Das Institut für Sozialdienste:

Mehr als nur der Feuerlöscher der Gesellschaft

 

Das Wort "sozial" ist in vieler Munde. Wie bei allen (zu) oft gebrauchten Worten hat es da und dort einen schalen Beigeschmack bekommen. Der Begriff an sich heißt: auf den Nächsten bezogen. In Mißkredit geraten ist es durch ein falsches Verständnis des Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaates. Selbstverständlich ist der Staat nicht für das Wohl des Einzelnen verantwortlich. Genauso selbstverständlich ist er aber zuständig, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die es jedem ermöglichen, für sein eigenes Wohl zu sorgen. Manche brauchen viel Hilfe, andere weniger, manche gar keine.

Soziale Arbeit steht auf zwei Standbeinen. Zum einen die konkrete Hilfe in Krisensituationen, zum anderen die präventive, also vorbeugende Arbeit. Gerade in Sparpaketzeiten wird der zweite Aspekt gerne vernachlässigt. Vorbeugende Maßnahmen lassen sich kaum statistisch erfassen, Erfolge sind nicht sofort sichtbar und schon gar nicht meßbar. Unbestritten ist allerdings, daß vorbeugende Sozialarbeit der Gesellschaft jede Menge Folgekosten erspart. Ein Beispiel: In der Plattform "Gesundheitsförderung" haben sich verschiedene Institutionen in Vorarlberg zusammengeschlossen: mit diesem Thema befaßte Abteilungen des Amtes der Vorarlberger Landesregierung, die Vorarlberger Gebietskrankenkasse, die Pädagogischen Institute des Landes und des Bundes, das Institut für Sozialdienste, der Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin sowie die Stiftung Maria Ebene - SUPRO, Werkstatt für Suchtprophylaxe. Die Plattform will Projekte zum Thema "Gesundheit" planen und koordinieren. Ein Weg, die explodierenden Kosten in diesem Bereich einzudämmen - auch wenn das erst in Zukunft wirksam wird. Ausgehend von der Erkenntnis, daß Gesundheit mehr ist als nur die Abwesenheit von Krankheit, daß körperliche, emotionale, psychische und soziale Faktoren eng miteinander verknüpft sind, wird somit gleich das große Aufgabengebiet der Sozialarbeit umrissen.

In Vorarlberg geht man seit fast drei Jahrzehnten einen konsequenten Weg. Mehr und mehr tritt die ambulante Betreuung gegenüber einer stationären in den Vordergrund. Das ermöglicht ein effizienteres Arbeiten. Die bestehenden Ressourcen kommen mehr Menschen zugute. Gleichzeitig bekommt in einer ambulanten Betreuung die Selbständigkeit und Eigenverantwortung des Einzelnen einen größeren Stellenwert. Ein anderes Charakteristikum in der Vorarlberger Soziallandschaft sind die privaten Träger. Sie bewirken eine höhere Akzeptanz bei den Menschen, arbeiten mehr nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, sind meist niederschwelliger und orientieren sich am Klienten. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Finanzierung erfolgt leistungsbezogen, das viel kritisierte Gießkannenprinzip wird so ausgeschaltet, die vorhandenen Mittel werden zielführend eingesetzt.

 

Beispiel:

Institut für Sozialdienste

 

