Statistik 1995

1. Anzahl der KlientInnen pro Beratungsart:
Immer mehr KlientInnen - immer mehr Not?

--Die Gesamtzahl der Personen, die 1995 ein- bzw. mehrmals die Beratungs- bzw. Betreuungsdienste des IfS in Anspruch genommen haben, beträgt 12.318. Diese Zahl ist nur bedingt mit der des Vorjahres zu vergleichen, da in der Statistik 1995 die Anzahl der KlientInnen aus den verselbständigten Bereichen (IfS-Schuldenberatung, IfS-Familienarbeit und IfS-Sachwalterschaft) nicht mehr enthalten ist.

--Die Aufschlüsselung der verschiedenen Beratungsarten macht deutlich, wie differenziert und spezifisch sich das Angebot an Beratung entwickelt. Diese Differenzierungen entsprechen (nach außen hin) der Nachfrage und der Notwendigkeit, die Angebote spezifisch zu benennen. Unter dem Überbegriff "Beratung" findet hier eine zunehmende qualifizierende Spezialisierung statt.

--Nach innen bedeutet diese Differenzierung die Anforderung an unsere MitarbeiterInnen, in mehreren Aufgabenbereichen tätig zu sein, und sich jeweils in mehreren Feldern zu qualifizieren.

--Die Steigerung der Klientenanzahl entspricht in etwa den Raten der letzten Jahre. Wir haben schon seit einigen Jahren dieselbe Ausgangssituation: wir müssen mit denselben personellen Ressourcen immer mehr Klienten beraten und betreuen. Und dies darf nicht zu Lasten der Qualität geschehen. Um unserem Anspruch - rasch und unbürokratisch zu helfen - gerecht zu werden, sichern wir jedem Klienten kurzfristig ein Gespräch zur Abklärung der Problematik bzw. zur Entwicklung einer sinnvollen Vorgangsweise zu. Längerfristige Beratungen oder Behandlungen - die oft für nachhaltige Veränderung notwendig sind - sind zum Teil erst nach einer Wartefrist möglich.

--Wir interpretieren die steigenden Klientenzahlen nicht allein mit ständig steigender Not in Vorarlberg. Vielmehr sehen wir darin vor allem ein steigendes Problem- und Verantwortungsbewußtsein vieler VorarlbergerInnen, die sich ihren Problemen stellen und diese verändern wollen.

--Für die nächsten Jahre erwarten wir - auf dem Hintergrund der Arbeitsmarktsituation, der Auswirkungen vielfältigster Sparmaßnahmen usw. - vermehrte soziale und existentielle Probleme und dadurch die verstärkte Inanspruchnahme der sozialarbeiterischen Hilfen und Beratungen.

2. Geschlechtsverteilung:
Ist die Not weiblich?

--Insgesamt sind knapp 2/3 der KlientInnen weiblich. Bei den Erwachsenen KlientInnen ist der Anteil etwas höher. Nur bei Kindern bis ins frühe Jugendalter sind es mehr Burschen, die Beratung und Therapie brauchen oder suchen.

--Es sind häufiger die Frauen, die Probleme und Konflikte sehen, diese auch verändern möchten und dies als einen Beitrag für die Partnerschaft, für die Familie sehen. Wenn die Bereitschaft des Partners bzw. der anderen Familienmitglieder und/oder die Ressourcen zur selbständigen Problemlösung nicht vorhanden sind, dann kann fremde fachliche Hilfe die Klärungsprozesse unterstützen, neue Wege aufzeigen, wieder motivieren und Veränderungen begleiten.

--In diesem Sinne ist nicht die Not weiblich. Die Bereitschaft - oft auch der Druck - zu (notwendigen) Veränderungen geht häufiger von Frauen aus.

Grafik

3. Altersverteilung der KlientInnen:
Klienten in den "besten Jahren"

--Die Altersverteilung aller IfS-Klienten insgesamt zeigt das "typische" Bild: Vor allem Erwachsene zwischen 25 und 45 Jahren nehmen die Angebote der IfS-Beratung und Betreuung in Anspruch.

--Es sind dies (quantitativ gesehen) mehrheitlich "ganz normale" Frauen, Männer, Mütter, Väter usw., die in Lebenskrisen, in Konfliktsituationen und bei Krankheit fachliche Hilfe brauchen und suchen. Es entspricht unseren Grundsätzen und Zielen, gerade auch jenen Menschen unsere Hilfe anzubieten, bei denen wir durch die Hilfe zur Selbsthilfe die Lebensgrundlagen sichern, Selbständigkeit verstärken und ganzheitliche Gesundheit weiterentwickeln können.

