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Psychoanalyse – una bella figura?

Eine Buchrezension von Dr. Michael Schmid, Leiter der IfS-Beratungsstelle Dornbirn

Unter dem Titel "Quo vadis Psychoanalyse?“ ist ein Sammelband veröffentlicht worden, der Vorträge eines Symposiums versammelt, mit dem der Arzt und Psychoanalytiker Johannes Cremerius zu seinem achtzigsten Geburtstag von Weggefährten, Kollegen, Schülern und Freunden geehrt worden ist.

Der Name Cremerius ist mit der Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland eng verbunden, aber auch mit den Sackgassen, in die sie geraten ist: Als akademische Disziplin gehört sie längst zu den Grundlagenmethoden in den Geistes- und Sozialwissenschaften, auf keine Lehre wird im wissenschaftlich-universitären Diskurs so oft und so kontrovers rekurriert wie auf die Freudsche Psychoanalyse, jahrzehntelang war sie die dominierende, von den Krankenkassen als Heilbehandlung anerkannte und finanzierte Therapieform. In keinem europäischen Land wurde die Institutionalisierung und Reglementierung soweit getrieben wie in Deutschland und ihre Integration in die Medizin vorangetrieben. Johannes Cremerius hat, wie die Beiträge, die dieser Frage gewidmet sind, zeigen, seinen Anteil daran. Daß sich Widerstand regt gegen die Verschulung der Psychoanalyse und neue freie Formen der Vermittlung und Praxis der Psychoanalyse gefordert und versucht werden, daran hat auch Cremerius, besonders in den letzten Jahren seiner Tätigkeit, mitgewirkt. Ob es Früchte zeigt in einer Zeit, wo die Verschwisterung von Medizin und Psychoanalyse in der klinischen Praxis beginnt Wirkung zu zeigen? Denn im psychotherapeutischen Vorgehen wiederholt sich, was bereits auf der Ebene der Nosographie und Diagnostik vollzogen wurde. Es gibt keine Symptome und Syndrome mehr, nur noch Störungsbilder. Die Fragmentierung der Psychoanalyse schreitet voran. Die Einheit der Psychoanalyse als das Freudsche Feld, das Feld des unbewußten Subjekts, steht hier in Frage. Es geht nicht um dieses, wie einer der Referenten meint, man müsse den Mut haben, "Freudsche Wahrheiten in Zweifel zu ziehen“, sondern es geht darum, das Feld der Subjektivität, das Feld der Wahrheit des Subjekts ist, gegen das Objektive zu verteidigen. Man verliert es unter Garantie, wenn man es messen und quantifizieren möchte. Dieses Legat des Subjekts wird der Psychoanalyse noch immer zugestanden auf dem Feld der interpretativen und reflexiven Wissenschaften. Hier hat Cremerius ebenfalls Akzente gesetzt. Nicht nur mit seiner persönlichen Liebe zur Literatur und Kunst, sondern auch durch die Institutionalisierung eines Dialogs zwischen Psychoanalyse und Literaturwissenschaft.

Der vorliegende Band versucht durch die Verschiedenheit der Texte und der Form ihrer Präsentation der Spannweite des Schaffens von Johannes Cremerius und der Spuren, die es in der deutschen psychoanalytischen Szene hinterlassen hat, gerecht zu werden. Darin liegt seine Absicht. Sein Verdienst liegt in etwas Unbeabsichtigtem: Er zeigt die Brüchigkeit des psychoanalytischen Denkens und den ins Wanken geratenen psychoanalytischen Diskurs, der seine Stütze in der Medizin gefunden hat. Wird es dem ungleichen Paar gelingen, seine Verschiedenheit wieder zu entdecken, ohne daß der eine den anderen verwerfen muß? Daß es wiederkehrt, hartnäckig wiederkehrt, das Verdrängte, zeigt die Arbeit am Diskurs der Psychoanalyse. Er hat bis heute nicht aufgehört, seine Bahnen zu ziehen und jene in Bann zu ziehen, die von ihm Zeugnis geben.

Helmut Reiff(Hg): Quo vadis Psychoanalyse?, Kore Verlag, Freiburg 1998