Infokl picture

Das gute Beispiel: Gemeinde Pettnau/Tirol

Kinder und Jugendliche denken,
reden und gestalten mit

Ob zu Hause, in der Schule, in der Freizeit, in der Politik, in der Stadt oder bei öffentlichen Verkehrsmitteln: Überall wird über Kinder und Jugendliche geredet, geplant und für sie gedacht – oder auch nicht.

Kinder und Jugendliche werden nicht gefragt, was sie wollen, was sie denken, was sie verändern würden, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Eine erfreuliche Ausnahme ist die Tiroler Gemeinde Pettnau am Arlberg. Bürgermeister Kurt Tschiderer überprüfte mit seinen jüngsten Gemeindebürgern und Peter Egg vom Verein "Junge Menschen denken, reden und gestalten MIT“ die Kinder- und Jugendfreundlichkeit der 1.000-Seelen-Gemeinde. Über einen Monat lang waren Peter Egg und die jungen Menschen im Dorf unterwegs und nahmen jeden kleinen Fleck in der Gemeinde unter die Lupe. Kindergartenkinder, Schülerinnen und Schüler der Volksschule und der Hauptschule hatten Ideen und machten Vorschläge.

Die Kinder bauten mit den Tischlern Dorfbänke. Wo im Dorf die Bänke aufgestellt werden, bestimmen die Schüler.

Keine Spielplätze, sondern Spielräume

Die Spielplätze haben die Erwachsenen erfunden. Sie wurden plötzlich notwendig, weil alles verbaut wurde. Um sich eine letzte Fläche für spielende Kinder zu sichern, reservierten Erwachsene noch nicht verbaute Flächen und nannten sie "Kinderspielplatz“. Das Geschäft mit den Spielgerätefirmen läuft hervorragend. Spielplatzvorschriften füllen seitenweise Papier: je bunter und aufwendiger der Spielplatz, desto kinderfreundlicher scheint die Gemeinde.

Kinder brauchen nicht nur Spielplätze, sie wollen Spielräume! Das sind Innenhöfe, Straßen, Schulhöfe, Nischen, Sport- und Parkanlagen, Wiesen, Wälder, Einkaufszentren, Brunnen. Die jüngsten Pettneuer Gemeindebürger haben konkrete Vorstellungen: Sie wollen im Herbst durch das bunte Laub waten, das auf der Straße liegt und ihre Spuren ziehen. Sie möchten am Brunnenpark Bäume haben, am Platz vor dem Bäcker verstecken spielen können oder auf dem Gelände des Musikpavillions einen Schneehügel aufgeschüttet bekommen. Mit den Liftbesitzern entwarfen sie einen Plan für einen Funpark für Snowboardfahrer. Die Jugendlichen wünschen sich ein Snowboardrennen und wollen gemeinsam mit dem Skiclub und der Gemeinde den 1. Pettneuer Snowboardcontest organisieren.

Das Hexenloch ist seit Generationen schon ein mystischer, geheimnisvoller und beliebter Platz. Dieser Ort im Wald ist bei der heutigen Jugend ebenso attraktiv. Dieser Platz, die Kastanienbäume beim Musikpavillion und andere selbst angelegte Spielplätze sind für Kinder und Jugendliche unschätzbare Spielnischen, die von den "erwachsenen Stadtplanern“ nicht zerstört werden sollten.

Männliche Freizeitbedürfnisse stehen im Vordergrund

Kinder und junge Menschen erschließen sich viele kleine Verbindungswege, die an Pferdekoppeln, Bächen, Hügeln oder Schrotthaufen vorbeiführen. Diese "Schleichwege“ sind reizvoll und schützen die jüngsten Gemeindebürger vor dem Autoverkehr.

Kinder und Jugendliche wurden und werden mit Buben gleichgesetzt. Die unterschiedlichen Bedürfnisse von Mädchen und Burschen werden kaum berücksichtigt. Die Folge: Spielplätze und Freizeitparks orientieren sich an den Wünschen der Burschen und werden meistens von Männern geplant. Es entstehen Fußballplätze. BMX-Strecken oder Skaterparks. Der Verein "Junge Menschen denken, reden und gestalten MIT“ wünscht sich daher, verstärkt die Vorstellungen von einer mädchengerechten Stadt zu berücksichtigen. Die Mädchen hätten gerne mehr Sichtschutz bei den Garderoben im Schwimmbad oder eine bessere Straßenbeleuchtung.

aus Ehe und Familie, Okt. 98

vorige Seite | Inhalt | nächste Seite