--Ebenso wichtig sind jedoch unsere Angebote, mit denen wir uns gezielt an Menschen bzw. Gruppen mit definierten Problemstellungen richten. Diese kommen in der Statistik quantitativ nicht so stark zum Ausdruck, sind uns aber in jedem einzelnen Aufgabengebiet ein ganz besonderes Anligen. Einige dieser Angebote - im Bereich der Kinder und Jugendlichen - sind:

--Wir sind uns sicher, daß es uns mit diesen spezifischen Angeboten gelingt, gezielt jene Kinder und Jugendliche zu erreichen, die Hilfen brauchen.

Grafik

4. Anmeldungsgründe:
Probleme zeigen sich am meisten dort, wo die Erwartungen am höchsten sind: in den Beziehungen

--Die Tabelle verdeutlicht, mit welchen Problemen und Themen sich Menschen an die verschiedenen Dienste des IfS wenden - differenziert in den Bereichen Kinder/Jugendliche und Erwachsene.

--In der Erwachsenenberatung sind es immer die Beziehungsprobleme und die emotional bedingten Probleme und Symptome, die Anstoß zur Anmeldung geben. Häufig sind es auch Anfragen und Sachthemen, die Anmeldungsgründe sind. Oft sind solche Fragen rasch und direkt zu beantworten, nicht selten sind sie jedoch ein Einstieg in ein anderes, persönliches Thema - wenn der Kontakt zu einem/einer BeraterIn zustande gekommen ist. Manchmal sind auch die eigentlichen Probleme, die zentralen Konflikte und jene Lebensbereiche, in denen Veränderung notwendig ist, gar nicht bewußt.

--Ein weiterer häufiger Anmeldungsgrund sind soziale und existentielle Probleme. Die Folgen von Arbeitslosigkeit, die oft schwierigen und bedrohlichen Situationen von Ausländerinnen in Vorarlberg, das Problem des Wohnens für sozial Schwache, Folgeprobleme nach Trennungen/Scheidungen, finanzielle Probleme usw. - dies und vieles mehr sind Ursachen und Gründe für oft dramatische existentielle Notsituationen.

--Häufig ungesehen und versteckt vor den anderen ist eine solche Not noch zusätzlich belastend, weil sie niemand sehen soll oder darf.

--In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind neben den emotional bedingten Problemen (als Ursache für viele Entwicklungs- und Verhaltensstörungen) insbesondere Erziehungsprobleme und Erziehungsfragen Ursache für die Anmeldung.Der hohe Anteil an "sozialen Problemen" und "Beziehungsproblemen" kommt durch die jugendlichen KlientInnen zustande - diese sind deren hauptsächlichen Anmeldungsgründe.

Grafiken

5. Initiative für die Anmeldungen:
Hilfe suchen ist eine Form der Selbsthilfe.
Bevor ich "muß", gehe ich lieber selber!

--Die Graphiken zeigen auf, auf wessen Initiative eine Anmeldung erfolgt ist.Bei den Erwachsenen ist es ein überwiegender Teil (69%) der KlientInnen, die sich selbst und direkt zur Beratung/Behandlung anmelden. Wir wissen, daß die Anmeldung oft Empfehlungen von Angehörigen, Bekannten bzw. von anderen Experten (z.B. Ärzten) vorangegangen sind und daß es manchmal ein weiter Weg war, bis sich jemand anmeldet. Die Statistik zeigt nur, wer sich letztlich direkt bei uns gemeldet hat.In der Arbeit insbesondere mit Kindern sind es erwartungsgemäß die Eltern, die überwiegend initiativ für eine Anmeldung (52%) waren.
--In beiden Bereichen wird aber auch deutlich, daß Anmeldungen und Überweisungen von verschiedensten Personen und Institutionen kommen. Im differenzierten sozialen Netz in Vorarlberg ist es heute eine Anforderung an alle dort Tätigen, die Zusammenarbeit und die Schnittstellen qualifiziert zu gestalten und effektiv handzuhaben.

Grafiken

6. Regionale Verteilung der KlientInnen:
Aus dem Rheintal mit ca. 65 % der Bevölkerung kommen ca. 71 % der KlientInnen

--In beiden Tabellen ist jeweils der Bevölkerungsanteil der Bezirke bzw. der Regionen im Land Vorarlberg dem Anteil der IfS-Klienten aus den Bezirken/Regionen gegenübergestellt. Wir möchten damit dokumentieren, daß unsere Dienste aus allen Regionen des Landes in Anspruch genommen werden. Mit unserer regionalen und dezentralen Angebotsstruktur konnten wir erreichen, daß wir für fast alle Menschen in Vorarlberg, die "Hilfe suchen oder brauchen" gut erreichbar sind. Unser Ziel ist es, noch bestehende Distanzen und Hürden abzubauen: durch verstärkte Zusammenarbeit mit Gemeinden, etwa durch die Auslagerung von Beratungszeiten in die Talschaften (z.B. das Beratungsangebot für das Klostertal in Dalaas) und Gemeinden.

--Im Gesamtvergleich sind KlientInnen aus dem Ballungsgebiet des Rheintals stärker repräsentiert als aus den Talschaften.

