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Beratung was ist das?

von Dr. Michael Schmid

Dr. Michael Schmid
Kaum ein anderes Gebiet der Sozialen Arbeit hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich und ohne spektakulär auf sich aufmerksam zu machen, zu einem wesentlichen Faktor der sozialen Sicherheit entwickelt, wie die sogenannte „Beratung“. Bekannt unter den Bezeichnungen Erziehungs- und Jugendberatung, Erwachsenenberatung, Ehe- und Paarberatung, um nur die wichtigsten zu nennen. Umhüllt von Prinzipien wie Anonymität, Verschwiegenheit und Vertraulichkeit, ist es ein Bereich, der die geringste Publizität für sich beanspruchen kann und doch einen außerordentlich wichtigen Beitrag zur „res publica“ (Gemeinwesen) leistet. Jeder Bereich, der dem Blick der Öffentlichkeit entzogen ist, weckt Phantasien und den Wunsch nach Einsicht und Kontrolle. Ganz im Gegenteil zum geflügelten Wort: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ macht heiß, was ich vom Anderen nicht weiß. So auch bei Institutionen, die sich durch professionelle Regeln wie Schweigepflicht und Anonymität der „Tyrannei der Transparenz“ entziehen. Ähnlich der Organisation des Ichs, der Stätte der Angst, die sich durch Vorgänge des Unbewußten in Frage gestellt sieht, ähnlich der Familie, die sich dann am zudringlichsten zeigt, wenn sich eines ihrer Mitglieder ihrem Einfluß entzieht, kann von Beratungseinrichtungen eine latente Bedrohung ausgehen, weil das „Wissen“ über die Gesellschaft, das sich in ihnen wie in einem großen Gedächtnis einschreibt, dem Zugriff der gesellschaftlichen Kontrolle entzogen ist. Wie sich ein einzelnes Individuum durch seine Erinnerung bedroht fühlen kann und eine Gesellschaft auf das Vergessen hofft, kommt es in Bezug auf Beratungseinrichtungen zu Angstbewältigungsstrategien, die sich in Fragen nach dem Nutzen, den Kosten, ihrer Sinnhaftigkeit und Berechtigung ausdrücken. Solche Einrichtungen sind besonders stark dem Verdacht ausgesetzt, es gehe in ihnen nicht mit rechten Dingen zu.

Beratung ist immer die Bezeichnung für ein Verhältnis (Berater/in-Klient/in), das bewirkt, daß das Verhältnis selbst zum Feld der Erfahrung, des Lernens und der Veränderung wird. Verhältnisse erhalten unterschiedliche Ausrichtungen, je nachdem, welche Dynamik, welcher Prozeß initiiert werden kann. Das menschliche Lernen, vom Beginn des Lebens bis zum Tod, ereignet sich in Verhältnissen und es geht dabei immer um die Frage des Wissens. Um welches Wissen? Beratung ist ein Verhältnis, das Zugang zu einem Wissen ermöglicht, das nicht wissenschaftliches, vorgefertigtes Wissen (also Technik) ist, sondern Wissen des Einzelnen von sich selbst, das allerdings ohne wissenschaftliches Denken nicht ermöglicht werden kann. Die Zugangsformen, die Gestaltung der Verhältnisse unterscheiden sich radikal von alltäglichen Situationen des Gesprächs. Die Wege sind vielfältig und oft langwierig und müssen sich aus der Fragestellung und den Möglichkeiten der daran Beteiligten ergeben. Deshalb haben wir unseren Erstkontakt an der Beratungsstelle zu einer Drehscheibe entwickelt, die es ermöglicht, jedem einen Zugang zu seiner Frage zu finden. Wozu dieses Wissen? Dieses Wissen betrifft die Fragen des Menschen nach dem, woher er kommt, was er ist, was er hoffen, was er werden kann. Es betrifft sein Verhältnis zu sich, zur Welt und zum Anderen. Viele Fragen, Hoffnungen, Störungen und Probleme des modernen Menschen lassen sich in diesen Verhältnissen benennen und bearbeiten. Jede Gesellschaft und jede Zeit hat ihre Themen. Gegenwärtig beschäftigt uns die Frage der Gewalt inmitten einer Institution, die von so vielen gern als Ort der Idylle, der Harmonie und der Friedfertigkeit gesehen wird: Die Familie. Zu jeder Zeit der Geschichte aber muß man die real existierende Familie von ihrem Ideal unterscheiden. So gesehen sind die Probleme der Familie nicht neu. Neben dem, was zu gesellschaftlich aktuellen Themen wird, gibt es eine Vielzahl von Fragen, die sich aus der Bedingtheit des Menschen und seiner Abhängigkeit vom Anderen ergeben.

Man kann dagegen einwenden, daß es Zeiten gab, in denen es noch keine Beratungseinrichtungen gegeben hat. Das stimmt. Doch jede Kultur bringt die ihr angemessenen Formen, das gesellschaftliche Leben zu erfassen, hervor und ihre eigenen Hilfsmittel zu dessen Bewältigung. Und vergessen wir nicht: die Psychoanalyse, die Mutter der modernen Psychotherapie ist hundert Jahre alt und die Anfänge der Erziehungsberatung gehen auf den Beginn dieses Jahrhunderts zurück! Und davor? Gab es andere Formen der Hilfe, aber es gab auch andere Mechanismen der Ausstoßung, des Ausschlusses der „Gestörten“, es gab Asyle zu ihrer Verwahrung, es gab seelisches und soziales Elend. Wir alle leben in eine Zukunft hinein, die wir nicht kennen und die wir nur in der Vergangenheit verstehen, wenn die Zukunft gewesen sein wird.

Was vor 20 Jahren, als wir mit dem Aufbau der Beratungsstelle Dornbirn begonnen haben? Es war eine Zeit der Offenheit, der Pioniere der Moderne, die, auch wenn sie nicht wissen konnten, was herauskommen wird, von der Notwendigkeit und Richtigkeit der Einrichtung von sozialen Diensten überzeugt waren. Es gab auch Skeptiker und Gegner. Der Beweis aber ist erbracht: Wenn jährlich ca. 2.000 Menschen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene zu uns kommen, dann ist das auch eine Zustimmung zur Einrichtung als solche und zur Qualität unserer Arbeit. Es sind Menschen, die Orientierung suchen, Menschen die Hilfe brauchen und in unserer Einrichtung einen Weg finden, wie sie ihren Möglichkeiten entsprechend vorgehen können. Das Kapital, das die Gesellschaft in diese Arbeit investiert, ist gut angelegt. Die Zinsen sind der Ertrag für die Gesellschaft der Zukunft, wenn sich gezeigt haben wird, worin der Wert unserer Arbeit liegt. Nach Kosten und Nutzen zu fragen ist eine Frage, die sich auf die Gegenwart bezieht. Sie greift in unserem Zusammenhang zu kurz. Unsere Frage muß sein: Was wird gewesen sein? Daher ist auch hier die Frage des Verhältnisses relevant. Die Zukunft hat immer schon begonnen, sie zeigt sich als Gegenwart, wird nur verstanden als Vergangenheit. Dort wo´s eben war, soll ich als Begreifender, Erfahrender, Lernender, Denkender und Handelnder ankommen. In diesem Sinne ist unsere Arbeit immer ihrer Zeit voraus. Sie geschieht in der Gegenwart, zeigt sich aber erst in der Zukunft. Dem eine angemessene Form des Nachweises zu geben, daran arbeiten wir!

Dr. Michael Schmid ist
Leiter der IfS-Beratungsstelle
Dornbirn, Frühlingsstr. 11,
Tel. 05572/21331-0.