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Kinderängste

Im Alltagsleben mit Kindern stoßen wir auf vielerlei Ängste. Auch wir Erwachsenen kennen diese Gefühle nur zu gut! So unangenehm die Angst auch sein mag, sie hat eine wichtige Signalfunktion, indem sie auf eine drohende Gefahr hinweist. Eine Analyse von Dr. Sibylle Kecht.

Angstgefühle sind eng mit starken, körperlichen Reaktionen verbunden – „Wir sind blaß, gelähmt oder starr vor Angst“, wir haben „Schiss vor etwas“, Angstschweiß bricht aus, oder das Herz flattert usw. Diese Reaktionen dienen der Abwehr der Angst und sollen bereitmachen für den Kampf oder die Flucht.

„Stärker als die Liebe ist nur noch die Angst!“
Das Wort Angst läßt sich aus dem lateinischen „angustia“ ableiten und bedeutet soviel wie Enge. Wenn die Gefahrenquelle von außen kommt und sich auf etwas Konkretes bezieht, sprechen wir von Realangst oder Furcht (z.B. Angst vor Hunden). Die sog. irreale Angst ist diffus und wird aus inneren Quellen gespeist (z.B. Dunkelangst).

Manche Kinderängste lassen sich bestimmten Entwicklungsphasen zuordnen, andere kommen in der gesamten Lebensspanne vor. Die Angst vor dem Verlassenwerden kennt das kleine Baby gleichermaßen wie die Oma im Altersheim.

Die häufigsten Kinderängste beziehen sich auf

  • Dunkelheit
  • Alleinsein
  • Gewitter
  • Orte und Plätze
  • Magische Gestalten (z.B. Hexe)
  • Versagen
  • Ablehnung
  • Schule
  • Tod, Krieg und Umweltzerstörung

Angst wirkt lähmend und kann sich hemmend auf die gesamte Entwicklung auswirken. Der Volksmund kennt diese Zusammenhänge und drückt es so aus: „Angst macht dumm“.

Wie kann Kindern bei der Angstbewältigung geholfen werden?

Die Einstellung der Eltern, daß Angst zu den menschlichen Grunderfahrungen gehört und nicht völlig ausgemerzt werden kann, schützt vor dem illusorischen Anspruch, Kindern völlig angstfrei erziehen zu können.

Der Unterschied zwischen der normalen entwicklungsbedingten Angst und der pathologischen, d. h. krankmachenden Angst liegt im Ausmaß und in der Intensität sowie in der Dauer des Auftretens. Es ist eine tröstliche Alltagserfahrung, daß sich Kinderängste wieder auswachsen; dies hängt mit der zunehmenden Stärkung und Reifung des Ichs zusammen.

Vorbildwirkung der Eltern Angst entsteht auch durch Nachahmung und Ansteckung. Je angstfreier die Eltern ihr Leben gestalten, um so besser gelingt dies auch den Kindern. Weil Kinder in einer so engen Gefühlsbindung zu den Eltern stehen, können sie auch feinste Signale der elterlichen Gefühlswelt aufnehmen, auch dann, wenn Kinder überhaupt nicht darübe r sprechen.

Verstärkte Liebeszuwendung ist die beste Antwort auf kindliche Ängste. Ermutigung statt Kritik! Tröstende Zuwendung in Form erklärender Worte sowie zärtliche Berührungen vermitteln eine beruhigende Gegenwart und mildern die Angst schon allein dadurch, daß der Körper in einen Zustand der Entspannung versetzt wird. Lächerlichmachen oder gar Strafandrohung steigert die Angst.

Die heilenden Kräfte des Spiels können genützt werden, indem angstmachende Alltagsszenen spielerisch dargestellt und „geübt“ werden (z.B. Angst vor Zahnarzt, Prüfungen, etc.)

Sanftes Konfrontieren mit der Angstquelle bringt die Chance, eine schwierige Situation doch zu meistern, und Erfahrungen dieser Art stärken das Selbstbewußtsein, während ständiges Vermeiden die Angst letztlich vergrößert (z.B. an der Hand des Vaters am Hund vorbeigehen anstatt wegzulaufen).

Offener Dialog statt Verleugnung wirkt vertrauensbildend, was besonders im Zusammenhang mit Ängsten vor Krieg und Umweltzerstörung von hoher Aktualität ist. Hier zeigt sich besonders deutlich, daß es ein Stück weit auch ums Aushalten von Angst und Unsicherheit geht.

Kindertherapie. Bei länger anhaltenden und panikartigen Ängsten kann auch der Weg zur psychologischen Beratung weiterhelfen.

Kinder in Angst sind auf den wohlwollenden Zuspruch und die zärtliche Berührung angewiesen. Sie brauchen die tröstende Gegenwart eines Menschen, denn: Kindheit ist nicht kinderleicht!

Dr. Sibylle Kecht, Psychotherapeutin, Institut für Sozialdienste Feldkirch, Schießstätte 14