7. Spezielle Problembereiche in der Erziehungsberatung:
Aggressive Symptome fallen mehr auf, regressive Symptome sind aber weit häufiger.

Grafik

8. Spezielle Problembereiche in der Erwachsenen-/ und Paarberatung:
Ängste, Ohnmacht, Rückzug - die Kehrseite des modernen Idealtyps?

Grafik

9. Spezielle Problembereiche in der Psychotherapie:
Krankheiten haben oft psychische und/oder soziale Ursachen

--Seit 1995 verwenden wir in der psychotherapeutischen Behandlung den von der WHO entwickelten und verwendeten Diagnoseschlüssel ICD-10 ("internationale Klassifikation psychischer Störungen"). Bei unseren Klienten und Klientinnen in der Psychotherapie waren in diesem Jahr folgende Störungs- und Krankheitsbilder die häufigsten:

Häufigster Problembereich - Paar- und Eheberatung

--In der Arbeit mit Problemen, mit Symptomen und Störungen geht es uns nicht nur darum, diese zu beseitigen, sondern vor allem, sie im Kontext der Lebensumstände des Klienten zu sehen, zu verstehen, zu verarbeiten und gegebenenfalls Alternativen zu entwickeln.

--Oft genügen dafür ein oder wenige Gespräche. Häufig braucht es aber zur Bearbeitung komplexer Problemsituationen und Konflikte mehrere, kontinuierliche Gespräch bzw. eine längerfristige verbindliche Zusammenarbeit auf dem Hintergrund von fundierten Theorien und erprobten Handlungskonzepten (Methoden).

--SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, PsychotherapeutInnen, PädagogInnen, speziell ausgebildete BeraterInnen standen im vergangenen Jahr im IfS wiederum im Dienste von Menschen, die Hilfe suchten und Hilfe brauchten.

--Unser Anspruch ist es, diese Hilfe - und damit unsere Arbeit - qualifiziert, professionell und somit kostengünstig zu machen. Es gibt in dieser Arbeit nicht viele Rationalisierungsmöglichkeiten, keine allgemein gültige Rezepte und Lösungen. Die Herausforderung an die KlientInnen und an jede(n) unserer MitarbeiterInnen ist es, in jeder Beratung der Einzigartigkeit eines Menschen, seiner Lebenssituation und seinen Erfahrungen soweit gerecht zu werden, daß Verarbeitung möglich wird und sinnvolle Veränderungen entwickelt werden können. Wir setzen uns sehr mit der "Qualität" unserer Arbeit auseinander. Fachliche Grundausbildung aller MitarbeiterInnen, kontinuierliche Fort- und Weiterbildung, oft weitere und zusätzliche Ausbildungen, regelmäßige Supervision und Praxisreflexion, das Zusammenarbeiten in interdisziplinären Teams, ständige Entwicklung und Innovation in unserer Organisation und der Art, wie wir unsere Arbeit organisieren und anbieten, professionelle Kommunikation mit den Klienten und "Kunden" usw.: das sind die Anforderungen an Qualität in und an unsere Arbeit, für die das Institut für Sozialdienste schon seit über 25 Jahren steht.

--Gerade im vergangenen Jahr haben wir uns zusätzlich intensiv damit beschäftigt, wo wir die Qualität unserer Arbeit weiter verbessern können: in der genauen Zielklärung, im Umgang mit Fehlern und Mißerfolgen, im Lernen aus "Erfolgen", durch das verstärkte Einholen von Rückmeldungen unserer KlientInnen, durch das strukturierte und ständige Reflektieren der eigenen Arbeit usw.

--Wir verstehen Qualität in unserem Arbeitsfeld nicht als technisch und mathematisch definierbare Größe. Qualität muß ständig neu ausgehandelt werden, zwischen allen an dieser Tätigkeit Beteiligten: den Kunden (den KlientInnen), den Bezahlern dieser Leistungen (Großteils das Land Vorarlberg und die Gemeinden und indirekt wir alle) und den BeraterInnen. In diesem Sinne verstehen wir auch die Entwicklungen im Finanzierungssystem in Vorarlberg (Stichwort: Sozialfond), die aktuellen Sparmaßnahmen auf allen Ebenen als eine Herausforderung, diese Diskussion immer wieder zu führen:

--Nicht das gegeneinander Ausspielen der Gegensätze (zwischen den "Sparern" und den "Schmarotzern") sondern das Aushalten und das Führen dieser Diskussion zwischen den verschiedenen Beteiligten kann sicherstellen, daß die Aufwendungen im sozialen Bereich denen zugute kommt, die sie brauchen und insgesamt einen Nutzen für unser Gemeinwohl bringt.

Dr. Stefan Allgäuer

 

--
--[1995]--[Verein]--[Inhalt]--[Kontakt]--[Umfrage]