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Mut zur Angst – The gift of fear

Eine Buchbesprechung von Dr. Peter Lissy, Psychologe und Psychotherapeut an der IfS-Beratungsstelle Feldkirch

Zwiespältige Gefühle

Das Buch löst beim Lesen zwiespältige Gefühle in mir aus: Schon nach den ersten Seiten kam ich mir vor wie in einem amerikanischen Thriller der Sorte „Das Schweigen der Lämmer“. Mein erster Gedanke: Typisch amerikanisch: Als Sachbuch durchaus seriös aufgemacht, in Stil und Schreibweise mit der direkten Anrede des Lesers aber reißerisch und nur auf Absatz gepusht. Das Buch von Gavin de Becker ist in Amerika tatsächlich ein Bestseller. Auf der anderen Seite: Die präzise sachliche Information und die Fähigkeit des Autors, sein großes Wissen verständlich und spannend „rüberzubringen“, haben mich wider Willen doch beeindruckt. Nun zum Inhalt: Der Titel „Mut zur Angst“ könnte falsche Erwartungen wecken, hier etwas über seine Ängste zu erfahren. man tut es auch, nur in einem ganz speziellen Zusammenhang. Es geht um Gewalt und wie sie verhindert werden kann, bzw. wie vorausgesagt werden kann, ob eine Gewalthandlung eintritt. Der Autor selbst hat eine eigene Firma, welche sowohl von Privatpersonen als auch von offiziellen Stellen zu Prognosen, Einschätzungen, Begründung und Verständnis von Gewalthandlungen und Tätern konsultiert wird.

Intuition ist Schutz

Die Grundthese von de Becker ist folgende:
Wir alle wissen intuitiv, wann eine Situation für uns gefährlich ist. Wir tragen dieses Wissen, welches Becker Intuition nennt, in uns; es gehe nur darum diesem Wissen zu vertrauen, es ernst zu nehmen. Es gibt einen universellen Code der Gewalt und diesen Code verstehen wir zu lesen. Leider trauen wir dieser Intuition oft nicht und berufen uns auf Vernunft oder gesellschaftliche Konventionen. Gewalt ist nie zufällig oder „sinnlos“, sie hat immer ein Ziel und einen Sinn, zumindest für den Täter. Becker: „Eine Gewalthandlung ist genau so vorhersag- und sehbar wie irgend ein anderes Verhalten z.B. im Straßenverkehr oder in einer Schulklasse. Intuition ist ein kognitiver Prozeß, der viel schneller abläuft als schwerfällige Logik; und dieser Prozeß läuft immer dann ab, wenn unser Körper bedroht ist“. Intuition kommt vom lateinischen tuere: schützen, wachen: „Intuition ist Wissen ohne daß wir wissen, warum wir wissen“ (Becker). Wir neigen allerdings dazu, Aufmerksamkeit den Gefahren zu widmen, welche wir nicht kontrollieren können z.B. Naturkatastrophen und jene zu ignorieren, die wir kontrollieren könnten, wie z.B. Rauchen.

Gefahrensignale

Es ist eine altbekannte Tatsache: Wir sehen nur das, was wir sehen möchten. Das heißt: Der ärgste Rivale der Intuition ist das Verleugnen, Mißachten von Gefahrensignalen. Es gibt eine Reihe von Signalen, die von einem potentiellen Gewalttäter ausgehen und die wir „lesen lernen können“:

  • Erzwungene Gemeinschaft: (Täter stellt ein Wir-Gefühl her um möglichst schnell Mißtrauen zu beseitigen)
  • Charme und Nettigkeit
  • Zu viele Details: (Lügner erzählen mehr als nötig, um uns vom wesentlichen abzulenken)
  • Das unerbetene Versprechen: (Täter gibt ein Versprechen ab, um das man gar nicht gebeten hat – eines der sichersten Signale!)

Geschenk der Angst

Die Intuition verfügt über mehrere „Botschafter“ die eigene Aufmerksamkeit zu erringen:
Die wichtigste: Angst
Der Autor ermutigt zum Ernstnehmen von Angst als Gefahrensignal. Im Original heißt das Buch: „The gift of fear“, das Geschenk der Furcht.
Andere Signale sind:

  • Nagende Verunsicherung
  • Quälende Gedanken
  • Humor (meist schwarzer)
  • Zweifel
  • Gefühle „aus dem Bauch“
  • Neugierde
  • Mißtrauen
  • Erhöhte Aufmerksamkeit

„Sprache der Gewalt“

Um Gewalttaten einigermaßen einschätzen und vorhersagen zu können, muß man fähig sein, menschliches Verhalten zu lesen: In der menschlichen Körpersprache gibt es 66 Signale, die weltweit verstanden werden z.B. das vorgestreckte Kinn als Zeichen für Aggression. Aber es braucht noch mehr als körpersprachliche Signale lesen zu können: Um Prognosen zu einer möglichen Gewalttat abgeben zu können, müssen wir die Dinge aus der Sicht des Täters sehen. Das heißt, man muß die „Sprache der Gewalt“ verstehen. Dazu gehört u.a.:

  • Die Sprache der Angst vor Zurückweisung
  • Die Sprache der Prahlerei
  • Die Sprache der Suche nach Aufmerksamkeit
  • Die Sprache der Rache
  • Die Sprache der Identitätssuche

Sind Prognosen möglich?

Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst. Aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel.

Erich Fried
Im weiteren Verlauf müssen wir fragen, ob die Person Gewalt als Fördermittel oder Hinderungsmittel zu einem begehrten Ziel betrachtet. Dies läßt sich, nach Becker, an 4 Punkten relativ einfach einschätzen: Es ist dies die Formel JACA Rechtfertigung, Alternativen, Konsequenzen und Befähigung.

  • Subjektive Rechtfertigung (J)
    Fühlt sich die Person gerechtfertigt Gewalt einzusetzen? (Zorn, Rache, Kränkungen).
  • Subjektive Alternativen (A)
    Gibt es machbare Alternativen zu Gewalt, die die Person dem gewünschten Ziel näherbringen?
  • Subjektive Einschätzung der Konsequenz (C)
    Werden die Konsequenzen von der Person positiv eingeschätzt? Wenn ja, ist Gewalt wahrscheinlich.
  • Subjektive Befähigung (A)
    Hält sich die Person auch für befähigt zur Gewaltausübung? (z.B. durch den Besitz einer Waffe).

Wenn Becker zur Angst ermutigt, meint er die „echte“ Angst im Gegensatz zu Befürchtungen oder Sorgen. Bei der echten Angst geht es immer um den Zusammenhang mit körperlichem Schmerz und möglichem Tod. Der Autor plädiert daher, sich weniger – unnötige – Sorgen zu machen und die Angst als Signal für wirkliche Gefahr ernstzunehmen und als Geschenk zu pflegen.

Gavin de Becker: Mut zur Angst. Wie Intuition uns vor Gewalt schützt. Wolfgang Krüger Verlag, Frankfurt am Main 1999.