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Das Gespräch

„Angst ist notwendig, aber in der
richtigen Dosierung …!“

mit Dr. Erika Neumann

Fact-Box

Dr. Erika Neumann
Jahrgang 1935, seit 26 Jahren Psychotherapeutin beim Institut für Sozialdienste. Erreichbar an der IfS-Beratungsstelle Bregenz, Römerstr. 35, Telefon 05574/42890.

Was sagen Sie spontan zu…
Feldkirch: Türme, Tore, historische Häuser
Regen: Novemberspaziergang
See: Freizeitträume
Bäume: Geborgenheit
Lieblingsort: Dresden
Lieblingsessen: alles was zur „Böhmischen Küche“ gehört
Lieblingsautor: Shakespeare, Lessing, Dostojewski, Duras
IfS: ein wichtiger Teil meiner Lebens-Zeit



Angst ist eigentlich ein Thema, das jeden Menschen betrifft, warum entsteht eigentlich Angst bei uns Menschen?

Angst gehört zu den Grundreaktionen auf Unbekanntes, Neues, sich Veränderndes, auf das wir mit unserem gesamten Wahrnehmungssystem reagieren. Angst gehört zu unserem Sicherungssystem, mit dem der Körper und damit auch die Seele sich auf Neues einstellt.

Angst hat schon ein Kleinkind, das heißt, Angst gehört eigentlich zu jedem Menschen von Anbeginn dazu?

Angst hat eine bewahrend-beschützende Seite und eine einengend-beklemmende. Das ist notwendig. Wir könnten sonst nicht leben und nicht überleben, weil wir viel zu risikoreich auf Dinge zugingen, die für uns neu oder bedrohlich sind, wenn uns die Angst nicht hindern würde. Angst hat eine Warnfunktion.

Es gibt ja verschiedene Ängste. Was würden Sie eigentlich die nachhaltigste oder die, sagen wir so, stärkste Angst im Menschen bezeichnen?

Ich kann es vielleicht so beantworten: Hier in meiner Arbeit begegnen mir am häufigsten die Trennungs-, Verlust- und Versagensängste. Aber es gibt praktisch keine Lebenssituation, die nicht auch an Angst gekoppelt sein kann. Am stärksten werden Panikattacken empfunden, die plötzlich auftreten und eine Art Überflutung durch Angst darstellen.

Verena Kast hat in ihrem neuen Buch „Vom Sinn der Angst“ geschrieben: „Nur wer zur Angst steht und aktiv mit ihr umgeht, kann sie verändern“. Was heißt für Sie eigentlich „richtiger Umgang mit Angst“?

Richtig wäre, wie Sie gerade gesagt haben, zu sehen: Angst gehört zu den Grundmechanismen des Lebens und ich brauche die Angst für mein Leben in einer richtigen Dosierung. Ich erlebe Beängstigung nur dann als störend, wenn sie mich behindert, wenn sie mich verengt in meinen Lebensmöglichkeiten. Es geht in der Psychotherapie nicht darum, jegliche Angst zu vermeiden oder zu beseitigen, sondern nur die störende Angst. Das Wort Angst kommt ja aus dem Lateinischen und heißt in der Übersetzung eng, Engnis. Die eigene Wahrnehmung verengt sich in der Angst und der Körper gerät in Aufregung. Die Erregung zeigt sich beispielsweise in Zittern, Schwitzen und Herzklopfen.

Nochmals zur richtigen „Dosierung“ der Angst. Grundsätzlich ist Angst also notwendig, aber in der richtigen Dosierung?

Ja, wenn wir das für uns stimmige Maß finden zwischen Vermeidungs- und Erprobungsverhalten, haben wir das Gefühl, im Gleichgewicht zu sein. Aber es gibt ja auch ein paradoxes Phänomen. Wenn wir daran denken, daß durchaus manchmal beängstigende Situationen aufgesucht werden. Wenn gefährliche Abenteuer unternommen, gefährliche Sportarten gewählt werden, die eine gewisse „Angst-Lust“ erzeugen, heißt es, daß die Angstgrenze gesucht wird.

Die Freizeitindustrie bietet ja immer mehr und immer öfter solche Angebote. Ich denke an gewisse Jumping-Sprünge und ähnliche Dinge mehr. Warum glauben Sie, daß diese Entwicklung so gekommen ist. Vor einigen Jahren war dies ja noch nicht „in“ und heute wird dies sogar mit großer Geldausgabe praktiziert.

Es ist ein Spiel an den eigenen Grenzen. Wir experimentieren mit uns an der Grenze, wie weit wir Gefahr als belebend empfinden, wie weit sie unser Leben bereichert. Grenzerfahrungen gehören, wenn sie gesucht werden, zu den lustbetonten Erfahrungen. Wenn wir sie dann bestanden haben, steigert sich unser Sicherheitsgefühl. Wir fühlen uns lebendiger, sicherer und stärker.

