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Wenn sich Männer wehrlos fühlen

Röthis, den 5. November 2013

Der Umgang von Jungen und Männern mit erlebter Gewalt. Erkenntnisse eines bundesweiten Projektes.

Jungen und Männer, die von körperlicher oder psychischer Gewalt betroffen sind, sprechen kaum über ihre schmerzlichen Erfahrungen. Gefühle von Wehrlosigkeit und Scham, von Schwäche und Versage führen bei vielen Betroffenen zu Sprachlosigkeit und zum Verdrängen des Erlebten. „Zu diesen Ergebnissen gelangte ein Projekt der österreichischen Männerberatungsstellen“, erklärt Martin Brüstle, der im ifs als Berater für männliche Opfer von Gewalt tätig ist. „Dabei haben Betroffene das Recht, sich professionelle Hilfe zu holen. Es ist wichtig, diesen vertrauensvoll und achtsam zu begegnen.“


Basierend auf den langjährigen Erfahrungen in der Arbeit mit Jungen und Männern haben sich österreichische Männerberatungsstellen in dem mehrstufigen Projekt „Da war ich wehrlos“ mit Opfer-Erfahrungen ihrer Klienten befasst. Das Erleben von körperlicher und psychischer Gewalt, das Erfahren von Misshandlung und Erniedrigung führt auch bei Jungen und Männern häufig zu Verzweiflung, Scham, Trauer, Wut, Verunsicherung. Die starken Gefühle werden als unangenehm und bedrohlich erlebt. Viele Betroffene verharmlosen, verschweigen und bagatellisieren die erlebte Gewalt. Sie holen sich selten und spät Hilfe.

Verdrängung ist keine Lösung
„Das Erlebte wird gern verdrängt“, erläutert Arno Dalpra, der die Erfahrungen der Plattform für Gewalt zusammenfasst: „Sich Gewalterfahrungen einzugestehen, ist an sich eine Überwindung und wird gerade für Jungen und Männern dadurch erschwert, dass dies mit Versagen und Schwäche in Verbindung gebracht wird. Nicht selten fühlen sich Betroffene für erlittene Gewalt sogar selbst schuldig.“ Verdrängung ist manchmal eine notwendige und hilfreiche Form, mit erlebtem Leid umgehen und leben zu können: Nicht darüber zu sprechen kann den Eindruck erwecken, die Erlebnisse seien nicht vorhanden, die schmerzliche Erfahrung wird ausgeblendet. Diese Distanz zur eigenen Verletztheit lässt aber auch keine Nähe zu sich selbst und zu anderen zu. Das Erlebte nicht wahrhaben zu wollen, nicht zu akzeptieren, kann sich negativ und störend auf das gegenwärtige eigene Leben und auf Beziehungen auswirken. Zudem führt erlebte Gewalt häufig dazu, dass Betroffene später selbst Gewalt anzuwenden.

Aufgabe von Männerberatern ist es, von Gewalt betroffene Männer ernst zu nehmen und ihnen Zuwendung zu geben. Es geht darum, gewaltvolles Verhalten wahrzunehmen, zu benennen und sich dagegen auszusprechen. Das erfordert Zeit, Hingabe und Konfrontation mit dem Erlebten.

Dabei ist auch auf die Sprache zu achten: Die Beratungsstellen empfehlen, den „Opfer“-Begriff differenziert und behutsam zu verwenden. Zwischen der Fremdzuschreibung „Opfer“ und der Selbstbezeichnung ist sinnvollerweise zu unterscheiden. Jemanden anderen als „Opfer“ zu bezeichnen, kann diskriminierend und stigmatisierend sein. Das Gefühl zusätzlicher Erniedrigung könnte damit einhergehe und eine Festschreibung als „Opfer“ erschwert Veränderungspotential.

Sehr wohl aber kann die Bezeichnung „Opfer“ hilfreich sein, um unmissverständlich deutlich zu machen, dass eine Person Gewalt ausgesetzt war, um eine schmerzvolle, ohnmächtige Erfahrungen zu benennen, vor allem wenn Betroffene damit die eigene Situation bezeichnen.

Männer haben ein Recht auf Emotionen
Betroffene reden eher über ihre belastenden Erfahrungen, wenn sie auf Menschen treffen, die damit vertrauensvoll und ohne Vorurteile umgehen. Männer, die Gewalt ausgesetzt waren, haben ein Recht auf Emotion, darauf, Angst haben zu dürfen. Akzeptanz, Raum und Zeit, Respekt, Achtsamkeit und Zuwendung sind Rechte, die vom Umfeld und professionellen Helfern respektiert bzw. garantiert werden sollen.

Burschen und Männer brauchen Ermutigung, um ihre eigenen Opfererfahrungen wahrnehmen und ausdrücken zu dürfen. Ziel sollte es sein, jemanden zu befähigen, selbst die Verantwortung für die Bewältigung von Gewaltfolgen übernehmen zu können. „Außerdem sind Österreichs Männerberatungsstellen davon überzeugt, dass eine erhöhte gesellschaftliche Akzeptanz auch präventiv wirken kann, Gewalttaten durch ehemals betroffene Männer abnehmen, wenn diese Möglichkeiten vorfinden, um ihre eigenen Opfer-Erfahrungen auszudrücken und zu bearbeiten“, so Brüstle abschließend.

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Fact-Box

Mag. Martin Brüstle

Ansprechperson für männliche Opfer von Gewalt
ifs Gewaltschutzstelle
T 05 1755 535
» E-Mail .

Arno Dalpra
Mitglied der Plattform gegen Gewalt
T 05 1755 4405
» E-Mail .

Bernhard Fuchs
» E-Mail .
www.vordermann.at.