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Das Gespräch

In Sachen Mensch: Sachwalterschaft
– das oft "unbekannte Wesen"

mit Dr. Herbert Spiess

Dr. Herbert Spiess
Jahrgang: 1959, verheiratet,
wohnhaft in Feldkirch-Levis
Vater eines Sohnes,
namens Theo

 
"Liebster Ort in Vorarlberg": (lacht) zu Hause

Urlaubsland?: Trentino

Gericht?: unser Partner

Trinken?: auch ganz gerne

Lieblingsessen?: italienisch

Feldkirch?: eine wunderschöne Wohn- und Arbeitsstadt

Lieblingsautor?: Dick Francis

Frauen?: nur eine

Sonne?: da zieht’s mich hin

Theo?: alt genug,
um Widerstand zu leisten

sozial?: eine Grundeinstellung

Herr Spiess, Sie sind von der Ausbildung her Jurist und Leiter der IfS-Sachwalterschaft. Eingangs unseres Gespräches kurz einige Fragen zu Ihrer Person. Seit wann sind Sie bei der IfS-Sachwalterschaft?

Ich arbeite seit 1986, nach Abschluß meiner Gerichtspraxis, als hauptberuflicher Sachwalter, seit 1991 bin ich zusätzlich Leiter der IfS-Sachwalterschaft und Patientenanwaltschaft.

Zu Beginn habe ich schon erwähnt, daß Sie Jurist sind. Haben Sie eigentlich nie daran gedacht, in eine andere berufliche Laufbahn einzusteigen? Es ist doch eigentlich eine Sozialeinrichtung, die Sie jetzt leiten.

Die klassischen juristischen Berufe habe ich im Rahmen des Gerichtsjahres nur in Ansätzen kennengelernt und dann doch recht schnell für mich erkannt, daß das nicht meine Perspektive sein kann. Mein Zugang zum IfS war eher zufällig; in den Semesterferien meines Studiums nahm ich als Betreuer bei Ferienlagern für Behinderte teil, die damals noch vom IfS organisiert wurden. Aus diesen Kontakten ergab sich meine Anstellung.

Früher gab es doch die Entmündigung. Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen dem alten Gesetz und der jetzigen Sachwalterschaft.

Die frühere Entmündigungsordnung ging davon aus, daß es wichtig ist, daß die Allgemeinheit Bescheid weiß über psychisch kranke Menschen und vor unüberlegten Rechtsgeschäften geschützt werden soll. Der Zugang heute ist ein durchaus anderer. Es geht darum, den konkreten Menschen, die davon betroffen sind, Hilfestellung zu geben. Auch ist die Anonymität weit höher gewahrt, als es früher der Fall war. Die Geschäftsfähigkeit der Betroffenen wird nur soweit eingeschränkt, als es unbedingt notwendig ist.

Können Sie unseren Leserinnen und Lesern die Klientel beschreiben, die bei Ihnen sozusagen betreut wird?

Es geht ausschließlich um erwachsene Menschen – psychisch kranke oder geistig behinderte Menschen. Was wir in den letzten Jahren stark merken, ist die Überalterung der Gesellschaft. Ein großer Teil unserer neuen Klienten sind sehr alte Menschen, die an Verwirrtheitszuständen leiden infolge von Demenz oder Alzheimer-Erkrankung, insbesondere alleinstehende Menschen, die dann auf unsere Hilfe angewiesen sind.

Ist es also – wenn ich das so zusammenfassen kann – eine rechtliche Vertretung oder ist es auch eine psychisch menschliche Vertretung?

Wir betrachten unsere Tätigkeit als ganzheitliche Betreuung. Die rechtlichen Bestimmungen regeln zwar in erster Linie die gesetzliche Vertretung, d.h., daß in einem gerichtlichen Verfahren geklärt wird, für welche Angelegenheiten ein Sachwalter bestellt werden muß, der dann in diesem Bereich gesetzlicher Vertreter ist. Allerdings gehört zu unserer Tätigkeit auch die – juristisch sogenannte – Sicherstellung der Personensorge dazu. Wir pflegen Kontakte mit den sozialen Einrichtungen und vermitteln Hilfen im sozialen Bereich.

