jahresbericht

Ein Überblick von IfS-Geschäftsführer Dr. Stefan Allgäuer
Jahresbericht 2003
1. KlientInnenzahlen – wir wachsen weiter

Der langjährige Vergleich zeigt ein ständiges Wachstum der Anzahl jener Menschen, mit denen wir jährlich – ein- oder mehrmals – in helfendem Kontakt sind. So stieg die Anzahl der KlientInnen seit 1995 um 88 %, seit 2000 um 17 % und sein dem vergangenen Jahr um 6 %. Dieses Wachstum der Anzahl der KlientInnenzahl ist nicht Ergebnis von Personalausweitungen und Steigerungen der Finanzierung durch Land, Gemeinden und Bund, sondern musste trotz großteils nur indexierter Budgets bewältigt werden.

Unsere Strategie zur Bewältigung dieser „Schere“:
• wir gestalten bewusst offene Zugangsbereiche, in denen wir einen sofortigen Kontakt, eine erste Abklärung, eine Information und erforderlichenfalls eine Krisenintervention ermöglichen. Dies erfolgt insbesondere in den Bereitschaftsdiensten der Beratungsstellen in Bregenz, Dornbirn, Feldkirch und Bludenz, in den offenen Sprechstunden der Schuldenberatung usw.
• Der Zugang zu den speziellen Fachdiensten ist kontingentiert. Hier gibt es – je nach Bereich und Zeitpunkt – begrenzte Aufnahmekapazität und Wartezeiten.

2. Das Wachstum erfolgt differenziert
Die relativ größten Steigerungsraten haben wir in jenen Bereichen, in denen wir wegen (teil)stationärer Betreuung nur (relativ) geringe Zahlen haben. So stieg die KlientInnen-Zahl in der IfS-Sozialpädagogik seit 2000 um 85 %, im IfS-Fundament um 57 %. Diese Ergebnisse können – bei indexierten Budgets – nur erreicht werden, wenn die Aufenthaltsdauer im stationären Bereich deutlich gesenkt wird und ambulante Lösungen, geringer betreute Lösungen forciert werden. Diese Entwicklung ist herausfordernd, in vielen Fällen durchaus richtig, hat aber auch seine Grenzen. In den ambulanten Beratungsbereichen ist die Steigerung der Klientenzahlen in der IfS-Schuldenberatung immer noch sehr hoch (z.B. seit 2000 + 40 %), in der Erziehungsberatung (+34 %) und in der Erwachsenen- und Familienberatung (+14 %) nach wie vor stark. In Spezialbereichen wie z.B. der Psychotherapie, der IfS-Frauennotwohnung oder der IfS-Sachwalterschaft sind die Möglichkeiten zur „Rationalisierung“ schon längst ausgeschöpft. Deshalb können hier ohne Ausweitung der personellen Ressourcen (und damit der Kosten) keine Steigerungen mehr bewältigt werden, ohne die bestehende Qualität der Betreuung fahrlässig zu gefährden. Mehrmonatige Wartezeiten oder die Anforderung, nach Alternativen zu suchen sind hier erforderlich.

3. Fachgruppe IfS-Opferschutz:
Die Zusammenlegung hat sich bewährt
Die im vergangenen Jahr erfolgte – organisatorische – Zusammenlegung der Opferschutzaktivitäten hat sich bewährt. In die 2003 neu installierte Fachgruppe „IfS-Opferschutz“ wurden folgende Bereiche gruppiert:
• Frauennotwohnung
• IfS-Interventionsstelle
• IfS-Kinderschutz der Beratungsstellen
• Prozessbegleitung

Insgesamt konnten wir in diesen 4 Aufgabenfeldern 734 KlientInnen (Mehrfachnennungen möglich) begleiten / betreuen. Die Anzahl ist – je nach Perspektive – vielleicht nicht so hoch wie erwartet. Die Sensibilität für dieses Thema und die fast täglichen Meldungen in den Medien erwecken ein anderes Bild. Trotzdem: jede dieser eskalierenden Gewaltsituationen ist eine zu viel und rechtfertigt Schutz und Hilfe für die Betroffenen und weitergehende präventive Bemühungen. Die Opferschutztagung im September 2003 war sichtbarer Ausdruck dafür, dass ein gemeinsames fachliches Verständnis entwickelt wird und dieses Fachgebiet Sinnvollerweise als Ganzes gesehen werden kann, auch wenn in den einzelnen Handlungsfeldern ganz unterschiedliche Anforderungen und Herausforderungen gestellt sind.

4. Symptome – Beziehungsprobleme im Vordergrund
Insgesamt und über alle Bereiche hinweg gesehen stehen die beziehungsbedingten Probleme, Krisen und Konflikte bei den IfS-Beratungen weit im Vordergrund. Bei über 50 % der KlientInnen sind Beziehungen – besser gesagt die Probleme darin – Auslöser für Schwierigkeiten bzw. für die Suche nach Hilfe. Die Ursachen dafür sind vielfältig
• An Beziehungen (an die Partner, an die Eltern, an Jugendliche .....) werden heute Anforderungen gestellt, auf die wir (in den Beziehungen, die wir erlebt haben und in denen wir gelernt haben) nicht vorbereitet sind. Die Modelle tragen nicht (mehr), jede/r muss seine individuelle Lösung suchen und finden. Beratung heißt hier: Beziehung lernen.
• Beziehungen können Probleme kompensieren und auffangen. Ebenso können in Beziehungen Probleme verstärkt und multipliziert werden. Die Arbeitslosigkeit und der Wertverlust eines Elternteiles ist ein Identitätsverlust für alle. Ein Einkommensverlust heißt Einschränkung und soziale Scham für alle. Die Überforderung und Überlastung des einen muss von den anderen ertragen und „ausgebadet“ werden. Und so weiter. Solidarität und Gemeinsamkeit einerseits sowie Individualität und Abgrenzung andererseits – beides muss je neu gesucht und erarbeitet werden. Beratung ist ein Weg zum Ich und Du.
• Beziehungen sind nicht schlechter wie früher, wir Menschen schon gar nicht. Es gibt heute mehr Möglichkeiten, Beziehungen zu leben, mehr Entwicklungsmöglichkeiten und mehr Veränderungsmöglichkeiten in Beziehungen. Dadurch auch mehr Krisen, mehr Brüche, mehr individuelle Wege. Beratung ermöglicht Wachstum und Entwicklung.