Abgeleitet von dieser These, könnte man auch davon ausgehen, daß z.B. auch Kriegsausbrüche und Kriegswirren evt. auch mit dieser Überschreitung der Grenze zusammenhängen?

Dies ist eine ganz heikle Frage. Es ist jedenfalls auffallend, wenn ich das einmal unter entwicklungspsychologischem Gesichtspunkt beantworten darf, daß junge Männer ins Kriegsgetümmel geschickt werden, die das Risiko noch nicht in vollem Umfang kennen, mutig sind, sich erproben wollen, sich für eine Sache einsetzen wollen. Männer in einem Alter, in dem Grenzen erfahrbar gemacht werden sollen, in dem man das Abenteuerliche sucht. In der Zeit von Anfang bis Ende 20 stabilisieren sich Lebensentwürfe. Es ist die Zeit des eigentlichen Erwachsenwerdens. Aber der junge Mensch hat noch nicht die Erfahrung von den Folgen risikoreichen Verhaltens und wagt deshalb abenteuerliche Selbstüberprüfungen.

Mir fällt auf, daß sehr viele Menschen, zumindest für mich, unverständliche Ängste haben, ich denke z.B., wenn sie einen Wurm sehen, oder eine Maus. Wie entstehen solche Ängste? Ängste vor Dingen, wo eigentlich keine Angst notwendig wäre?

Wir müssen hier unterscheiden zwischen Angst und Furcht. Die Phobien, die Furcht vor Objekten oder Situationen, sind in der Regel erworben. Wir verbinden damit erschreckende, unberechenbare oder ekelerregende Situationen. Phobien kommen relativ oft aus der magischen Denkwelt des Kindes, in der bedrohliche Tiere, bedrohliche Gestalten eine große Rolle gespielt haben. Wenn wir dieser Furcht nachgehen, treffen wir auf Gefühle, die mit einem Erlebnis, einer Erzählung, einem Märchen zusammenhängen, z.B. „mit großen Spinnen“, „ekligen Fröschen“ oder „Mäusen“, die plötzlich angriffig auftauchen. Also Situationen, die ein Kind als erschreckend und beängstigend erlebt. Solche Schrecknisse können sich lange halten. Wenn man Furcht nachspürt und sie loswerden will, lässt sie sich durchaus behandeln. Sehr viel schwieriger sind die Lebensängste, die einen diffusen Charakter haben und die gesamte Lebenswelt beeinträchtigen. Dann ist der Mensch voller Unruhe und reagiert angstvoll auf alle Anforderungen. Dieser Zustand wird wie eine Krankheit erlebt. Angst beeinträchtigt das Leben ähnlich stark wie Schmerz.

Ich höre hier heraus, daß Angst und Schmerz und Krankheit sehr eng zusammenhängen. Eine vielleicht nicht ganz einfache Frage: Der Mensch weiß, daß er stirbt, jeder Mensch weiß das, trotzdem haben wir vor diesem Schritt Angst, wir verdrängen ihn auch. Warum wohl?

Es geht nur mit Verdrängung. Wir könnten ohne ein gewisses Verdrängungspotential nicht leben.

Das heißt, Sie unterstützen die These, daß der Mensch das Sterben oder das Ausscheiden aus dieser Welt verdrängen soll?

Ich kann das nicht so eindeutig beantworten. Ich denke, daß es Lebenssituationen gibt, in denen wir es nicht mehr verdrängen können und auch nicht mehr dürfen. Wenn ich von einer lebensbedrohlichen Krankheit erfahre oder wenn sie mich selbst betrifft, kann ich das nicht verdrängen. Dann muß ich mich mit meiner Endlichkeit auseinander setzen. Das muß ich auch, wenn ich mit Menschen arbeite und dieses Thema angesprochen wird. Aber wenn es um eine vorweggenommene Angst geht, wenn jemand in einem jüngeren Alter ständig an Krankheiten denkt, an sein Sterben und an seinen Tod und wenn diese Gedanken sein ganzes Leben füllen, muß ich in der psychotherapeutischen Arbeit nach den Ursachen suchen. Ich denke, es macht einen Unterschied, ob mich die Angst vor meinem Tode mit 20 Jahren oder mit 65 Jahren überfällt. Dann ist es wirklich Thema, dann sind auch die psychotherapeutischen Wege andere. In älteren Jahren zu schauen, was will ich in meinem Leben noch erfahren, was will ich noch erledigen, was will ich noch hier lassen, wie ist mein Vermächtnis, was möchte ich noch bekommen, ist sinnvoll. Sich dies anzuschauen ist in bestimmten Lebensphasen sehr wichtig. In der Regel haben wir ja mehr Angst davor, nicht gelebt zu haben als tot zu sein, weil wir vom Tod keine Vorstellung haben.

Ich kenne aber andererseits einige Menschen, die noch nicht ganz alt sind, die aus einer tiefen inneren Befriedigung heraus oder auch Zufriedenheit, sich auf den Tod „freuen“ und zugleich sagen, ich lebe aber unendlich gerne.

