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Die @ Generation

Von IfS-Geschäftsführer Dr. Stefan Allgäuer

In einer neuen Studie über das Leben und Verhalten von Jugendlichen heute erstellt Prof. Dr. Horst W. Opaschowski folgenden Befund:

  • „Aus den Kindern von Karl Marx sind die Kinder von Bill Gates geworden“.
  • „Die Generation @“– wie Opaschowski die heutige Jugend nennt – „surfe in 90 Sekunden um die Welt, zappe wie im Fernsehen durch das Leben und stehe ständig unter Strom“.
  • Die liebste Freizeitbeschäftigung für 89% ist nach wie vor das Fernsehen, gefolgt von Radio hören (70%), Telephonieren (64%), Video schauen (44%), Bücher lesen (35%) und Computer / Internet (27%).

Auch bei der Bereitschaft zu gesellschaftlichem und sozialem Engagement zeigen sich deutliche Veränderungen:

  • „Kalkulierte Hilfsbereitschaft löst zunehmend das selbstlose Helferpathos ab. Auch soziales Engagement muß sich bei der Jugend rechnen und die Frage gefallen lassen: Was bringt es mir?

Eine der entwicklungspsychologisch bedingten Aufgaben von Jugendlichen ist die Ablösung von den Eltern – eine Voraussetzung, um die eigenständige Identität als Erwachsener aufbauen zu können. Dieser Ablösungsprozeß ist häufig ambivalent und konflikthaft.

Und eine Form der Jugend, diese Konflikte auszutragen, ist die, daß sie uns (den Erwachsenen, den Eltern usw.) mit ihrem Verhalten einen – verzerrten – Spiegel vorhält:
Könnte es sein, daß das „ständig unter Strom stehen“ bzw. das „durch das Leben zappen“ ein Abbild unseres (Erwachsenen-)Verhaltens ist? Ständig verplant – von Termin zu Termin, keine Zeit, keine Prioritäten und keine klaren Werte, Freizeit-Streß, die Menge zählt.

Könnte es sein, daß der „elektronisch geprägte Lebensstil“ von Jugendlichen uns damit konfrontiert, daß auch unsere Art zu Leben nicht gerade geprägt ist von Beziehungsreichtum, Verbindlichkeit und Tiefe?

Könnte es sein, daß die bedingte Bereitschaft Jugendlicher zu sozialem Engagement das widerspiegelt, daß auch bei uns Erwachsenen, insbesonders bei uns Männern, die Frage „was bringt’s?“ eine zentrale Rolle spielt? Nicht umsonst ist die verläßliche, tagtägliche Kleinarbeit z.B. in der Pflege von alten Menschen, immer noch vielfach ungesehene und unbedankte Tätigkeit von Frauen.

Die heutige Jugend ist nicht so schlecht und deren Situation nicht so besorgniserregend, wie man das aufgrund der o.a. Ergebnisse annehmen könnte. Wenn uns die aufgezeigte Entwicklung Sorge macht, sollten wir vielmehr über uns – die Erwachsenengeneration, die Elterngeneration – nachdenken.

In unserer Arbeit im IfS sind wir in vielen Bereichen mit den Konflikten und Problemen Jugendlicher oder deren Auswirkungen konfrontiert. In der Erziehungs- und Familienberatung, in der Jugendberatung, in der nachgehenden Streetwork-Arbeit, in der sozialpädagogischen und erlebnispädagogischen Arbeit mit Jugendlichen, bei der Familienarbeit – überall brauchen wir zur effektiven Hilfe für Jugendliche auch deren Eltern im Einzelnen und die Solidarität der Gemeinschaft im Ganzen.

Und wir machen oft die Erfahrung, daß die durch Kinder und Jugendliche aufgezeigten Probleme und Konflikte viel mehr die unbewußten oder nicht zugelassenen Probleme und Konflikte der Eltern und Erwachsenen sind. Und daß auch diese unsere fachliche Hilfe in hohem Maße brauchen.

Der Spiegel der Jugend, den sie uns vorhält, hat auch eine positive Seite: Jugendliche konfrontieren uns und wünschen sich, daß wir reagieren. Und sie trauen uns auch noch zu, daß wir reagieren und uns ändern. Ich glaube, wir sollten sie diesbezüglich nicht enttäuschen.