Die IfS-Sachwalterschaft arbeitet ja primär im Auftrag des Justizministeriums, wenn ich das recht sehe. Welche Rolle spielen hier eigentlich die Gerichte?

Die sechs Bezirksgerichte in Vorarlberg sind unsere Auftraggeber. Der Pflegschaftsrichter prüft zunächst, ob im jeweiligen Fall andere Alternativen vorhanden sind, z. B. Angehörige, die als Sachwalter bestellt werden können oder ob vor allem juristische Themen im Vordergrund stehen, dann werden Rechtsanwälte oder Notare als Sachwalter bestellt. Wenn dies nicht der Fall ist, erfolgt eine Anfrage an uns, ob wir diesen Klienten entweder im Rahmen einer Verfahrensvertretung oder als Sachwalter betreuen können.

Sind Sie mit dem Begriff "Sachwalter" zufrieden oder würden Sie sich einen anderen Begriff wünschen?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Mit dem Wort "Sachwalterschaft" können viele Menschen nichts anfangen, weil es ein rein juristischer Begriff ist, der über den Inhalt der Tätigkeit keine Aussage trifft. Andererseits waren 1984 die alten Begriffe Vormund, Mündel und Beistand einfach schon so belastet, daß man sie nicht mehr verwenden wollte...

... im negativen Sinne belastet?

... im negativen Sinne belastet, weil die Entmündigung in der Vergangenheit vielfach mißbraucht wurde und einen ganz schlechten Ruf hatte. Deutschland hat vor einigen Jahren eine andere Bezeichnung gefunden mit dem Begriff Betreuer, wobei es aber auch hier zu Mißverständnissen kommt. Persönlich kann ich mit dem Betriff Sachwalter inzwischen leben.

Jetzt zu Vorarlberg konkret, wieviel Klientinnen und Klienten betreut die IfS-Sachwalterschaft ungefähr im Jahr?

Wir haben soeben unsere Statistik fertiggestellt. Aktuell zum 31.12.1998 wurden 348 Klienten betreut, wobei der Hauptteil der bestehenden Sachwalterschaften bei den ehrenamtlichen Sachwaltern und Sachwalterinnen liegt, ein kleinerer Teil bei den hauptberuflichen. Das hängt damit zusammen, daß der Schwerpunkt der Tätigkeit der hauptberuflichen IfS-SachwalterInnen in der Verfahrensvertretung liegt, wenn vom Gericht überprüft wird, ob ein Sachwalter zu bestellen ist. Natürlich sind es über das Jahr verteilt wesentlich mehr Klienten. 1998 waren es insgesamt 437 KlientInnen, die wir vertreten oder betreut haben.

Stichwort ehrenamtliche Sachwalterinnen und Sachwalter. Können Sie ganz kurz erläutern, was so eine Person tun muß?

Ehrenamtliche IfS-Sachwalter sind gesetzliche Vertreter ihrer KlientInnen, wobei Ehrenamtliche schwerpunktmäßig auf der persönlichen Ebene ihr Angebot machen. Hier geht es um längerfristige Beziehungen zu Menschen, die Unterstützung benötigen.

Warum wird man ehrenamtlicher Sachwalter? Welche Gründe gibt es, daß ein Mensch eine solche Aufgabe übernimmt?

Hier gibt es sicher mehrere Motive. Der Bogen spannt sich von der sinnvollen Freizeitgestaltung über das Bedürfnis, anderen zu helfen, bis zur Erweiterung des eigenen sozialen Horizonts.

Wenn wir bei den Ehrenamtlichen sind, möchte ich noch nachfragen. Wieviel Ehrenamtliche gibt es zur Zeit in Vorarlberg und wie ist das Verhältnis zwischen Frauen und Männern?

