisintensiven Reizen und Stimulationen sind.

Ein kurzer Einschub sei noch gestattet: Einige Sozialwissenschaftler gehen in ihren Aussagen über die Erlebnisgesellschaft sogar soweit, daß sie die Jugend als Gewinner dieses gegenwärtigen Gesellschaftstrends sehen, indem durch die allgemeine erlebnisorientierte Ästhestisierung die Lebensphase "Jugend“ eine enorme Aufwertung erlebt. Denn wenn in einer Gesellschaft "die öffentliche Demonstration körperlicher Schönheit und vor allem körperbezogener Expressivität bedeutsam zu werden beginnt, dann übernehmen Jugendliche die Funktion von experimentierenden Trendsettern und Wegbereitern für die neuen und zukünftigen Körper– und Lebensstile“ (Becker, S. 492)

KKK-Generation

Neben der als Gemeinplatz geltenden Aussage, daß natürlich Kinder in dieser beschriebenen Gesellschaft aufwachsen bzw. mit Eltern konfrontiert sind, die sich Grenzerlebnisse zur ganz persönlichen Herausforderung stellen (man sucht sozusagen Abenteuer, die man für sich gegen sich selbst besteht), gelten bereits Kinder als Trendsetter und kaufkräftige Kunden bzw. beeinflußen das Kaufverhalten ihrer Eltern "bedeutend“ (ihre Kaufkraft in Deutschland wird auf 42 Mrd. Schilling geschätzt). Ferner überschüttet das Tempo der heutigen Medien (MTV, Video, Multimedia, Computerprogramme u.a.) die Kinder und Jugendlichen mit einer immer schneller werdenden Informationsflut. Das Problem der Zukunft ist für Kinder und Jugendliche nicht das Mehr an Freizeit, sondern daß in der freien Zeit immer mehr Aktivitäten durchgeführt werden müssen. Gleichzeitig sollten nachfolgend aufgelistete Aktivitäten durchgeführt werden: "Internet-surfen“, Fernsehen, Telefonieren, CD oder Radio hören, Videospiele u.a. Die jungen Menschen entwickeln sich zu einer neuen Medien-Generation, die alles sehen, alles hören, alles erleben und vor allem im Leben nichts verpassen will.

Opaschowski beschreibt den angedeuteten Teufelskreis, "daß nämlich diese Generation nicht alternativ agiert, PC-Nutzung statt Bücherlesen oder Video statt Radio. Für sie heißt es eher: Video+Radio+Computer+Buch+Free+TV+Pay+Teleshopping+Einkaufsbummel .....Sie will alles und von allem noch viel mehr“.

Infolgedessen bringt unsere Kultur eine ganz neue Generation hervor, nämlich die "Kurzzeit-Konzentrations-Kinder“. Diese KKK-Generation wird in Zukunft die Flut an Informationen "scannen“. "Wie beim Scannen liest das Kind die Vielzahl der optischen und akustischen Signale des Lebens selektiv und subjektiv ab, um die Eindrücke psychisch verarbeiten und speichern zu können“ (vgl. Opaschowski, 1996). In den USA werden die Fähigkeiten der Kinder, überhaupt mit dem Informationstempo zurechtzukommen, als Krankheit diagnostiziert und als "Aufmerksamkeitsstörung A.D.D. – Attention Deficit Disorder“ – bezeichnet, die sich aus Spontaneität, Hyperaktivität und Zerstreutheit zusammensetzt.

Der ständige wechselnden Informations- und Bilderflut der Massenmedien wird in Zukunft bzw. bereits jetzt das ständig wechselnde Spielzeug im Kindesalter, wechselnde Freundschaften im Jugendalter sowie ständig wechselnde Partnerschaften im Erwachsenenalter entsprechen. Freunde und Bekannte wechseln wie Werbe-Spots und Freizeitzubehör.

Trotzdem gibt es Störungen bei Kindern und Jugendlichen, die durch die Nutzung der Medien und Verplanung der Freizeit nachweisbar sind. Dazu gehören:

  • Die dramatische Zunahme der Sprachauffälligkeiten. Von 1983 bis 1995 gab es in Deutschland eine Zunahme von sprachauffälligen Kindern in der Größenordung von 87%; 60% der Zeit in der Familie wird sprachlos vor dem Fernseher verbracht.
  • 23% der im Rahmen einer Untersuchung an der Uni Freiburg befragten Kinder (Alter 6 – 13 Jahre) hatten Schlafstörungen durch Streßbelastung.
  • Manche Kinder können nur noch kurze Geschichten erzählen, in denen sich ein Highlight an das andere reiht, wie im Fernsehen, bei Werbesports oder auf Musikkanälen.
  • Die Ablenkungsbereitschaft von Kindern nimmt zu.
  • Das Nicht-zuhören-Können ist heute schon im Kindesalter nachweisbar.

Der frühere Satz: "Eine Sache zu einer Zeit“ hat sich gewandelt in die Gewohnheit "Mehr tun in gleicher Zeit“. Abschließend sei noch auf die von H. Opaschowski aufgestellten Zehn Gebote des 21. Jahrhunderts, die es zu erlernen und zu befolgen gilt, hingewiesen (S. Kasten).

Die Zehn Gebote des 21. Jahrhunderts von H. Opaschowski:
  1. Bleib nicht dauern dran, schalt doch mal ab.
  2. Jag’ nicht ständig schnellebigen Trends hinterher.
  3. Kauf nur das, was du wirklich willst, und mach dein persönliches Wohlergehen zum wichtigsten Kaufkriterium.
  4. Versuche nicht dauernd, deinen Lebensstandard zu verbessern.
  5. Lerne zu lassen, also Überflüssiges weglassen.
  6. Lerne wieder, eine Sache zu einer Zeit zu tun.
  7. Mach nicht alle deine Träume wahr; heb dir noch unerfüllte Wünsche auf.
  8. Tu nichts auf Kosten anderer oder zu Lasten nachwachsender Generationen.
  9. Genieße nach Maß, damit du länger genießen kannst.
  10. Verdien’ dir deinen Lebensgenuß durch Arbeit oder gute Werke: Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es.
  Zitierte Literatur:

Becher, P.: Trainerin,
Korrigieren oder Riskieren? In: Neue Praxis 6/94
Opaschowski, H.:
Die multimediale Zukunft zwischen Akzeptanz und Verweigerung. Vortrag gehalten am 10.12.96 auf dem Kongreß "Infoflut und Datenmeer“.

Popp, R.:
Wie leben wir morgen?
Trend und Tendenzen im Spannungsfeld zwischen Berufs- und Freizeitwelt. In: Spektrum Freizeit, Heft 2/3, 1996
Hinweis: Eine ausführliche Literaturliste zur Thematik ist bei der KiJA Salzburg (Tel.: 0662-1798) erhältlich!

Karl Wilhelmstätter, ist Dipl.-Sozialarbeiter, Geschäftsführer des Vereins "Spektrum“ Salzburg, Supervisor und Lehrbeauftragter an der Sozialakademie Salzburg.
Seine Adresse:
Postfach 67, 5014 Salzburg