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Vom Wesen der Angst

von Mag. Heike Mennel-Kopf

Wirkungsweisen von Angst

Bereits vor und vor allem während seiner Geburt erlebt jedes Kind jenen Zustand, in welchem die etymologischen Wurzeln des Wortes Angst liegen. Sowohl das indogermanische „angh“ wie auch der lateinische Begriff „angustiae“ bezeichnen den (seelischen) Zustand von Enge, Beklemmung und Bedrängnis. Jede/r von uns kennt das Gefühl Angst und erlebt es am eigenen Körper. Denn zuallererst ist Angst ein leiblicher Zustand. An unserem Körper merken wir, daß wir Angst haben. Dies macht sich vor allem im Brust- und Bauchraum bemerkbar. Bei Angst halten wir den Atem an bzw. atmen flacher (was wir oft erst bei Nachlassung der Angst bemerken, wenn wir unsere Anspannung in einem kräftigen Schnaufer loslassen), wir können uns auch im Bauchraum verkrampfen, die Verdauung wird miteinbezogen. Angst ist ein sehr elementares Gefühl, das den ganzen Körper betrifft, und auch in der Sprache existieren viele Redewendungen, die diese Leiblichkeit der Angst verdeutlichen: dem einen sitzt die Angst im Nacken, oder der Schreck fährt ihm in alle Glieder, der andere hat vor Angst einen Kloß im Hals oder ihm ist gar die Kehle zugeschnürt. Diesem Gefühl kommt in der Sprache wie auch in der Realität sogar die Macht zu, einen Menschen vor Angst/Schreck tot umfallen zu lassen.

Der körperliche Zustand von Angst ist gekennzeichnet durch einen Anstieg an Erregung und Anspannung, und zu sehen als Reaktion auf die Wahrnehmung von Bedrohung und Gefährdung. Somit stellt uns der Körper seine Reserven bereit, damit wir entweder flüchten oder um uns mit einer aggressiven Handlung verteidigen zu können. Die Skala der Angst reicht vom leichten oft sogar noch als lustvoll erlebten Prickeln bis zur reinen Panik, wo die Anspannung so übermächtig wird, daß sie uns vollkommen lähmt und blockiert. Auch unsere Psyche reagiert auf eine momentan wahrgenommene Gefahr: um schnelles Reagieren zu ermöglichen, schüttet unser Gehirn in Gefahrensituationen das Hormon Adrenalin aus, welches alle bewußten Denkprozesse blockiert. Damit können wir leicht den Überblick verlieren, und unsere Wahrnehmung verändert sich, auch jene von uns selbst, und unser Selbstvertrauen kann leicht erschüttert werden. Auch hier finden sich in der Sprache treffende Wendungen wie „blind vor Angst“ oder „dumm vor Angst“ werden. D.h. unter Angst tritt ein gewisser Identitätsverlust auf, und Angst verändert ebenfalls unsere Beziehungen, denn wenn wir uns hilflos fühlen, übergeben wir gern jemand anderem die Verantwortung, wir geraten leichter in ein Abhängigkeitsverhältnis.

Wie der Körper verfügt auch unsere Psyche über Möglichkeiten, mit Angsterleben umzugehen, den sogenannten Abwehrmechanismen. Im Distanzieren und Rationalisieren verschaffen wir uns z.B. innerlich einen Abstand zum Geschehen und versuchen uns dadurch zu beruhigen, indem wir uns sozusagen selbst zureden oder das „Problem“ zu analysieren beginnen. Andere gängige Abwehrmechanismen sind die Projektion, wo z.B. für das innere Erleben einer Angst ein Auslöser bzw. sehr oft ein/e Schuldige/r im Außen gesucht wird, und das Entwerten oder Bagatellisieren, bei dem das angstauslösende Moment kleiner gemacht, d.h. auch geringgeschätzt wird. Grundsätzlich sind diese und auch andere Abwehrmechanismen als notwendig und wichtig für die Gesundheit und das Überleben unserer Psyche, also von uns selbst, zu betrachten. Werden sie immer wieder oder zu einseitig eingesetzt, um Ängste bewältigen zu können, wirken sie jedoch neurotisierend und erzeugen ihrerseits wiederum Angst.

Vom Sinn der Angst

Genaugenommen müßte man unterscheiden zwischen dem Begriff Angst und dem Begriff Furcht. Während in der Psychologie Angst jene Emotion bezeichnet „die entsteht, wenn die Gefahrenquelle nicht eindeutig lokalisierbar ist, wir also keine gerichtete Aktivität zur Bewältigung der Angst haben“, so spricht man von Furcht , wenn die Gefahrenquelle eindeutig identifiziert werden kann. Sigmund Freud unterscheidet zwischen Realangst und neurotischer Angst. Es gibt weiters die Unterscheidung zwischen Grundängstlichkeit und aktuellen Angsterlebnissen, wobei erstere eine Eigenschaft ist, die bestimmten Menschen zugeschrieben wird, und mit zweiterem die an bestimmte Ereignisse oder Situationen gebundene Zustandsangst gemeint ist. Menschen mit einer hohen Grundängstlichkeit sehen mehr oder weniger überall eine Bedrohung, ohne aber Wege zur Bekämpfung oder Verteidigung zu kennen.

Im alltäglichen Sprachgebrauch verwischt sich dieser Unterschied (so gibt es sowohl die Todesfurcht wie auch die Todesangst), und auch in der verwendeten Literatur scheint sie unwesentlich. Wesentlich hingegen und den verschiedenen Ansätzen gemeinsam sind zwei Aspekte der Angst: nach Verena Kast zeigt Angst eine „anthropologische Konstante des Menschen. Immer in Gefahr zu sein, immer bedroht zu sein, immer mit Bedrohungen umgehen zu müssen, aber auch durch diese ewigen Bedrohungen zu mehr Selbstsein gezwungen zu sein, zu mehr Eigentlichkeit, zu mehr Vertrauen ins Dasein,“ d.h. die Angst gehört somit zum Dasein des Menschen und ist ein überlebenswichtiges Gefühl, indem es uns vor Gefahr und Bedrohung warnt. Angst ist aber auch eine Herausforderung an den Menschen, die, wenn sie angenommen wird bzw. werden kann, eine Chance zur Weiterentwicklung bietet.

Angst als eine grundlegende menschliche Emotion kann in jeder Situation auftreten. Diesen Situationen gemeinsam sind Erfahrungen wie:

  • etwas Neues, Unbekanntes tritt in unser Leben, gewohnte Bewältigungsstrategien greifen noch nicht oder nicht mehr
  • jede Angst ist auch Trennungsangst oder Verlustangst, d.h. uns droht etwas Gewohntes zu verlieren und sind aufgefordert, neues anzunehmen, eine Entwicklung zuzulassen bzw. diese aktiv zu betreiben
  • ein wichtiger Wert unseres Lebens bzw. wir selbst scheinen bedroht.

Letzten Endes verdeutlicht uns die Angst unsere Abhängigkeit und das Wissen um unsere Sterblichkeit. Existenzphilosophen wie Sören Kierkegaard sahen Angst als Grundtatbestand des Daseins, als Angst vor dem Nichts.

„Vom Wesen der Angst“ ist ein Textauszug aus einer Diplomarbeit von Mag. Heike Mennel-Kopf, die sie an der Lehranstalt für Ehe- und Familienberatung der Diözese Feldkirch eingereicht hat.

Wer Interesse an der gesamten
Diplomarbeit hat, hier die
Adresse der Autorin:
Mag. Heike Mennel-Kopf
Neugasse 30, 6850 Dornbirn
Tel. 05572/29806