Aktuell sind 126 ehrenamtliche IfS-SachwalterInnen tätig, in insgesamt 14 Regionalteams, die jeweils von hauptberuflichen IfS-SachwalterInnen geleitet werden. Das Verhältnis Frauen zu Männern liegt in etwa bei zwei Drittel zu einem Drittel, was im Vergleich zu anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten im Sozialbereich einen erhöhten Anteil von Männern bedeutet. In den meisten anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten im Sozialbereich liegt dieser Anteil zwischen 0 und 5 % Männern.

Haben Sie eigentlich in Vorarlberg genug ehrenamtliche MitarbeiterInnen oder könnten es noch mehr sein?

Wir überlegen immer rechtzeitig, wann wir Bedarf an neuen ehrenamtlichen MitarbeiterInnen haben. Im Laufe dieses Jahres starten wir eine Werbeaktion und eine Ausbildungsgruppe, eher im kleineren Rahmen als in den Vorjahren, damit wir unseren aktuellen Bedarf abgedecken können.

D.h. wenn eine Leserin oder ein Leser so eine neue Aufgabe übernehmen will, kann er/sie sich direkt an die Sachwalterschaft in Feldkirch wenden.

Das wäre ideal. Wir haben auch eine kleine Informationsbroschüre zum Thema ehrenamtliche IfS-Sachwalterschaft, die mit einer Antwortkarte versehen ist. (Anmerkung der Redaktion: nähere Details siehe Seite 12) Wer diese Antwortkarte an uns zurückschickt, wird verläßlich zu einem Informationsabend eingeladen. An einem Informationsabend nehmen auch erfahrene ehrenamtliche IfS-SachwalterInnen teil, die aus ihrer Praxis erzählen, sodaß die ZuhörerInnen sich dann aufgrund des Gehörten entscheiden können, ob sie sich bei uns als ehrenamtliche Mitarbeiter bewerben wollen.

Wenn ich etwas kritisch hinterfrage, gehe ich rein laienhaft davon aus, daß primär die Angehörigen eine Sachwalterschaft von Menschen mit einer Behinderung oder von der Klientel, die sie besonders betreuen, übernehmen sollten. Wie schaut es aus Ihrer Sicht in Vorarlberg diesbezüglich aus?

Bei etwa 75 % der Betroffenen werden von den Gerichten Angehörige als Sachwalter bestellt. Wir haben festgestellt, daß es ein Informationsdefizit für diese Angehörigen gibt. Angehörige werden vom Gericht als Sachwalter bestellt und haben im Grunde genommen kaum Informationen, welche Rechte und Pflichten mit dieser Tätigkeit verbunden sind. Dieses Informationsdefizit versuchen wir seit einigen Jahren durch vermehrte Beratung auszugleichen. Damit machen wir sehr gute Erfahrungen, vor allem in der Richtung, daß Angehörige, wenn wir sie unterstützend begleiten, auch langfristig motiviert sind, diese Tätigkeit wahrzunehmen, ohne auszubrennen.

Also das Burn-out-Syndrom sozusagen. Wenn ich den Leiter der IfS-Sachwalterschaft in Richtung Zukunft noch befragen darf. Welche Wünsche haben Sie als Leiter für die Zukunft?

In naher Zukunft ist eine rechtliche Neugestaltung des Sachwalterrechts geplant, die die Machtfülle eines Sachwalters im persönlichen Bereich der betroffenen Person erhöhen soll, worin ich eher eine Gefahr sehe als einen Vorteil für die betroffenen Menschen. Konkret geht es um die Fragen Zwangsunterbringung in Alten- oder Pflegeheimen bzw. Einschränkungen von Freiheitsrechten, wo ich mir vom Gesetzgeber Zurückhaltung wünsche. Ansonsten wünsche ich mir, daß wir trotz der nicht sehr hohen Kapazitäten an hauptberuflichen IfS-Sachwaltern unseren bisherigen Qualitätsstandard halten können und für Klienten, die uns und unsere Einrichtung brauchen, auch in Zukunft verfügbar sein können.

Danke für das Gespräch.

Das Gespräch führte Franz Abbrederis

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