5. Ergebnisse: Reflexion, Auswertungen und Evaluation
Wir überprüfen die Ergebnisse jeder Beratung auf mehrfache Art und Weise. Je länger und intensiver die Arbeit war, umso mehr. Dies entspricht den modernen Anforderungen an qualitative Arbeit auch im sozialen Bereich und ist notwendig für den Nachweis der zweckmäßigen Verwendung von öffentlichen Mitteln.
• Jede Beratung muss vom Berater selbst in seiner Wirkung, in seiner Zielerreichung und in seiner Effizienz eingeschätzt werden. Diese Einschätzung wird dokumentiert, jährlich ausgewertet und interpretiert.
• Jede (längere) Beratung wird mit dem Klienten im Hinblick auf Zielerreichung besprochen und bewertet. Ebenso erhalten alle KlientInnen die Möglichkeit einer anonymen Rückmeldung. Auch diese Rückmeldungen werden ausgewertet.
• Schwerpunktmäßig werden jedes Jahr einzelne Bereiche gesondert ausgewertet und analysiert. So wurden im Jahr 2003 z.B. folgende neutrale Auswertungen gemacht:
• eine Langzeitstudie über die Wirkung von Beratungen (Expertenteam)
• eine Befragung und Auswertung der Ergebnisse der KlientInnen des Bereitschaftsdienst der IfS-Beratungsstellen (Meinungsforschungsinstitut)
• Geschützte Arbeitsplätze (IfS-Reha): Auswertung der Wirkungen dieser Tätigkeit für die Betriebe (Dipl. Arbeit der Wirtschaftsuniversität Wien)
• Evaluation Jugendintensivprogramm
• Wir werten systematisch alle Beschwerden über unsere Tätigkeit aus und versuchen, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Anzahl der jährlichen Beschwerden ist relativ gering – gerade deshalb nehmen wir die Inhalte ganz besonders ernst.

Wir wissen aus all diesen Rückmeldungen und Erfolgsmessungen, dass unsere Arbeit viel bewirken kann. Und es ist unser Anspruch, diesem Anspruch auch in möglichst jedem Kontakt mit unseren KlientInnen so weit wir möglich gerecht zu werden.

6. Ein- und Ausblicke
Die Schere wird sich weiter öffnen. Die gesellschaftlichen Entwicklungen weisen nicht darauf hin, dass eine Entlastung für den Einzelnen, die Familien usw. zu erwarten ist. Im Gegenteil.
• Die Symptomatik von Kindern und Jugendlichen, die von der Gesellschaft jene Antworten provozieren, die sie von ihren Eltern nicht bekommen, wird weiter steigen.
• Der Widerspruch zwischen der ersehnten und der erlebten Beziehungsqualität wird weiter steigen. Der Anspruch, die daraus folgenden Konflikte nicht mit Gewalt, sondern mit Kommunikation und Kreatitivät zu leben, erfordert viel Lernen.
• Der Widerspruch zwischen der Lebensrealität von Menschen und dem erwarteten, selbstverständlichen „Normalbild“ vergrößert sich. Die Risiken, heraus zu fallen, belasten viele. Neben Scham, Armut, sozialem Rückzug usw. auf der einen Seite bedeutet dies auch Stress, Überlastung und Überforderung – mit allen Folgesymptomen – für viele auf der „anderen“ Seite.

Es liegt mir fern, ein drastisches Negativbild unseres Landes und unserer Zeit zu zeichnen. Ganz im Gegenteil. Wir leben in einem Land in dem es vielen sehr gut geht. Wir leben in einer Zeit mit vielen spannenden Herausforderungen für Viele. Gerade deshalb dürfen und können wir auch auf die Rückseite dieser unserer (kleinen) Welt schauen. Als IfS sind wir – auch mit dem, was wir tagtäglich in unserer Arbeit sehen – ein Teil unseres Landes Vorarlberg. Wenn es Menschen gelingt, sich zu entwickeln, sich zu verändern, Krisen zu meistern, Probleme zu bewältigen und je neu sich zu orientieren, so ist das nicht „nur“ ein „Social Profit“ für jede/n Betroffene/n selbst, sondern letztlich auch ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Profit für uns alle.

Im vorliegenden Jahresbericht 2003 vermitteln wir Ihnen aus unseren unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen einen noch vielseitigeren Blick auf das, was wir tun, was wir sehen und was wir mit unserer Arbeit erreichen. Vielleicht ermöglichen wir damit allen – noch so unterschiedlichen – LeserInnen einen Zugang zu unseren Erfahrungen und Leistungen.

Dr. Stefan Allgäuer
IfS-Geschäftsführer
allgauer.stefan@ifs.at

zurück zum Inhaltsverzeichnis weiter