jahresbericht

IfS-Beratungsstelle Dornbirn
Was wir von einem Wasserbecken lernen können
Tsukubai ist ein Wasserbecken aus Stein, auf dem eine Schöpfkelle aus Bambus liegt. Vor Beginn der traditionellen japanischen Teezeremonie benetzt man die Hände mit Wasser. Dazu wird die Kelle mit Wasser angefüllt, das dann über die jeweils freie Hand geträufelt wird. Der rituelle Charakter dieser Handlung kommt in der einzigen Inschrift zum Ausdruck, die eines Tsukubai würdig ist: „Ich lerne zufrieden zu sein.“

Was will uns das Wort zufrieden sagen? Der Alltag an einer IfS-Beratungsstelle ist eine Schule des Hörens, die uns darin unterweist, auf das gesprochene Wort zu hören. Machen wir von dieser Schulung Gebrauch und fragen uns, was wir hören, wenn wir das Wort zufrieden hören? Zunächst einmal stellt es eine Verschmelzung von zu und Frieden dar und es beschreibt einen Zustand des Seins: Ich bin zufrieden. Ein Wort offenbar, das sich auf die Dimension des Seins, nicht auf die Seite des Habens bezieht. Es enthält das Wort Frieden, das wir eigentlich nur negativ bestimmen können, nämlich als Abwesenheit von Krieg, Streit und Gewalt. Frieden bedeutet auch Schutz und Sicherheit, aber auch Grenze. Wir sprechen von Einfriedung, wenn wir einen Schutzzaun oder eine Schutzmauer meinen. So gesehen umfasst das Wort Frieden auch die Grenzziehung, das unstreitige Sich-Abgrenzen, das Scheiden und Unterscheiden. An den Grenzen ereignen sich Vorfälle, die zwischen Krieg und Frieden entscheiden. Scheiden, Unterscheiden gehört zur Fähigkeit des Urteilens. Ein Urteil beinhaltet eine ursprüngliche Teilung, durch welche sich ein Innen vom Außen unterscheiden lässt. Das UrTeilen macht die Unterscheidung von Ich, Du und Es möglich, wodurch wir Menschen uns als Individuen begreifen können und uns unterscheiden lernen vom Du, dem anderen Menschen und von den Dingen, die uns umgeben. Der ursprüngliche Charakter der Verbindung von zu und Frieden bleibt gewahrt, wenn das zu als ein Wort aufgefasst wird, das eine Richtung angeben will. Gehen wir dem weiter nach, stellen wir fest, dass das zu ursprünglich als Präposition regiert hat, ohne Rücksicht auf Bewegung oder Ruhelage. Verbreiteter, und dem heutigen Sprachgefühl entspricht es auch mehr, ist das zu als Bezeichnung für eine Bewegung auf etwas zu oder auf einen Punkt hin.



Zufrieden bezeichnet so gesehen ein ständiges auf den Frieden Zugehen. „Ich lerne zufrieden zu sein“ heißt, lernen, sich auf seine Grenzen zu bewegen, sich in seinen Grenzen zu bewegen, heißt lernen, die Grenzen des anderen und der Dinge zu beachten. Dass dies nicht einfach ist, gibt das Ich der Aussage zu verstehen. Es ist das Ich, das spricht, das lernen will, sich zu beschränken. Lernen ist ein fortwährender Prozess der Aneignung, der nicht abschließbar ist, ohne dass ich aufhöre, ein Lernender zu sein.

Die hohe Rate an Fragen und Problemen im Zusammenhang mit Beziehung, mit denen wir uns in diesem Jahr beschäftigt haben, seien es Trennungs- und Scheidungskonflikte, Ablösungskämpfe, Übergriffe, Einschüchterungen, Demütigungen oder Gewaltanwendungen, können als „Grenzverletzungen“ bezeichnet werden, die an jener Umfriedung auftreten, die wir das Individuum nennen. Fehlende Einfriedungen, Grenzkonflikte, Territorialansprüche auf das Gebiet des anderen, Herrschafts- und Machtausübung, Liebesverlust und Verlassenheitsängte „stören“ die Zufriedenheit. Manchmal lassen die vielen Kämpfe das eigene Territorium öd und leer erscheinen. Manchmal sind sie Anlass für einen Rückzug soweit hinter die Grenzen, dass eine Berührung, ein „Grenzkonflikt“ unmöglich wird. Niemand hat ein Patentrezept. Auch nicht Mitsukuni Tokugawa (1626-1700), auf den die Einführung des Tsukubai zurückgeht. Soviel aber ist gewiss: „Ich lerne“, heißt, nicht nachzulassen in seinem Bestreben. Und dafür sind wir da.


Dr. Michael Schmid
Leiteri der IfS-Beratungsstelle Dornbirn

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