Ja, wenn sie es aus dem Glauben oder einer inneren Gelassenheit oder auch Zufriedenheit mit dem Leben so bedenken, dann stimmt es für diese Menschen. Und dann ist es auch keine psychotherapeutische Aufgabe, daran etwas zu verändern. Es gibt Menschen, die sich darauf freuen, dann „ihre Ruhe“ zu haben oder „in der besseren Welt“ zu sein. Aber letztlich ist es für uns, trotz unseres Wissens darum, nicht möglich, unseren eigenen Tod zu denken.

Was können Menschen tun, die oftmals in panischen Angstzuständen leben? Gibt es hier Möglichkeiten der Veränderung?

Die Panikattacken werden als sehr bedrohlich erlebt. Hier brauchen wir medikamentöse Unterstützung und müssen den Menschen empfehlen, einen Arzt aufzusuchen und parallel psychotherapeutisch arbeiten. Die psychotherapeutische Arbeit stützt sich z.B. neben der aufdeckenden psychoanalytischen Ursachenerforschung auf zwei Verfahrenswege, die bei der Angstentlastung helfen: Einmal die Atmung und Entspannung, um Ruhe und Sicherheit zurückzugewinnen und zum anderen auf die verschiedenen Formen der Bewegung, um Lähmung und Beklemmung zu vermindern. Alle körperlichen und seelischen Stabilisierungen werden als hilfreich
erfahren. Das Wiederentdecken der Selbstheilungskräfte ist ebenso wichtig, wie das Suchen neuer Sicherheiten. Daneben sind pflanzliche Heilmittel wichtig, wie z.B. Johanniskrautöl oder Passionsblume, die eine stimmungsaufhellende oder beruhigende Wirkung haben. Die Klienten berichten oft, daß sie diese Mittel als gute Unterstützung empfunden haben.

Frau Dr. Neumann, Sie sind nun bereits seit 26 Jahren in der Beratung beim IfS aktiv. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern aus Ihrer langjährigen Erfahrung einige Beispiele sagen, wie Menschen in der Beratung mit Angst umgegangen sind?

Zur Zeit arbeite ich mit einer 38-jährigen Frau, die sich „vor allem ängstigt“. Sie mag am Morgen nicht aufstehen, fürchtet sich vor der Begegnung mit Menschen, wagt nicht, aus dem Haus zu gehen. Beim Einkaufen kann sie keine Entscheidungen treffen. Sie kann nicht mehr ins Theater oder in Konzerte gehen, weil sie die Menschenmengen nicht erträgt. Sie fühlt sich von ihrer Angst regelrecht eingeschnürt.

Eine andere Klientin hat den Lebensmut nach dem Unfalltod ihres 6-jährigen Kindes völlig verloren. Sie fürchtet, daß auch ihren anderen Kindern, ihrem Mann und ihr selbst jederzeit etwas passieren könnte. Und vor allem fürchtet sie sich, selbst etwas falsch zu machen. Sie traut sich nichts mehr zu und sieht in allem Gefahr.

Eine junge Frau von 26 Jahren hat nach jahrelangen Mißbrauchserfahrungen Angst vor jeglicher Art von Beziehungen. Sie hat das Vertrauen verloren und will sich vor möglichen neuen Verletzungen schützen. Sehr häufig begegnen mir Trennungsängste bei Männern und Frauen, die aufgrund der Angst, allein zu leben, länger in ihren Beziehungen verharren als es ihnen oder den Partnern gut tut. Die Belastungen und Blockaden hemmen die persönliche Entwicklung, aber die Angst vor dem Beziehungsverlust überlagert jeden Lösungsweg. In allen diesen Beispielen geht es darum, die Angst wenigstens zu mildern und allmählich neue Vorstellungen, neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Die Menschen erleben es als hilfreich, diese neuen Wege nicht allein zu gehen. Es braucht meist eine längere Zeit geduldiger psychotherapeutischer Zusammenarbeit, um neue Sicherheiten und ein besseres Lebensgefühl zu gewinnen.

Das nächste Thema ist sehr persönlich. Sie müssen diese Frage daher nicht beantworten. Wenn Sie an sich selbst denken, wo hatten und haben Sie die größten Ängste?

Ich habe meine größten Ängste und auch ein persönliches Trauma durch den 2. Weltkrieg erlebt, bei den Bombenangriffen auf meine Heimatstadt Dresden. Mich beängstigt all das in extremen Maße, was mit Krieg und Kriegsfolgen zusammenhängt. D.h. letztendlich alles, was mit Macht und Gewalt zu tun hat.

Ich habe so den Eindruck, daß gerade auch diese aktuelle Krise auf dem Balkan sehr viele Menschen, vor allem auch ältere Menschen, sehr stark beunruhigt und sehr tiefe Angst auslöst.

Das ist bei mir auch so.

Ich danke für das Gespräch!

Das Gespräch mit Dr. Erika Neumann führte Franz Abbrederis.