Das Feld der sozialen Arbeit beim Institut für Sozialdienste erstreckt sich im wesentlichen auf vier große Bereiche. Der erste: Sicherung der Lebensumstände bei Arbeitslosigkeit, Schulden, Wohnungsnot und ähnlichen Krisen. Zweitens: die Arbeit im zwischenmenschlichen Bereich - Beziehungen, familiäre Probleme, Erziehungsfragen. Ein dritter Aspekt ist die therapeutische Arbeit bei psychischen und psychosomatischen Störungen. Schließlich als vierter Bereich die Hilfe für Menschen in besonderen Lebenslagen, also behinderte Menschen, von Gewalt bedrohte Frauen und Kinder, Alleinerzieher und andere. Keiner dieser Bereiche kommt isoliert vor. Ein Problemfeld zieht meist ein anderes mit sich. Diese "Vernetzung" der Probleme erfordert auch eine Vernetzung des Hilfsangebotes. Die oft gehörte Kritik, daß das soziale Netz zu groß, zu bunt, zu unklar geworden ist, geht ins Leere, wenn die Koordination und die Transparenz zwischen den einzelnen Institutionen gegeben ist. Dann bedeutet eine bunte Palette an sozialem Angebot auch eine Vielzahl an Möglichkeiten für den Einzelnen. Die Chance wird größer, die individuell richtige Hilfestellung geben zu können.

Soziale Arbeit ist verbunden mit der Gesellschaft. Beide sind einem steten Wandel unterworfen. Die soziale Arbeit heute ist anders als sie vor 20 Jahren war und soziale Arbeit in 20 Jahren wird anders sein, als sie sich heute präsentiert. Dabei steht sie vor dem paradoxen und leider nicht zu erreichenden Ziel, sich selbst überflüssig zu machen. Es wäre uns lieber, wenn wir nicht gebraucht würden. Realistisch ist das leider nicht. Wohin geht also die Entwicklung?

 

Wir sehen uns als Dienstleistungsunternehmen

Im Berufsbild der im sozialen Bereich Tätigen hat sich einiges, um nicht zu sagen viel verändert. Angefangen aus der menschlichen Regung, anderen zu helfen, ist später eine Professionalisierung eingetreten, die eine Distanz zwischen Klient und hauptberuflicher Fachkraft brachte. Mit dem negativen Aspekt, daß man sich da und dort zuwenig am Hilfesuchenden orientiert hat. Hier geht die Entwicklung wieder verstärkt dahin, den Klienten und seine Bedürfnisse, Wünsche und Ziele in den Mittelpunkt zu stellen. Das spiegelt sich auch in unserem Selbstverständnis wieder: Das Institut für Sozialdienste versteht sich als Dienstleistungsunternehmen. Wie bei jedem anderen Unternehmen dieser Art wird die Qualität der Arbeit ganz wesentlich vom Kunden mitbestimmt.

Neben diesen methodischen Faktoren gilt es, die großen anstehenden Themen zu erkennen und frühzeitig darauf zu reagieren. Das sind in nächster Zukunft vor allem zwei Schwerpunkte. Zum einen der Themenbereich Arbeitslosigkeit und alles was damit verbunden ist, also Existenzprobleme, Wohnungsnot, Schulden, Depressionen etc., zum anderen das ständig fortschreitende Auseinanderdriften verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und deren Polarisierung. Deutlich wird das bei diversen Jugendgruppen. Ein Warnsignal, dem sich die soziale Arbeit nicht verschließen kann. An Jugendlichen zeigt sich oft die Problematik einer Gesellschaft als erstes.

Diese Themen kann die soziale Arbeit nicht allein lösen. Zu tief spielen hier gesellschaftspolitische Faktoren hinein. Hier steht die soziale Arbeit vor der schwierigen Aufgabe, einen lupenreinen Spagat vollführen zu müssen: Sie muß in Not geratenen, ausgegrenzten Menschen helfen, darf dabei aber nicht stehenbleiben. Sonst wird die Hilfe für die Ausgegrenzten auch zur Hilfe für ein System, das diese Menschen ausgrenzt. Mit anderen Worten: Sozialarbeit muß mehr sein als ein Systemerhalter, mehr als nur der Feuerlöscher der Gesellschaft. Es gilt darüber hinaus gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufzuzeigen, sich in die gesellschaftspolitische Diskussion einzuschalten.

Das Ziel: Den Menschen in den Mittelpunkt der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Betrachtungsweisen zu stellen. Daran arbeiten wir mit.

Dr. Stefan Allgäuer
IfS-Geschäftsführer

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